Dank DNA-Nachweis

Mord vor 25 Jahren: Gerichtsprozess hat begonnen

DORTMUND - Eine Schülerin wird auf dem Heimweg überfallen und erwürgt. 25 Jahre später blicken die Eltern dem mutmaßlichen Täter vor dem Dortmunder Landgericht ins Gesicht.

Niemals hatten Siegrid und Joachim Schalla aufgegeben. An jedem einzelnen Tag in den vergangenen 25 Jahren hatten sie gehofft, dass man den Mörder ihrer Tochter Nicole Denise doch noch findet. Am Montag blickten sie im Saal 130 des Dortmunder Schwurgerichts dem mutmaßlichen Täter ins Gesicht.

Ralf H. ist ein schmaler Typ mit langem, dunklen Pferdeschwanz. Selbst wollte der 53-Jährige zu Prozessbeginn gar nichts sagen. Über seinen Verteidiger Ralph Giebeler ließ er lediglich vortragen, dass er den Vorwurf bestreite. Die Eheleute Schalla reagierten auf diese Erklärung nicht. Unter den Zuschauern wurde höhnisch gelacht.

Opfer zu Tode gewürgt

Staatsanwalt Felix Giesenregen ist davon überzeugt, nach mehr als einem Vierteljahrhundert den wahren Täter angeklagt zu haben. Am 14. Oktober 1993 soll Ralf H. die 16-jährige Schülerin Nicole Denise Schalla von einer Bushaltestelle verfolgt haben. Nach wenigen Schritten habe er sie angegriffen und versucht zu vergewaltigen, heißt es in der Anklageschrift. Als die Schülerin sich wehrte, soll Ralf H. beide Hände um ihren Hals gelegt und zugedrückt haben. Der Todeskampf dauerte mehrere Minuten. Das Mädchen hatte den Täter wohl nicht kommen gehört, weil es einen Walkman mit Kopfhörern trug.

Nicole Denise Schalla war in den Herbstferien 1993 erstmals alleine zu Hause geblieben. Ihre Eltern ahnten in den Niederlanden nichts von dem Drama. "Sie war mein Ein und Alles", erinnerte sich Vater Joachim Schalla vor Gericht mit stockender Stimme. "Sie war immer zielstrebig und sehr intelligent." Mutter Siegrid weiß noch ganz genau, wie sie am Morgen des 14. Oktober 1993 noch einmal mit ihrer Tochter telefonierte. Für den nächsten Tag war die Rückkehr der Eltern angekündigt. "Und sie hat gesagt, sie würde uns Plätzchen backen", so die Zeugin. In diesem Moment liefen Tränen über die Wangen der 64-jährigen Frau.

Verteidiger sieht nur Indiz

Dass ein Fall nach so langer Zeit möglicherweise doch noch aufgeklärt werden kann, hängt mit den immer besseren und moderneren DNA-Untersuchungsmethoden zusammen. Auf der Leiche hatten die Ermittler damals eine einzelne Hautschuppe gesichert. Und im Sommer gelang endlich der Durchbruch. Ein Treffer in der Datenbank führte die Polizei zu Ralf H., einem mehrmals vorbestraften Gewalttäter aus Castrop-Rauxel, der nach Angriffen auf Frauen auch schon in der Sicherungsverwahrung untergebracht war. Verteidiger Giebeler will das Indiz aber keineswegs bereits als Beweis gelten lassen. "Es gibt noch mehr männliche DNA am Körper, die noch nicht zugeordnet werden konnte", sagte er am Rande des Prozesses.

Der Mordfall hat nicht nur die Polizei, sondern auch den Busfahrer von damals nie losgelassen. Der heute 57-Jährige, aus dessen Fahrzeug Nicole Denise gegen 22.45 Uhr ausgestiegen war, um die vielleicht 200 Meter nach Hause zu laufen, ist bis heute erschüttert. Er wisse noch, dass zusammen mit dem Mädchen ein junger Mann den Bus verlassen habe, sagte der Zeuge den Richtern. Den Angeklagten erkenne er allerdings nicht wieder. "Jedes Mal, wenn ich am Tatort vorbeifahre, muss ich an die Sache denken", sagte der 57-Jährige den Richtern. Als er im Sommer von der Festnahme erfuhr, habe er die Faust geballt und innerlich gejubelt.

Rubriklistenbild: © Bernd Thissen (dpa)

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