Diskussion ist entbrannt

Kritik: Schulministerium will Wirtschaft als Schulfach einführen

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Kreis RE - Mehr Unterricht im Bereich Wirtschaft – mit dieser Ankündigung hat das Schulministerium heftige Kritik ausgelöst. So wird zum Beispiel statt eines Wirtschaft-Schwerpunkts mehr politische Bildung gefordert.

Ein neuer Fächer-Schwerpunkt Wirtschaft? „Das ist so überflüssig wie sonst was“, schimpft Dieter Cohnen von der Landeselternschaft der Gymnasien. Diese gehört zu den fünf Elternverbänden, die in einem offenen Brief an das Ministerium massiv gegen die geplante Wirtschafts-Stärkung an allen weiterführenden Schulen protestiert.

Laut Schulministerium wird schon zum kommenden Schuljahr an den Gymnasien im Zuge der Umstellung auf G9 ein neues Fach Wirtschaft-Politik etabliert. An Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen wird das neue Fach zum Schuljahr 2020/21 eingeführt oder gestärkt. Die Schüler sollten so „bestmöglich auf ihre Zukunft und den Einstieg ins Berufsleben vorbereitet“ werden, begründet Schulministerin Yvonne Gebauer von der wirtschaftsfreundlichen FDP. Mit dem Fach Wirtschaft setzt die schwarz-gelbe Landesregierung ein Projekt aus dem Koalitionsvertrag um.

„Wirtschaftliche Themen werden bereits heute fächerübergreifend gut behandelt. Es besteht keine Notwendigkeit für eine Änderung“, meint Cohnen, der sich zudem fragt, woher ausgebildete Lehrer für das neue Fach kommen sollen. Nicht zuletzt fürchtet er, dass die Reform zulasten vorhandener Fächer wie Geschichte und Politik geht. Das sei nicht akzeptabel, gerade heute sei politische Bildung wichtig.

Studie: Wirtschaftliche Themen haben viel Raum

Das sieht auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) so: In Zeiten eines erstarkenden Rechtspopulismus sei eine Stärkung der Demokratiebildung mithilfe eines fundierten Politikunterrichts erforderlich. Wirtschaftsbezogene Themen hingegen fänden sich bereits ausreichend in den Fächern Politik, Sozialwissenschaften und Arbeitslehre.

Unterstützt wird diese Aussage durch eine neue Studie der Universität Bielefeld: Demnach entfällt bereits heute auf ökonomische Themen in der Sekundarstufe I bis zu dreimal mehr Lernzeit als auf politische Themen, noch weniger Raum erhalten soziale Inhalte. Hinzu kommen laut Studie verpflichtende außerschulische Maßnahmen im Bereich der Wirtschaft – wie Berufsfelderkundung und Betriebspraktika –, die es bei der politischen, gesellschaftlichen und historischen Bildung nicht gebe.

„Mit Blick auf Demokratiedistanz, geringe Partizipationsbereitschaft und die Zunahme von sozialer Ausgrenzung und Fremdenhass ist das eine inakzeptable Form der Politikverweigerung“, meint Prof. Reinhold Hedtke von der Uni Bielefeld.

Andere Fächer sollen von Neuerung nicht betroffen sein

Das NRW-Schulministerium betont hingegen, dass durch die Neuerung keine anderen Fächer beschnitten werden. „Es wird nicht ein neues Schulfach Wirtschaft auf Kosten von Fächern wie Geschichte oder Politik geben“, sagt Staatssekretär Mathias Richter. So ändere sich an Gymnasien das bisherige Fach ,Politik/Wirtschaft‘ in ,Wirtschaft/Politik‘, weist der Recklinghäuser auf eine neue Schwerpunktsetzung hin. „Aber dadurch verliert die Politik nicht eine Stunde. Ich denke sogar, der Bereich Politik wird durch mehr wirtschaftspolitische Themen in der Schule gestärkt.“

Auch wenn der Lehrplan noch nicht feststeht, nennt Richter mögliche Unterrichtsthemen wie soziale Markwirtschaft, Gewerkschaften und Weltwirtschaftskrise. Michael Rembiak stellt einen weiteren Aspekt der geplanten Wirtschafts-Stärkung zur Diskussion.

Der Leiter des Recklinghäuser Gymnasium Petrinum hält Themen wie die Verbraucherbildung zwar für wichtig, hat aber Sorge vor zu viele Einzelfällen und „klein-klein“ im Unterricht: „Der Bildungsauftrag eines Gymnasiums ist es nicht zu erklären, wie ein Rentenvertrag abgeschlossen oder eine Kontoeröffnung durchgeführt wird. Sondern hier geht es um die Vermittlung von Allgemeinbildung, um übergeordnete Strukturen wie zum Beispiel Lesekompetenz, logische Strukturen, Transfer, Textverständnis, Analysefähigkeit, um die Hintergründe zu durchschauen und so auf Lebens- und Studientauglichkeit vorzubereiten.“

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