Diskussion über Impfpflicht

Hunderte Kinder im Vest sind nicht gegen Masern geschützt

  • schließen

KREIS RE - Die Impfpflicht gegen Masern wird in der Politik aktuell heftig diskutiert. Auch im Kreis Recklinghausen gibt es Hunderte Kinder, die nicht geimpft sind.

Dr. Wiebke Selle verfolgt die Debatte um eine Impfpflicht gegen Masern interessiert, will sich aber nicht festlegen. Sie ist im Gesundheitsdienst des Kreis Recklinghausen für Kinder und Jugend verantwortlich und verweist lieber auf die Zahlen aus dem Vest: 0 Erkrankungen im Jahr 2018, 3 Masernfälle 2017 und einer bisher in diesem Jahr. Weil 2019 bundesweit schon 170 Masern-Erkrankungen aufgetreten sind, wird der Ruf nach Impfpflicht lauter. Dank der Schuleingangsuntersuchung hat Selle auch einen genauen Überblick über die Impfquoten im Kreis RE: 335 (von 5293) Schülerinnen und Schüler des Schuljahres 2018/19 waren nicht geimpft. Das entspricht einer Durchimpfungsrate von 93,3 Prozent. „Da ist noch Luft nach oben“, räumt die Kreis-Medizinerin ein. Die Weltgesundheitsorganisation fordert 95 Prozent als Minimum. Ein Jahr zuvor war man im Kreis Recklinghausen mit 94,4 Prozent Geimpften unter den sechsjährigen Schulanfängern schon näher dran.

Während sich die Kinderärztin des Kreises nicht auf eine Impfpflicht festlegen will, sind die ersten Reaktionen unserer Leser auf Facebook eindeutig: „Viele Impfgegner (…) lassen sich von irgendwelchen Gurus überzeugen, es gäbe diese Krankheiten eigentlich gar nicht und Impfen nützt nur der Pharmaindustrie …“, kritisiert Silvia Klein aus Waltrop. Und Ulla Luthe aus Herten fordert: „Impfpflicht ohne Wenn und Aber!“ Doch ganz so einfach ist das nicht.

Das Problem mit dem Zwang:

Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages sieht verfassungsrechtlichen Probleme bei einer Impfpflicht, die einen Eingriff in das Elternrecht oder eventuell in die Religionsfreiheit bedeuten würde. Eingeführt werden könne sie nur bei Krankheiten mit hoher „Gefahr eines fatalen Verlaufs für das Leben oder die Gesundheit der Kinder“. 1959 wurde eine Impfpflicht gegen Pocken als verfassungsgemäß eingestuft – bei einer Sterblichkeitsrate von 30 Prozent. Nach der Ausrottung wurde die Pflicht aufgehoben.

Die Gefahr durch Masern:

Bei Infizierten wird das Immunsystem geschwächt, es kann zu Komplikationen wie Mittelohr- und Lungenentzündungen kommen. Eine ursächliche Therapie gibt es nicht. Das Robert Koch-Instituts (RKI) rechnet mit einem Todesfall pro 1000 Erkrankte, bei Säuglingen sei die Sterblichkeit deutlich höher. Manchmal führt die Krankheit erst später zum Tod, etwa bei der Masern-Gehirnentzündung SSPE – wer im Säuglingsalter an Masern erkrankt, ist sehr gefährdet.

Impf-Lücken bei Erwachsenen:

Bei Menschen, die nach 1970 geboren wurden, fehlt oft die zweite Masernimpfung, weil diese in deren Kindheit noch nicht vorgesehen war. Später wird sie oft aus Unwissen nicht mehr nachgeholt. Hier liegt die Impfquote laut RKI zum Teil bei nur 30 Prozent.

Impf-Risiken:

Nach der Impfung kann es bei zwei bis fünf von 100 Geimpften zu leichten, nicht übertragbaren „Impf-Masern“ mit Fieber kommen.

Abseits der Diskussion um eine Impfpflicht rät Dr. Wiebke Selle Eltern auf jeden Fall dazu, ihre Kinder impfen zu lassen: „Auch ohne Komplikationen sind Masern eine schwere Erkrankung mit sehr hohem Fieber, unter der die Kinder zwei bis drei Wochen leiden.“ Da könne ein kleiner Pieks viel Leid ersparen. Mit dpa-Material

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Bahn-Pendler in NRW müssen sich komplett umstellen: Neuer VRR-Fahrplan ab dem 15. Dezember
Bahn-Pendler in NRW müssen sich komplett umstellen: Neuer VRR-Fahrplan ab dem 15. Dezember
Nächster Raubüberfall, wieder mit Machete - diesmal trifft es einen Discounter 
Nächster Raubüberfall, wieder mit Machete - diesmal trifft es einen Discounter 
62-facher Missbrauch in Datteln - nun steht plötzlich der Prozess auf der Kippe
62-facher Missbrauch in Datteln - nun steht plötzlich der Prozess auf der Kippe
Küchenbrand an der Friedhofstraße: Besitzer holen Hund selbst aus dem Haus
Küchenbrand an der Friedhofstraße: Besitzer holen Hund selbst aus dem Haus
Nach Diebstahl: Polizei sucht junge Frau mit Foto - auf dem Bild ist sie gut zu erkennen
Nach Diebstahl: Polizei sucht junge Frau mit Foto - auf dem Bild ist sie gut zu erkennen

Kommentare