Doppel-Interview

Freie Kulturszene: "Wir laufen immer kreischend am Limit"

Dortmund - Mehr Geld für die freie Szene - das ist die Forderung der Sprecher der zehn freien Dortmunder Kulturzentren. Doch wofür brauchen die das Geld? Und was sind die Pläne damit? Im Doppel-Interview stehen Claudia Schenk und Peter Schmieder Rede und Antwort.

Für die freie Kulturarbeit will die Stadt den jährlichen Zuschuss um 250.000 Euro erhöhen - unter der Voraussetzung, dass im ersten Quartal 2018 ein Förderkonzept vorgelegt wird. Dies entschied der Finanzausschuss Anfang Dezember. Bereits im Vorfeld führte Redakteur Tilman Abegg dieses Interview mit Claudia Schenk, Leiterin des Depots, und Künstlerhaus-Leiter Peter Schmieder.

Sie sagen, die Freie Szene braucht mehr Geld. Wofür? Für mehr Veranstaltungen?

Schenk: Nein, zumindest nicht nur. Wir möchten für das, was wir sowieso schon tun, endlich angemessener bezahlt werden. Aber wir möchten auch neue, gute Projektideen umsetzen können.

Schmieder: Wir laufen immer kreischend am Limit, und zwar immer mit demselben Etat, allen Kostensteigerungen zum Trotz. Und wir haben uns in die Diskussion eingeschaltet, weil es jetzt mit der Kürzung des Ruhrhochdeutsch-Zuschusses in die andere Richtung geht.

Bis 2020 läuft die Förderung für Ruhrhochdeutsch von 90.000 Euro in 2017 schrittweise ganz aus. Sie vermuten dahinter eine richtungsweisende Entscheidung?

Schmieder: Für mich hat die Ruhrhochdeutsch-Kürzung Signalwirkung - jemand sagt: ?Mensch, das läuft doch super, das kommt doch bestimmt ohne die Förderung aus.' Passiert so etwas jetzt überall? Streicht man dem Stadttheater die Förderung, weil die ein erfolgreiches Musical haben? Ich vermute, dass man das jetzt bei der Freien Szene durchsetzt, weil man es da kann. Und dann müssen wir laut aufzeigen und sagen: Moment, jetzt führen wir hier eine Kürzungsdiskussion.

Die auch Sie treffen könnte?

Schmieder: Die auch die Zentren treffen könnte, ja. Eine Streichdiskussion zu beginnen, ist doch in Zeiten sprudelnder Kassen lächerlich. Wo soll das hingehen, gerade jetzt, wo die CDU-Landesregierung angekündigt hat, die Kulturmittel aufzustocken?Schenk: Um 50 Prozent!

Von 200 Millionen Euro auf 300 Millionen Euro für NRW bis 2022.

Schmieder: Eben. Und dann kommen aus Dortmund die gegenteiligen Signale, noch dazu von der gleichen Partei? Da stimmt doch was nicht.

Worin besteht in Ihren Augen der Wert der Arbeit der Freien Szene?

Schenk: Sie leistet einen hohen Beitrag zur Attraktivität dieser Stadt. Das Depot, das Theater im Depot oder auch das Roto-Theater zum Beispiel arbeiten in einem Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf. Die freien Zentren bedienen bestimmte Zielgruppen, Kinder und Jugendliche zum Beispiel. Das sind in meinen Augen auch kommunale Aufgaben, und das müsste angemessen gewürdigt und bezahlt werden. Trotzdem leben wir immer chronisch an der Existenzgrenze. Und da rede ich nicht nur von Gehaltsstrukturen, sondern auch von mangelndem Etat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder von fehlendem Geld für Investitionen, weil es solche kommunalen Fördertöpfe gar nicht gibt, um zum Beispiel neue Technik anzuschaffen oder ein Bühnenelement auszuwechseln. Da könnten wir eine lange Liste aufschreiben.

Also, was tun Sie? Improvisieren?

Schenk: Wir improvisieren permanent. Die Freie Szene ist prädestiniert dafür, aus einem städtischen Euro fünf weitere Euro zu akquirieren.

Sie sagen, Sie arbeiten chronisch am Limit. Warum reduzieren Sie Ihr Engagement und Ihr Angebot nicht?

Schmieder: Weil unsere Arbeit wichtig ist. Zum Beispiel Ferienangebote für Kinder und Jugendliche. Die sind nach der Erhöhung des Etats 2012 dazugekommen. Die sind aber nicht nur für die Kinder und deren Eltern wichtig, sondern auch für die Künstler, die diese Workshops leiten, die zum Teil davon leben. Eine andere wichtige Funktion sind niederschwellige Angebote, um benachteiligte Bevölkerungsgruppen an Kunst und Kultur heranzuführen.

Und vieles davon, sagen Sie, tun Sie, obwohl Sie dafür nicht bezahlt werden. Können Sie ein Beispiel geben?

Schmieder: Ein Beispiel ist das Fotofestival F2. Das haben wir im Sommer zum ersten Mal auf die Beine gestellt, weil wir finden, so etwas steht dem Ruhrgebiet gut an, außerdem haben wir mit der Fachhochschule eine gute Schule für junge Fotografen in der Stadt. Das hat Claudia Schenk neben ihrer Arbeit gemacht, ich hatte weniger Arbeit damit, aber bei uns beiden ist es on top gewesen. Jetzt könnte man natürlich sagen: Warum bindet ihr euch so was zusätzlich an den Hals?

Kultur ist Lebensinhalt. Genauso wichtig wie vieles andere auch. Es gibt Leute, die wollen nicht ins Museum gehen. Ich würde doch nie Leute gering schätzen, die nur ins Stadion gehen und sich für Kultur nicht interessieren. Aber ich würde mir auch umgekehrt nicht von Sportfans oder Oldtimerfans oder anderen Interessengruppen sagen lassen, dass das mit der Malerei doch Quatsch ist.

Schenk: Die zehn Zentren haben im Jahr rund 250.000 Besucher, Tendenz steigend. Ich finde, das ist doch enorm, vor allem im Verhältnis zum Umfang der Förderung. Das zeigt, dass es eine Menge Menschen in dieser Stadt und der Umgebung gibt, die offensichtlich ein großes Interesse haben an dem, was wir da machen.

Schmieder: Ich glaube, für viele ist die Motivation auch, an dem Bild dieser Stadt mitzuarbeiten, die kulturelle Vollversorgung in dieser Metropole mit zu gewährleisten. Kay Voges hat doch kürzlich gesagt: ?Wir sind nicht irgendein Ruhrgebietsdörfchen.' Das ist doch mal eine geile Aussage! Das sind wir eben nicht, zum Beispiel deswegen, weil wir auch die Nischen abbilden, zum Beispiel zeitgenössische experimentelle Kunst. Das macht eine Stadt erst rund.

Trotzdem muss Kultur sich oft vorhalten lassen, dass sie teuer ist und sich nicht selbst finanziert.

Schmieder: Kultur ist per se nicht wirtschaftlich. Das ist Straßenbau aber auch nicht. Wir bauen die Straßen, damit sie total abgenutzt und runtergerockt werden. Das ist eine der größten Subventionen, die wir haben. Unser Leben besteht nun mal daraus, dass wir das Geld gemeinschaftlich dafür ausgeben, was wir so brauchen im Alltag. Dazu gehören Straßen genauso wie Kultur. Und wer was anderes behauptet, der verkennt die Wirklichkeit.

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