In Dortmund fehlt es an Hebammen

Die Geburtshelfer plagen Nachwuchssorgen

Dortmund - Die Geburtenraten steigen, doch es fehlen auch in Dortmund Hebammen. Trotz der Diskussion um hohe Versicherungsprämien und unzumutbare Arbeitsbelastung ist die Arbeit für viele dennoch ein Privileg.

Als Hebamme Laura Eßmann ins Wohnzimmer huscht, schläft Mila selig. Fest ins Tragetuch gekuschelt, schlummert das anderthalb Wochen alte Baby an der Brust seiner Mutter. Laura Eßmann lächelt. Sie weiß: Schlafende Babys sind nichts Ungewöhnliches. Eine schlafende Mila schon.

Nachsorge-Termin bei Linda Olfert und ihrer Tochter. Seit Mila Ende Februar auf die Welt kam, hat Laura Eßmann die kleine Familie jeden Tag besucht. Die 26-Jährige arbeitet als freiberufliche Hebamme in der Hebammenpraxis Phönix in Barop. Sie gehört zu den wenigen Hebammen in Dortmund, die schwangere Frauen als Beleghebamme zur Geburt in die Klinik begleiten. Und sie dort die ganze Zeit betreuen, bis das Kind geboren ist.

Beleghebammen sind beliebt

Beleghebammen sind bei werdenden Müttern beliebt. Das Problem: Wer in Dortmund eine Beleghebamme möchte, kümmert sich am besten zeitgleich mit dem positiven Schwangerschaftstest. "Wir sind derzeit bis September voll", sagt Laura Eßmann. Linda Olfert hatte Glück: Als sie sich im vergangenen Jahr in der 13. Schwangerschaftswoche an die Hebammenpraxis wandte, bekam sie noch eine Zusage. Ende Februar erblickte Mila das Licht der Welt. Laura Eßmann war dabei. "Eine Geburt ist so intim, intimer geht es nicht", sagt die Hebamme. Linda Olfert nickt zustimmend.

Mit der kleinen Mila hat sie es sich auf dem großen Gymnastikball bequem gemacht. "Laura war die ganze Zeit mein Ruhepol", sagt die frisch gebackene Mama. Auch als aus der geplanten Hausgeburt eine Klinikgeburt im Knappschaftskrankenhaus in Brackel wurde. Die Klinik ist die einzige in Dortmund, die Beleggeburten durchführt.

Vier Stunden, nachdem Mila auf die Welt gekommen war, begleitete Laura Eßmann Vater, Mutter und Kind nach Hause. Kam in der ersten Woche jeden Tag. Schaute nach Baby und Mutter. Hatte unzählige Ideen, wie sich "das Mäuschen" beruhigen lässt - denn Mila wollte alles, nur nicht schlafen. "Es ist toll, dass wir das Vertrauen der Familie bekommen", sagt Laura Eßmann. "Ich freue mich immer wieder, dass wir sie begleiten dürfen."

Bundesweit gibt es immer weniger Beleghebammen. 2016 arbeiteten 1776 solcher Hebammen in Deutschland. Im Jahr 2012 waren es laut Statistischem Bundesamt 1996. Laura Eßmann nennt unter anderem den zeitlichen Aufwand als Beleghebamme als Grund - ab der 37. Schwangerschaftswoche hat sie 24-Stunden-Rufbereitschaft. Auch der Verdienst spielt eine Rolle.

Dabei fehlen nicht nur Beleghebammen. Die Geburtshelfer planen Nachwuchssorgen in allen Bereichen. Konkrete Zahlen für Nordrhein-Westfalen gibt es nicht. Derzeit läuft eine Hebammen-Befragung der Hochschule für Gesundheit, die ermitteln soll, wie viele Hebammen insgesamt in NRW arbeiten und was sie anbieten.

"Ein weiteres Problem ist der Hebammenmangel im Kreißsaal", sagt Sonja Kleinrath, beim Landesverband der Hebammen zuständig für Dortmund und Bochum. Es werde immer schwieriger, Stellen besetzt zu bekommen. Viele würden Stress und Schichtdienst in der Klinik scheuen.

Geburten lassen sich nicht planen

Das bestätigen auch andere Dortmunder Geburtshelfer. "Wir würden gerne weitere Hebammen einstellen", sagt Margot Lefarth, leitende Hebamme im Kreißsaal der Städtischen Kliniken. Gerade habe man wieder eine Stelle inseriert.

Auch das Knappschaftskrankenhaus sucht zusätzliche Kräfte. Im Kreißsaal des St.-Josefs-Hospitals in Hörde arbeiten 15 Hebammen, ein Großteil in Teilzeit. Tagsüber sind zwei Hebammen für den Kreißsaal zuständig, nachts eine Kollegin.

Doch Geburten lassen sich nicht planen. Für eine Hebammen-Rufbereitschaft fehlt eine gesetzliche Regelung, für die Kliniken ist sie so nicht wirtschaftlich. Chefarzt Dr. Christoph Hemcke bedauert das. Man versuche nachts, oft noch eine Schülerin dabei zu haben, im Hintergrund stehen Assistenz- und Oberarzt bereit. Aber: "Optimal ist das nicht."

Viele wollen nicht in einer Klinik arbeiten

Nach der Ausbildung entscheiden sich viele Hebammen gegen die Arbeit im Kreißsaal einer Klinik und für die Freiberuflichkeit. Laura Eßmann gründete 2016 mit zwei Kolleginnen die Hebammenpraxis. Selbst mit der viel diskutierten Haftpflichtversicherung für Hebamme - derzeit 7800 Euro pro Jahr - kann sie leben. Zumal mit den Kassen mittlerweile ein Sicherstellungszuschlag vereinbart wurde, erklärt Sonja Kleinrath vom Landesverband der Hebammen.

Wer ein bis zwei Geburten pro Quartal macht und einen Qualitätsnachweis erbringt, erhält einen Teil der Versicherungssumme zurück. "Freiberufliche Hebammen haben eine hohe Arbeitsbelastung, aber auch eine hohe Arbeitszufriedenheit", sagt Sonja Kleinrath. Und Laura Eßmann sagt: "Für uns war alle klar, wir wollen nicht in die Klinik. Zu hektisch, zu wenig Zeit für die Frauen."

Laura Eßmann holt ihren Kalender heraus. Ab sofort kommt sie nicht mehr jeden Tag zur Familie der kleinen Mila. "Wir starten langsam die Entwöhnung", sagt sie schmunzelnd. Sie notiert sich einen Termin. Darunter steht bereits ein Vorsorge-Termin: Angelika Oremek bekommt ein Mädchen, der errechnete Geburtstermin ist der 5. August. Laura Eßmann wird wieder dabei sein.

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