Dortmunder Ballett tanzt Dantes "Göttliche Komödie"

Ballett lädt ein zum Tanz durch die Hölle

DORTMUND - Dantes "Göttliche Komödie" inspiriert seit 700 Jahren Künstler aller Sparten. Auch der Dortmunder Ballettchef Xin Peng Wang folgt dieser Faszination und inszeniert das Werk in drei Teilen, beginnend mit "Inferno". Aber wie lässt sich ein so mächtiges, wortgewaltiges Werk in Tanz übersetzen?

Mehr als 500 Darsteller bräuchte es, um Dante Alighieris monumentales dreiteiliges Epos "Die göttliche Komödie" auf die Bühne zu bringen. Xin Peng Wang schafft das mit gut 30 Tänzern. Der Dortmunder Ballettdirektor widmet sich dem bildgewaltigen Stoff ab der kommenden Spielzeit in drei Teilen. 2021, zum 700. Todesjahr Dantes, soll die Umsetzung ihren Abschluss finden.

Mehr als 13 Jahre hatte der italienische Dichter an seinem Hauptwerk gearbeitet. Die Umsetzung am Dortmunder Ballett ist nicht ganz so langwierig, erstreckt sich aber auch über Jahre. "Ein Handlungsballett braucht zwei bis drei Jahre Vorlaufzeit", sagt Chefdramaturg Dr. Christian Baier.

Warum ausgerechnet die Göttliche Komödie?

Aber warum Dante? Das Ballett spiele mit den großen Themen der Menschheit, damit kann das Monumentalwerk dienen. Grundfragen des Daseins entwickeln sich in Dantes Makrokosmos zwischen Schuld und Unschuld, zwischen Inferno und Paradies und dem "langen Mittelteil der Läuterung".

Um einen solchen Stoff anzugehen, bedürfe es umfangreicher Erfahrung mit dem Handlungsballett, so wie es in Dortmund mit Faust I und II, Krieg und Frieden oder Zauberberg gegeben ist. Die Inszenierung müsse verständlich sein, so Baier, "sonst kann man gleich etwas Abstraktes umsetzen".

Am Beginn stehen viele Fragen

Wenn die Entscheidung zu einem solch gewaltigen Werk fällt, braucht der Chefdramaturg eine kleine Auszeit. "Dann nimmt man sich einen Tag frei, geht in den Westfalenpark und macht sich seine Gedanken." Welche Berechtigung haben wir, dieses Werk zu spielen? Lässt sich ein derart wortgewaltiges Stück überhaupt mit den Mitteln des Tanzes übersetzen? Welche Relevanz hat es in dieser Zeit und Welt?

Es beginnt ein langsames Herantasten, ein Herausarbeiten der Grundfragen, dann das Entwickeln der Szenarien, die immer wieder umgeschmissen und umgestaltet werden. Die Macher müssen sich zurücknehmen. "Nicht alles, was einem einfällt, ist auch ein Einfall", so Baier.

Musik von Michael Gordon

Innerhalb dieses komplexen und langwierigen Prozesses muss zudem die passende Musik gefunden werden. In diesem Fall liefert der amerikanische Komponist Michael Gordon Rhythmus und Klang für wirkungsvolle Bilder. Allein die Endphase dauere etwa ein Jahr, sagt Christian Baier. 20 bis 30 Zwischenfassungen gehen derweil ins Land.

Aber wie schafft es das Ballett, die Inhalte zu transportieren? Christian Baier: "Beim Tanz gibt es einen Trick: 50 Prozent des Ballettabends sind real, die anderen 50 Prozent passieren im Kopf." Der Körper könne die Bewegungen auf der Bühne nachempfinden, das mache jeden einzelnen Zuschauer zum Mitgestalter.

Die Handlung bilde die gemeinsame Grundlage. "Unser Denken muss so kristallklar sein, dass wir die Worte weglassen können."

Dreiteiler beginnt mit "Inferno"

Die Arbeit zu "Inferno", dem ersten Teil der "Divina Commedia", ist bereits weitgehend abgeschlossen. "Inferno" führt zu den Kreisen der Hölle, die jeweils einer tiefen Schuld gewidmet sind. Jede dieser großen Sünden hat ihr eigenes Bewegungsmuster. Im Zentrum von Gier, Neid, Verrat und Maßlosigkeit sitzt Satan auf einem Eisberg.

Teil II, "Purgatorio", widmet sich dem Fegefeuer als Hoffnung auf Erlösung. Der Läuterungsberg schraubt sich stufenweise dem Licht entgegen, es geht um Buße und Befreiung.

Der dritte Teil fasst alles zusammen

Im dritten Teil der "Göttlichen Komödie" wird sich Xin Peng Wang nicht wie erwartet auf die himmlischen Sphären des "Paradiso" beschränken, sondern das epochale Gesamtwerk an einem Abend zusammenfassen.

Der Balletchef setzt die komplette Compagnie und das Juniorballett für die Erlebnisreise durch Hölle und Himmel ein. Michael Gordon liefert dazu den Rhythmus, den Herzschlag, der die Tänzer zusammenbringt und die Zuschauer mitreißt. "Rhythmus ist etwas Kultisches", sagt Christian Baier. "Denn wir haben alle eine kleine Trommel in uns: das Herz."

Für die Besucher wird es in den nächsten drei Spielzeiten auf jeden Fall paradiesisch - mit einem kollektiven Ritt durch die Hölle.

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