Dortmunder Schauspiel

Über die Dunkelheit: Die Blackbox-Reihe geht weiter

DORTMUND - In der Reihe Blackbox hat das Schauspiel schon mehrfach über politische Ereignisse und Entwicklungen diskutiert. Jetzt geht es weiter mit der Frage: Was bedeutet Europas Rechtsruck für die Kunstfreiheit?

Das Schauspiel führt die Reihe Blackbox weiter, genauer: Alexander Kerlin und Matthias Seier tun das. Sechs Termine planen sie bis zum Sommer, alle zum Thema Rechtsruck in Europa und die Freiheit der Kunst. Beim ersten Termin geht es um Polen.

Wie sehen Sie die Situation in Deutschland und Europa?

Alexander Kerlin: Was die Freiheit der Kunst angeht, sind wir in Deutschland im Vergleich eine Insel der Glückseligen. Wenn man in Nachbarländer guckt, gerade Richtung Osten, sieht es ziemlich düster aus. Polen, Ungarn, Türkei und Russland sowieso. Um zwei Beispiele zu nennen: Die freie Theaterszene in Polen und Ungarn ist quasi nicht mehr existent. Die rechtsnationalen Regierungen drehen den freien Gruppen einfach den Geldhahn zu, und dann kommen sie nicht mehr vor. Allerdings scheint es in beiden Ländern noch schlimmer zu werden. In Ungarn wurden unliebsame Künstler zu Staatsfeinden erklärt ...

Matthias Seier: ... ja, und müssen Sozialarbeit verrichten, Parks aufräumen zum Beispiel.

Was geschieht am Sonntag?

Kerlin: Wir haben zwei Gäste. Auf Katarzyna Wielga-Skolimoska bin ich im Herbst 2016 aufmerksam geworden. Es hat einen ziemlichen Aufschrei gegeben, als sie als Leiterin des Polnischen Instituts in Berlin geschasst und ein halbes Jahr vor Ende ihres Vertrages rausgeworfen und durch eine linientreue Anhängerin der Regierungspartei PiS ersetzt wurde. Eine Begründung für ihren Rausschmiss war übrigens, sie habe sich zu viel mit jüdischen Themen und dem jüdisch-polnisch-deutschen Dialog befasst.

Seier: Was sie zum Beispiel gemacht hat, ist, mehrfach diesen wirklich tollen Film Ida zu zeigen, in dem eine katholische Nonne entdeckt, dass sie Tochter von Juden ist, die in der Shoa gestorben sind. Der Film war für den Oscar nominiert. Aber die PiS-Regierung betrachtet den Film mit Argwohn, weil Polen als Kollaborateur in der Geschichte der Shoa auftaucht.

Diese Haltung findet man auch in Deutschland. Björn Höcke, AfD, zum Beispiel hat ja sehr deutlich gemacht, dass er von der deutschen Erinnerungskultur nichts hält.

Kerlin: Die Frage ist: Möchte man eine Kunst, die Probleme anschaut und kritisiert, oder eine, die die Nation verherrlicht? Da ähneln sich nationalkonservative Gedanken von heute und alte kommunistische Gedanken.

Also verläuft die Grenze zwischen machtdienlicher und machtkritischer Kunst?

Kerlin: Genau. Und ich glaube, zurzeit ist es in Deutschland möglich, machtkritische Kunst zu zeigen. Das meinte ich mit Insel der Glückseligen. Stücke im Theater, die sich kritisch mit dem NSU auseinandersetzen, mit dem Polizeistaat, mit G20. Bei Böhmermanns Schmähgedicht auf Erdogan hat man dann gemerkt: Die Grenzen gibt es auch in Deutschland, aber sie sind weiter.

Seier: Der Kunstfreiheitsdiskurs wird ja auch in der AfD immer virulenter.

Kerlin: Vergangene Woche hat Marc Jongen, der neue kulturpolitische Sprecher der AfD im Bundestag, getwittert: "Es wird mir eine Ehre und Freude sein, die Entsiffung des Kulturbetriebs in Angriff zu nehmen." Also er will dahin, wo er den Dreck sieht. Das ist natürlich größenwahnsinnig. Er kann das gar nicht. Darauf will ich hinaus: Wir können dankbar für die Kulturhoheit der Länder und der Gemeinden sein. Dadurch wird immer noch vermieden, dass von Berlin aus zentral auf Kulturinstitutionen zugegriffen werden kann. Da kann Jongen in Berlin Purzelbäume machen. Wenn man sieht, wie in Ungarn von Budapest aus so viel Kultur kaputtgemacht werden kann, dann kann man dankbar dafür sein, dass die Vertikale von diesem Theater ungefähr bei Jörg Stüdemann [dem Dortmunder Kulturdezernenten, Anm.d.Red.] endet. Es gibt niemanden in Berlin, der Stüdemann sagen kann: Räum dein Theater mal auf, sonst rollt dein eigener Kopf.

Der zweite Gast ist Oliver Frljic.

Kerlin: Ja, ein berühmter Regisseur, der unter anderem in Kroatien und Polen sehr kontroverse, kritische Kunst gemacht hat.

Seier: Seine Inszenierung "Klatwa", also "Der Fluch", geht hart mit der katholischen Kirche ins Gericht. Er sagt dazu: Ich will nicht den individuellen Glauben kritisieren, sondern die Institution dahinter und den Machtapparat der Kirche. In Polen hat das einen riesigen Skandal ausgelöst, jeden Abend Talkshows, es gab Morddrohungen und vieles mehr.

Vermutlich haben die meisten dieser erbitterten Kritiker die Differenzierung des Regisseurs, dass er nur die Institution und nicht einzelne Gläubige angreifen will, überhört.

Seier: Genau. Vermutlich auch wissentlich.

Kerlin: Ich glaube schon, dass viele Politiker in Polen den Unterschied zwischen Institutionskritik und simpler Provokation verstehen. Aber die Religion ist immer ein gutes Mittel, um Stimmung zu machen gegen die Künstler, die man gefährlich findet. Man sagt: Schaut her, die beleidigen euren Glauben!

Ist es nicht immer Teil der Strategie von politischer Zensur, die Dinge viel zu sehr zu vereinfachen, weil man sonst überhaupt kein Feindbild herbeireden könnte?

Kerlin: Ja.

Seier: Da sind wir auch bei Verschwörungstheorien. Die funktionieren auch mit Vereinfachungen. Grauzonen darf es da nicht geben.

Grauzonen, Mehrdeutigkeiten und Fragen ohne Antworten sind dagegen das, worum es hier im Theater geht.

Kerlin: Genau. Dafür ist Kunst ja da. Darum bemühen wir uns zumindest.

Seier: Deswegen ist uns die Blackbox-Reihe wichtig, die so eine Komplexität zulässt. Und es gibt in Dortmund nicht viele regelmäßige Formate dieser Art.

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