Dortmunder Tourismus und die Heimat-Frage

Auf der Suche nach dem "echten" Dortmund

DORTMUND - Was ist "typisch Dortmund"? Diese Frage stellen sich nicht nur Lokalpatrioten, sondern auch Tourismus-Experten. Die Antwort auf sie ist nämlich längst ein Wirtschaftsfaktor für die Stadt geworden.

In Heidelberg haben sie es leicht: eine wunderschöne Altstadt, ein romantisch-beeindruckendes Schloss, dazu die Lage in den lieblichen Hügeln des Neckars - die Stadt ist der Inbegriff einer alten, malerischen deutschen Stadt. Entsprechend beliebt ist die Stadt in Baden-Württemberg bei Touristen, ein berühmter Reiseführer preist sie an als einen von 1000 Orten auf der Welt, die man sehen sollte, bevor man stirbt.

Dortmund fehlt in dieser Liste - wenig überraschend, wenn man ehrlich ist. Die Stadt ist weder besonders schön, noch liegt sie in einer atemberaubenden Landschaft. Den einen klassischen touristischen Anziehungspunkt hat Dortmund nicht.

Dortmund ist ehrlich, robust, schräg

"Es ist nicht ganz so einfach, Menschen nach Dortmund zu bekommen", sagt denn auch Sigrun Späte. Die 56-jährige Sprecherin von Dortmund-Tourismus versucht seit 20 Jahren, genau das zu schaffen. Dabei hat sie ein gutes Gespür für die Stadt entwickelt. "Hier passt halt nicht immer alles zusammen. Es ist eine sehr ehrliche, robuste, leicht schräge Stadt."

Der Tourismus ist mittlerweile ein ernst zu nehmendes Geschäft für Dortmund. Dortmunds Hotels und Herbergen zählten 2017 rund 1,25 Millionen Übernachtungen - ein Rekord. Bis 2024 soll diese Zahl auf 2 Millionen steigen. Über 1000 Menschen arbeiten in Dortmund laut Stadt im Gastgewerbe, dazu profitieren die rund 9000 Gastro-Mitarbeiter zumindest indirekt vom Tourismus.

"Niemand will den 70. McDonald?s besuchen"

Doch es bleibt ein schwieriges Feld, die Konkurrenz zwischen den potenziellen Reisezielen in Deutschland ist riesig. Da kommt es darauf an, sich von den Mitbewerbern abzuheben. "Es wird immer wichtiger, dass die Städte nicht austauschbar sind", sagt Andrea Möller, Tourismus-Expertin bei der Beratungsfirma des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr. "Niemand will den 70. McDonald?s besuchen. Authentizität ist sehr wichtig."

So sind Touristiker wie Sigrun Späte ein auch zu Heimatforschern geworden: "Unsere Leitfrage ist: Was macht Dortmund eigentlich zu dem, was es ist?"

Fußball und Bier - klar. Aber Urbanität?

Wer wissen will, wie die Stadt Dortmund diese Frage beantwortet, sollte in den Masterplan "Erlebnis Dortmund" der Wirtschaftsförderung schauen. 200 Vertreter aus den verschiedensten Bereichen haben an ihm gearbeitet, unter anderem Touristiker (Späte und Möller waren auch dabei), Heimatvereine und Museen, aber auch Borussia Dortmund und die Westfalenhallen.

Auf zwei Dinge, die Dortmund ausmachen, konnten sich die Arbeitsgruppen schnell einigen: den Fußball und das Bier. Der BVB ist der wertvollste Botschafter Dortmunds, national und international. "Fußball dominiert in dieser Stadt alles", sagt Andrea Möller. Das wird auch außerhalb Dortmunds so gesehen. Möller zitiert eine bundesweite Forsa-Umfrage: Auf die Frage, wofür Dortmund stehe, hätten 44 Prozent mit "Fußball" geantwortet.

Auch die Verbindung Dortmunds zum Bier liegt auf der Hand: Als ehemalige Brauereihauptstadt Europas hat Dortmund immer noch einen gewissen Ruf. So kann einem eine DAB-Werbetafel unverhofft in einem italienischen Skigebiet entgegen strahlen, ebenso wie in US-Mikro-Brauereien manchmal ein Bier des Typs "Dortmunder Export" auftaucht.

Der dritte Punkt, der Dortmund laut Masterplan ausmachen soll, ist da weniger griffig: Dortmund will sich als urbane Großstadt präsentieren. Doch was heißt das? "Wir haben uns die Köpfe darüber heißgeredet", sagt Sigrun Späte.

Das hat auch etwas mit der Struktur Dortmunds zu tun: Im urbanen Kern der Stadt leben nur etwa 150.000 Menschen, der Rest - 450.000 - verteilt sich auf die Außenbezirke. "Dortmund ist von den Zahlen her längst eine Großstadt, aber in den Köpfen der Dortmunder noch nicht", formuliert es Andrea Möller.

Die Kleinigkeiten machen Heimat aus

Dortmund als fußballverrückte, bierliebende, urbane Großstadt - dieses Bild transportiert auch die Lieblingsgeschichte von Sigrun Späte. Sie hat sie aus einem englischen Reiseführer: Zwei ältere Frauen verlassen das Konzerthaus, in feinster Abendgarderobe, mit schwerem Schmuck behangen. Da läuft ihnen ein angetrunkener BVB-Anhänger auf dem Rückweg vom Stadion über den Weg. Die beiden Damen halten den Fußball-Fan auf und fragen: "Na, wie hammse gespielt?"

Abseits der großen Themen sind es für Späte die Kleinigkeiten des Alltags, die Dortmund ausmachen: "der Ruhrgebiets-Slang, die Currywurst und das Stößchen, oder auch die Trinkhallen". Wann immer man das Touristen zeige, seien die begeistert.

"Die Schönheit liegt in Dortmund nicht auf der Straße"

Für Heike Regener ist "Heimat" ein Geschäftsmodell. Sie hat das Wort sogar in ihren Firmennamen aufgenommen. Unter "meineHeimat.ruhr" bietet die gebürtige Dortmunderin Stadtführungen an, im letzten Jahr haben sie und ihr Team auf über 450 Touren mehr als 15.000 Teilnehmern die Stadt gezeigt - damit ist Regener in Dortmund Branchenprimus.

Heute könnte man viel mehr in Dortmund machen als noch vor ein paar Jahren. "Die Vielfalt ist gewachsen, inzwischen haben wir über 50 unterschiedliche Touren im Angebot." Regener spaziert mit ihren Gruppen um den Phoenix-See, besucht das Fußballmuseum und den U-Turm, flaniert durch den Rombergpark. "Wir haben Bock drauf, den Leuten zu zeigen, wie toll es hier ist", sagt sie. "Wir wollen den Leuten die besten Seiten der Stadt zeigen."

Doch das ist nicht immer so einfach: "Die Schönheit liegt hier nicht auf der Straße, du musst den Leuten manchmal die Scheuklappen wegreißen. Dortmund ist eine Stadt, die sich erst richtig öffnet, wenn man sich auf sie einlässt."

"Wenn Touristen einmal da waren, kommen sie gerne wieder"

Nein, eine klassische Schönheit wird Dortmund nicht mehr. Ein Kollege beschrieb die Stadt einmal als den "Straßenköter unter Deutschlands Großstädten". Ein durchaus passender Vergleich: Dortmund ist nun mal an vielen Ecken ein bisschen schmuddelig und abgerissen, aber eben auch liebenswert.

So ist es zwar wie anfangs geschrieben nicht so einfach, Menschen nach Dortmund zu bekommen. Doch zu dem Zitat von Sigrun Späte gehört noch ein zweiter Teil: "Aber wenn sie einmal da waren, kommen sie gerne wieder." Straßenhunde werden eben gerne adoptiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Es geht um ihre Zukunft: Bauern fahren in Trecker-Kolonne zur Demo nach Bonn
Es geht um ihre Zukunft: Bauern fahren in Trecker-Kolonne zur Demo nach Bonn
Mallorca-Sängerin Krümel hat Auftrittsverbot, aber zum runden Geburtstag kommt "Der Wendler"
Mallorca-Sängerin Krümel hat Auftrittsverbot, aber zum runden Geburtstag kommt "Der Wendler"
Nach schwerem Autounfall: Was wir wirklich wissen, was Spekulationen sind
Nach schwerem Autounfall: Was wir wirklich wissen, was Spekulationen sind
Achtung! Giftköder an mehreren Stellen gefunden - das müssen Hundebesitzer nun wissen
Achtung! Giftköder an mehreren Stellen gefunden - das müssen Hundebesitzer nun wissen
Schon wieder ein entblößtes Geschlechtsteil: Und es gibt ähnliche Tat-Details
Schon wieder ein entblößtes Geschlechtsteil: Und es gibt ähnliche Tat-Details

Kommentare