Ehrentag

Muttertag: Gemeinsame Zeit steht im Mittelpunkt

Region - Mutter, Tochter, Enkelin und Ur-Enkelin einer Recklinghäuser Familie „brauchen den Muttertag nicht“ – sie unternehmen auch ohne ihn viel zusammen. Die Kommerzialisierung steht bei den Frauen ebenfalls in der Kritik.

Anita Braun lächelt, wenn sie sich an Muttertage in ihrer Kindheit erinnert. „ Das war in den 1930er-Jahren. Ich habe morgens einen Strauß mit Margeriten und Wiesenschaumkraut für meine Mutter gepflückt. Und danach ein Gedicht aufgesagt“, berichtet die 90-Jährige. „Wenn schönes Wetter war, sind wir spazieren gegangen und in einer Gaststätte eingekehrt. Für Mutter gab es eine Tasse Kaffee, für Vater ein Bier, für die Kinder Limo.“ Die Recklinghäuserin betont: „Das war etwas Besonderes, es war ja wenig Geld da. Große Geschenke gab es nicht, aber es war für uns ein schöner Tag. Wir haben zusammen Zeit verbracht.“

Zeit mit der Familie zu verbringen, das ist Anita Braun bis heute sehr wichtig. Und nicht nur ihr – auch ihrer Tochter Karin Krebs (62), ihrer Enkelin Kristina Keppler (36), ihrer Ur-Enkelin Kijara Keppler (18). So werden die vier Frauen zusammen mit weiteren Familienmitgliedern auch am morgigen Muttertag gemeinsam etwas unternehmen – allerdings nicht speziell wegen des Muttertags, wie sie betonen. Denn Muttertag-Freundinnen sind die vier Recklinghäuserinnen alle nicht.

„Unsere Familien wohnen nah beieinander, wir sind ohnehin oft und gerne zusammen. Um uns zu sehen, brauchen wir keinen Muttertag“, sagt Karin Krebs. Und Tochter Kristina bekräftigt: „Ich halte von dem Tag nichts, das ist so ein gezwungener ,Ich-hab-dich-lieb-Tag‘. Besser ist es doch, die Mutter das ganze Jahr über lieb zu haben.“ Ganz ignoriert wird der Muttertag in der Großfamilie allerdings auch nicht: „Wir treffen uns regelmäßig, aber am Muttertag auf jeden Fall“, sagt Kristina Keppler.

Geschenke spielen dabei nur eine sehr kleine Rolle. „Meine beiden Schwestern und ich, wir schenken Mutti immer etwas. Das ist Tradition bei uns, hat sich so eingebürgert. Aber sie ist die einzige Mutter von uns, die jedes Jahr etwas geschenkt bekommt“, sagt Karin Krebs. Dabei sind Blumen als Muttertags-Geschenk für Karin Krebs tabu: „Das habe ich noch nie gemacht. Die Blumenindustrie hat den Muttertag in Deutschland eingeführt – und den Kommerz unterstütze ich nicht.“

Auch die Jüngste hält nicht viel von regelmäßigen materiellen Geschenken zum Muttertag. „Wenn ich etwas Cooles für meine Mutter sehe, kaufe ich das. Aber das muss nicht am Muttertag sein“, sagt Kijara Keppler. Die 18-Jährige lächelt: „Als Kind war das natürlich etwas anders. Da habe ich für den Muttertag im Kindergarten etwas gebastelt oder Gutscheine für Hilfen im Haushalt gemacht.“ Heute betont sie: „Es ist besser, dem Anderen gemeinsame Zeit zu schenken als etwas Materielles.“ Ihre Mutter bekräftigt: „Ein gemeinsames Frühstück, ein Ausflug – da haben wir mehr von.“

Da ist sie wieder: die gerne gemeinsam verbrachte Zeit.

„Das ist ja auch eine Wertschätzung, wenn die Kinder was mit uns zusammen machen möchten“, betont Karin Krebs. Und Tochter Kristina nennt als Beispiel das gemeinsame Hobby – das Theater „Komödie am Park“ in Herne.

Bei den Stücken dort führt Karin Krebs Regie, Tochter Kristina und Enkelin Kijara stehen auf der Bühne – ebenso wie weitere Frauen aus der Großfamilie. „Und Mutti war früher hinter der Bühne aktiv“, ergänzt Karin Krebs. „Das würden wir nicht machen, wenn wir keinen Bock aufeinander hätten“, stellt Kristina Keppler fest. Und Tochter Kijara ergänzt schmunzelnd: „Ich bin ja auch inzwischen aus der ,Kein-Bock-auf-Mama-Phase‘ raus.“

Schließlich geht es bei der Muttertags-Kritik auch um die leichberechtigung der Männer: „Das Verständnis von Familie hat sich gedreht. Viele Väter wollen mehr als früher in Erziehung und Haushalt eingebunden werden. Und einen richtigen Vatertag mit Geschenken gibt es ja auch nicht“, moniert Kristina Keppler. Das macht den Muttertag für die 36-Jährige „noch überflüssiger“. „Wenn schon, dann sollte es keinen Mutter- und Vatertag, sondern einen gemeinsamen Elterntag geben.“ Aber auch den sieht Kristina Keppler skeptisch: „Der würde ja dann auch richtig kommerzialisiert . . .“

Der Muttertag ist als Ehrentag und Zeichen der Liebe für alle Mütter gedacht. In Deutschland wird er am zweiten Sonntag im Mai gefeiert. -Seinen Ursprung hat der heutige Muttertag in den USA: Er geht auf eine Initiative der Frauenrechtlerin und Pazifistin Anna Marie Jarvis zurück. Nach dem Tod ihrer Mutter forderte sie einen Festtag, um alle Mütter zu ehren und auf die Probleme der Frauen aufmerksam zu machen. 1914 wurde der Muttertag in den USA offiziell anerkannt. -In Deutschland wurde der Muttertag erstmals im Jahr 1923 gefeiert – auf Initiative des Verbandes Deutscher Blumengeschäftsinhaber. -Die Nationalsozialisten missbrauchten den Muttertag für ihre Propaganda. Besonders kinderreiche Mütter wurden bei dem öffentlichen Feiertag als Heldinnen des Volkes gefeiert – wegen der Förderung des „arischen Nachwuchses“. -In der Bundesrepublik Deutschland ist der Muttertag kein gesetzlicher Feiertag. Blumenläden dürfen am Muttertag in der Regel geöffnet bleiben. -Von vielen wird der Muttertag inzwischen kritisch gesehen, weil er sich zunehmend zum Geschenketag entwickelt hat. Diese Haltung ist nicht neu: Die Kommerzialisierung des Tages wurde bereits von seiner Begründerin scharf verurteilt. So bereute Anna Marie Jarvis später, den Muttertag ins Leben gerufen zu haben und kämpfte hartnäckig für dessen Abschaffung – erfolglos.

Übrigens: Den morgigen Tag verbringen die vier Frauen zusammen mit weiteren Familienmitgliedern in Holland – ein Geburtstagsgeschenk für Anita Braun. Gemeinsame Zeit ist eben wichtig in dieser Großfamilie – auch am Muttertag.

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