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Ulrich Radke vor seinem Büro im Oer-Erkenschwicker Matthias-Claudius-Zentrum.

Hospizbewegung 3.Teil

„Ein Lächeln, bevor ich gehe“

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Elli Hartung ist eine von 23 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beim Ambulanten Hospizdienst. Ziel ist es, „den Menschen auf dem letzten Lebensweg Würde und Nähe zu geben“.

Für manche wäre es ein schwieriger Weg, für Elli Hartung ist er selbstverständlich. Zweimal in der Woche besucht die Oer-Erkenschwickerin eine 80-jährige schwerkranke Frau, bei der eine Heilung nicht mehr möglich ist. „Dienstags und donnerstags können ihre Angehörigen nicht kommen – dann gehe ich hin, rede mit ihr, lese vor, heitere sie ein wenig auf. So hat sie etwas Abwechslung.“ Elli Hartung ist eine von insgesamt 23 ausgebildeten, ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die beim Ambulanten Hospizdienst Oer-Erkenschwick aktiv sind. 

„Wir begleiten zur Zeit 20 bis 25 Schwerstkranke und Sterbende sowie ihre Angehörigen im psychisch-sozialen sowie spirituellen Bereich“, erläutert der Leiter, Pfarrer Ulrich Radke. „Das sind neben Pflege und Medizin zwei der vier Säulen palliativer Versorgung. Und mit den Pflegediensten und Ärzten stehen wir in enger Abstimmung.“

 Seit 2016 gibt es den Oer-Erkenschwicker Hospizdienst in Trägerschaft des Evangelischen Kirchenkreises Recklinghausen und in Kooperation mit dem Diakonischen Werk im Kirchenkreis Recklinghausen. Elli Hartung ist seit der Gründung dabei, hat vorher bereits zwei Jahre lang im Sterbebegleitkreis mitgearbeitet – und somit schon einige Menschen bis zum Tod begleitet. Ulrich Radke ist bereits seit 2001 für Hospiz-Arbeiten freigestellt, seit 2014 im Kreis Recklinghausen aktiv, unter anderem als Kreiskirchlicher Hospizkoordinator. 

Warum arbeitet er im Bereich von Sterben und Tod, ist nicht „normaler“ Gemeindepfarrer? Der evangelische Pfarrer berichtet von einem Schlüsselerlebnis: „1987 habe ich meine sterbende Mutter begleitet. Sie musste sich am Ende wegen starker Schmerzen sehr quälen. Doch meine Bitte um Morphium lehnte der Hausarzt ab. Begründung: Meine Mutter könne süchtig werden“, erinnert sich Radke. „Damals habe ich die Grenzen von Medizin und Pflege erlebt – und gedacht: Man muss etwas für sterbende Menschen tun.“ Darum bemüht sich der Pfarrer nun seit 18 Jahren. Sein Credo: „Man muss den Menschen auf dem letzten Lebensweg Würde und Nähe geben. Über die Brücke muss jeder selber gehen. Aber wenn er vorher nicht allein ist, sondern begleitet wird – dann ist das eine große Hilfe. Und dabei muss jeder Mensch in seiner Bedürftigkeit so genommen werden, wie er ist.“ 

Für Radke steht fest: „Genauso wie eine Hebamme müsste es auch eine Sterbeamme geben.“ Durch seine Arbeit sieht der 63-Jährige auch eine Stärkung der eigenen Persönlichkeit: „Ein bewusstes Leben hier und jetzt – das können uns die Sterbenden beibringen. Aufgrund meiner Arbeit habe ich eine Inventur in meinem eigenen Leben gemacht: Ich konzentriere mich auf das, was mir wichtig ist, gucke genau, mit welchen Menschen ich mich umgebe.“ Für Radke steht fest: „Das Bewusstsein der Sterblichkeit bedeutet eine andere Lebensqualität.“ 

So fordert der Pfarrer auch vehement, das Thema Sterben aus der Tabuzone zu holen: „Die Menschen sollten sich bewusst machen, dass ihre Zeit begrenzt ist. Sie sollten sich Gedanken zum Tod machen und frühzeitig Dinge wie eine Betreuungsvollmacht und Patientenverfügung klären – auch damit sie hier nicht anderen die Verantwortung aufbürden. Solche Themen sind über Veranstaltungen auch Teil unserer Hospiz-Arbeit.“ Für Elli Hartung ist die Hospiz-Tätigkeit ebenfalls nicht nur Geben, sondern auch Nehmen. Die 75-Jährige erinnert sich: „Nach dem Tod meines Mannes hatte ich eine sehr traurige Zeit. 

Ich wollte aus dem Tief heraus und der Hospiz-Dienst hat mir dabei geholfen: Auch weil ich gesehen habe, dass es vielen sehr viel schlechter geht als mir. Und ich habe hier das Gefühl, etwas Gutes weitergeben zu können.“ Welcher Hospiz-Mitarbeiter und welcher unheilbar Kranke zueinanderfinden, wird bei Hospizdiensten wie dem in Oer-Erkenschwick nicht dem Zufall überlassen. Ulrich Radke beschreibt den Weg der Unterstützung, die für die Betroffenen kostenlos ist. 

„Der erste Schritt, die Information über die lebensverkürzende Krankheit, muss vom Betroffenen oder den Angehörigen kommen. Ich schaue dann nach dem Bedarf und suche eine jeweils passende ehrenamtliche Begleitung aus.“ So kam es auch dazu, dass Elli Hartung ihre derzeitige Patientin besucht. Doch die Betreuung ist nicht immer einfach, wie die Ehrenamtliche erzählt: „Die Gespräche waren anfangs schwierig, mein Gegenüber war sehr schweigsam – bis dann das Eis gebrochen war. Und manchmal ist die bettlägerige Dame sehr traurig, hat depressive Phasen. Dann versuche ich, sie durch positive Gedanken optimistischer zu stimmen: Ich erzähle ihr, dass sie doch eine gute Zeit hatte mit ihren Kindern und Enkeln und dass ihre Kinder sie immer noch besuchen, sie nicht allein ist.“ Und Elli Hartung fügt lächelnd hinzu: „Am Ende des Besuchs sage ich dann gerne: ,Ein Lächeln, bevor ich gehe‘. Wenn das funktioniert, weiß ich, dass mein Besuch etwas gebracht hat – und mit diesem Gefühl gehe ich dann gerne.“

Hospizdienste im Kreis Recklinghausen

Neben zwei stationären Hospizen – dem Hospiz zum Heiligen Franziskus in Recklinghausen und dem Elisabeth-Hospiz in Datteln – gibt es im Kreis Recklinghausen zahlreiche ambulante Hospizdienste für Erwachsene. u Die Hospizdienste sind in unterschiedlicher Trägerschaft, oft sind die katholische oder evangelische Kirche beteiligt. 

Die Unterstützungen durch Hospizdienste sind aber in aller Regel nicht an eine Konfession oder Religion gebunden.

Die Hospizdienste finanzieren sich zum Großteil über die Krankenkassen, es besteht aber keine komplette Refinanzierung. Deshalb ist die Unterstützung durch einen Träger, Förderverein oder Spenden notwendig. Für die Patienten sind die Hospiz-Unterstützungen kostenlos.

Hier die Kontakte zu Ambulanten Hospizdiensten oder -vereinen im Kreis Recklinghausen: - Ambulanter Hospizdienst Recklinghausen: 02361/60930 - Ambulanter Hospizdienst Oer-Erkenschwick: 0151/20038603 - Ambulanter Hospizdienst Datteln (auch zuständig für Waltrop): 02363/91040 - Hospizverein Marl: 02365/5096946 - Ambulantes Hospiz im Caritasverband Herten: 02366/154444 - Ambulantes Hospiz Haltern: 02364/109027 - Ambulanter Hospizdienst Dorsten: 02362/795667 - Ambulanter Hospizdienst Castrop-Rauxel: 02305/9235530 - Hospiz-Verein Gladbeck: 02043/9871355

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