Eindrückliche Veranstaltungen

Ein Wochenende im Zeichen des Holocaust-Gedenkens

Dortmund - Harte Kunst, herzzerreißende Musik und schwere Worte - im U-Turm wurde am Samstag deutlich, warum der Holocaust nicht vergessen werden darf. Am Sonntag fand dann nicht weit entfernt im Fußballmuseum eine weitere Gedenkveranstaltung statt. Mit gefragtem Besuch aus Israel.

Die 60 bis 70 Menschen um Foyer des U sind älter, kaum einer unter 30, viele grauhaarige unter ihnen. Der kiffende Taxifahrer aus dem Münster-Tatort ist auch da, Claus Dieter Clausnitzer, die Haare nicht so wirr, er trägt einen Ledermantel. Merkwürdig, zu diesem Termin einen Ledermantel zu tragen. Lang und alt und schwarz. Edwin Jacobs ist auch schwarz angezogen, der Anzug, die Krawatte, die Schuhe, tadellos gekleidet, dieser Museumsdirektor, so könnte er auch auf eine Beerdigung gehen und passt das nicht besser zum Holocaustgedenktag, zur Befreiung von Auschwitz, die heute, an diesem Samstag, 73 Jahre her ist?

Die Menschen stehen da und fabrizieren die Geräuschkulisse. Jacobs steht da, sieht auf die Menschen, harrt kurz aus, dann klatscht er in die Hände, hebt an: "Liebe Damen und Herren ..." Die Worte verhallen ungehört. "Wo bleibt die Autorität?", fragt Jacobs mehr sich selber, denn auch das hört kaum jemand. Zweiter Versuch, lauter, irgendwann hat er sie und die Menschen folgen ihm in die fünfte Etage.

Setting packt "bei unseren Gefühlen"

"Herr Jacobs, sind Sie ein politischer Museumsdirektor?" 17 Jahre, sagt der Niederländer, sei er in seiner Heimat aktiv gewesen, in der SP, der sozialistischen Partei, und jeder habe das Recht, Kunst und Kultur zu genießen, und der Staat habe das zu ermöglichen. Es ist eine harte Kunst, die oben in der fünften Etage des U wartet, eine Rauminstallation namens TEK, "Thermoelektrischer Kaugummi".

Über den Namen könnte man streiten, über die Installation nicht. 13.000 Löffel und Gabeln liegen auf dem Boden, zwei Stacheldrahtzäune durchschneiden den schwarzen Raum, man läuft unsicher auf dem Besteck. Alte Koffer, Dampflokgeräusche, Unsicherheit. "Manche Besucher", sagt Jacobs, "wollen nicht hineingehen, andere sehen es als eine Art Spielplatz und begreifen erst später." Alle aber würden davon berührt, von diesem grauenvollen Setting, "das uns bei unseren Gefühlen packt".

Warnung vor neuen Rechten

Ursula Richter vom Bündnis gegen Rechts spricht von 1,1 Millionen Toten in Auschwitz, von 47 Nebenlagern, von der durchschnittlichen Lebenserwartung der Menschen, die in den Mordfabriken arbeiteten: drei Monate. Und davon, dass der Faschismus das Bündnis des Kapitals mit der Barbarei sei. Damals die Juden, heute die Ausländer, und er steht ja schon wieder vor den Toren. Oder schon längst im Raum, am 14. April rufen die Rechten in Dortmund europaweit zu einer Demo auf, "Europa erwache" das Motto, nicht zufällig gewählt.

Musik setzt ein, ein Akkordeon, eine Geige, ein Sänger. Ein Lied aus der dunklen Zeit, geschrieben und gespielt für die Kabaretts der SS-Männer. "Sklaventango" singt der Sänger, und das, was die Musiker dazu spielen, wird noch stärker bei dem nächsten Stück. Jetzt nur noch Akkordeon und Geige. Was für herzzerreißende Töne sie gebären.

Nicht mehr viele Überlebende

Clausnitzer beginnt anschließend zu sprechen, die Todesfuge von Paul Celan. "Schwarze Milch" und "wir schaufeln ein Grab in den Lüften, da liegt man nicht eng". "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland", Clausnitzer spricht und alles passt in diesem Moment und es könnte keinen besseren Mantel geben als diesen, lang und schwarz. Schweigeminute, Grillen zirpen von irgendwoher, vermutlich aus einer anderen Installation. Oder doch von dieser? Das Schweigen, die Grillen, die Geräusche von Dampfloks.

Musik setzt ein, Partisanenlieder, "wir leben ewig" singt der Mann und man will es den Menschen, die hier stehen und lauschen, wünschen. Alt sind sie, zumindest viele von ihnen, sie werden nicht ewig leben. Aber noch sind sie da und erinnern sich, gedenken, und gleichzeitig wissen zwei von fünf Schülern ab 14 Jahren in Deutschland nicht, was Auschwitz war.

Auch am Sonntag gab es Gedenken

Doch genau deshalb gibt es diese Gedenkveranstaltungen. Wie auch diese am Sonntag im Deutschen Fußballmuseum. Hoher Besuch war extra dazu angereist: Botschafter Jeremy Issacharoff, die Vizepräsidentin des Bundestages, Claudia Roth, DFB-Präsident Reinhard Grindel, OB Ullrich Sierau, der renommierte Historiker Moshe Zimmermann?

Der Reigen der Ehrengäste, die Museumsdirektor Manuel Neukirchner am Sonntagvormittag im Atrium des Fußballmuseums begrüßt, ist lang. Ein ungewöhnlicher Ort für ein Gedenken? "Keineswegs", sagt Neunkirchner, "wir setzen uns intensiv mit der Aufarbeitung der NS-Geschichte im Fußball auseinander und widmen diesem Kapitel auch Platz in unserer Dauerausstellung."

Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit richtet den Gedenktag jährlich in Dortmund aus. Dass der Botschafter des Staates Israel zu den Gästen zählt, ist außergewöhnlich. "Meine Familie lebt schon seit Generationen in Jerusalem, sodass sie mit dem Holocaust nicht unmittelbar in Berührung stand", sagt der Diplomat. "Das änderte sich, als ich meine Frau Laura kennenlernte. Ihre Großeltern stammten aus Dortmund."

Großvater starb in Theresienstadt

Im Gespräch mit unserer Zeitung nennt der Botschafter den Namen des Großvaters und ist sichtlich berührt: "Saul Birnberg, er war selbstständig und spielte auch Fußball. Es ist sehr emotional für mich, an dem Ort zu sein, an dem die Urgroßeltern meiner Kinder ihre Wurzeln haben." Birnberg starb in Theresienstadt.

Ein Quintett spielt Werke fast vergessener jüdischer Komponisten. Szymon Laks' Divertimento, Portraits aus dem Opus 6 von Ernst Bachrich. OB Sierau erinnert sich in seinem Grußwort, wie er mit einer Dortmunder Jugendgruppe die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz besuchte. "Wenn man sieht, mit welcher Perfektion dort gemordet wurde, ist man erschüttert."

DFB-Präsident Grindel nimmt diesen Faden auf, berichtet vom internationalen Jugendturnier in Israel, zu dem der DFB jährlich seine U18-Auswahl schickt. "Der Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem betrübt die jungen Spieler, meistens Christen und Muslime, immer sehr. Sie erkennen dort, dass vieles, das ihnen oft als selbstverständlich erscheint, eben nicht selbstverständlich ist." Respekt und Toleranz, Fairplay und Teamgeist seien die Grundwerte des Fußballs. Spontanen Applaus erhält Grindel, als er sagt: "Zeigen wir jedem die Rote Karte, der sich gegen diese Werte stellt."

Im Festvortrag arbeitet der renommierte Historiker Moshe Zimmermann von der Hebräischen Universität Jerusalem die Rolle des Antisemitismus im deutschen Fußball auf. "Bei der Diffamierung jüdischer Sportler wurden bewusst Ursache und Wirkung verwechselt", erklärt Zimmermann und zitiert aus drei Zeitungsartikeln des ersten "Reichstrainers" Otto Nerz, die die perfide Methode plastisch belegen. "Nerz' Weggefährte Carl Koppehel schrieb später über ihn, der Reichstrainer sei selbst im KZ ums Leben gekommen. Dass Sachsenhausen zu dessen Tod bereits Straflager für Naziverbrecher war, erwähnte Koppehel nicht."

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