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Hanne Mecke (r.) wird im Hospiz unter anderem von Krankenschwester Michaela Opresnik begleitet.

Hospizbewegung 2.Teil

„Der Eingang zum Himmel“

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Hanne Mecke hat einen Hirntumor und verbringt ihren letzten Lebensabschnitt im Hospiz zum Heiligen Franziskus. Liebevolle Begleitung soll hier für ein Leben in Würde sorgen – bis zuletzt.

Ein Lächeln geht über das Gesicht von Hanne Mecke. „Hier ist der Eingang zum Himmel. Hier fühle ich mich gut aufgehoben“, sagt die 75-Jährige. Hier – das ist im Recklinghäuser Hospiz zum Heiligen Franziskus. Hier lebt Hanne Mecke seit einigen Wochen. Dass sie einen Hirntumor hat, weiß die Recklinghäuserin seit Ende Mai. „Die Nachricht kam ganz plötzlich, am Tag der Europawahl, ich erinnere mich noch genau“, erzählt sie. Damals muss sie ins Krankenhaus, erhält die Diagnose. 

Schon wenige Tage später wird sie operiert, es folgt eine Chemotherapie. Schließlich die Hiobsbotschaft: Der Tumor ist nicht therapierbar. Da die Versorgung zu Hause unmöglich ist, zieht Hanne Mecke ins Franziskus-Hospiz. Eine Entscheidung, die sie nicht bereut: „Hier ist es wunderbar, ich bin sehr froh, dass ich hier hingegangen bin“, betont sie – und ergänzt: „Das Personal ist großartig, alle sind herzlich, fröhlich, liebevoll.“

Eine von Hanne Meckes Begleiterinnen ist Krankenschwester Michaela Opresnik. Die 43-Jährige arbeitet seit drei Jahren im Hospiz, vorher war sie im Krankenhaus tätig, auch im Intensiv-Bereich. Über ihren Wechsel ist sie froh: „Die Arbeit im Hospiz ist toll. Ich habe mehr Zeit für die Menschen als im Krankenhaus, es wird der ganze Mensch gesehen. 

Manchmal ist nicht nur das Medikament oder die Versorgung einer Wunde entscheidend, sondern dass jemand da ist – zum Beispiel bei Schmerzen oder Ängsten. Der Patient wird hier nicht alleingelassen.“ Und sie betont noch einmal: „Es ist jemand da – das ist wichtig.“ Dasein, ein Leben in Würde bis zuletzt ermöglichen: Darum bemüht sich das Hospiz-Team – von den Pflegekräften über die Seelsorge bis zum ambulanten Hospizdienst. Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer sind auch im Hospiz aktiv, hören zu, führen Gespräche – sind da. Für Geschäftsführer Dr. Michael Stephan Kornau erhalten die Hospiz-Gäste hier all das, was sie schon bei der Mitteilung über ihre Krankheit hätten bekommen sollen: „Persönliche Zuwendung, verlässlich rund um die Uhr.“ 

Es werde alles dafür getan, dass sich die Patienten in ihrer einmaligen Situation aufgenommen fühlen. Im Hospiz verbringen die Patienten ohne Aussicht auf Heilung in aller Regel ihren letzten Lebensabschnitt. Immer wieder steht eine Kerze vor einer Zimmertür – immer, wenn ein Patient gestorben ist, wenn die Angehörigen in Ruhe und ohne Eile Abschied nehmen können. „Das ist hier sicherlich nicht für jeden der richtige Arbeitsplatz. Man muss als Mitarbeiterin sehen, ob man das aushalten kann“, sinniert Michaela Opresnik. So seien zum Beispiel allein im Mai 16 Patienten verstorben. Sie selbst empfindet ihre Arbeit aber nicht als belastend: „Ich kann Gutes tun, Ängste nehmen, darf die Menschen bis zum Sterben begleiten – das ist ein großer Vertrauensbeweis.“

 Und nach dem Tod im Hospiz folgt das Gedenken, auch für die Mitarbeiter: Im Raum der Stille erinnert man sich im Gespräch an den Verstorbenen. Hell sind die Räume im Hospiz, jeder der elf Patienten hat ein eigenes Zimmer mit Terrasse, im Innenhof wachsen Pflanzen, glänzt ein Wasserspiel. Auch das äußere Umfeld soll zum Wohlbefinden der Patienten beitragen. „In der allgemeinen Vorstellung ist ein Hospiz oft ein trister schwarzer Kasten, in dem es ganz ruhig ist, weil die Leute hier zum Sterben hingebracht werden“, sagt Michael Stephan Kornau. Mit solchen Vorurteilen hat die freundliche Atmosphäre des Franziskus-Hospizes nichts zu tun. „Bei uns gibt es lachen und weinen“, betont Hospiz-Leiterin Heike Lenze. Gelacht wird auch im Zimmer von Hanne Mecke, als sie eine „tolle Geschichte“ erzählt: „Vor kurzem wollte ich abends gerne eine Pizza essen. Da hat eine Schwesternschülerin ein Lokal ausfindig gemacht, dort angerufen, bestellt und die Pizza zu Fuß geholt. Pizza mit Thunfisch und Zwiebeln. Es war köstlich, ich war hellauf begeistert. So ein Personal finde ich super.“ Und nach einer kurzen Pause sagt sie lächelnd zu ihrem Mann, der bei ihr sitzt: „Das hättest du auch für mich gemacht – aber ich glaube, du wärst mit dem Auto gefahren.“ 

Für Michaela Opesnik ist es sehr wichtig, dass die Wünsche der Patienten erfüllt werden, soweit das möglich ist. So konnte ein Patient ein Schalke-Spiel besuchen, ein anderer Gast eine Nacht unter freiem Himmel im Hospiz-Innenhof verbringen, ein dritter hatte Heißhunger auf ein Kotelett. „Das sind zum Teil nur Kleinigkeiten, mit denen wir unsere Patienten glücklich machen können. Aber diese Erlebnisse geben ihnen Energie, die Angst lässt nach, das Vertrauen wächst.“ 

Hanne Mecke mag die Musikbeiträge und Filme im Hospiz, sie besucht gerne die benachbarte Kapelle und abends, wenn es ruhig wird, ist Michael Stephan Kornau bisweilen bei ihr. „Dann singen, beten oder reden wir, es kommen Fragen auf“, sagt der Diakon. Der 75-Jährigen ist klar, dass ihr Tumor nicht therapierbar ist, dass ihre Erkrankung zum Tod führt. 

Doch Hanne Mecke ist „mit sich im Einklang“, wie sie bestätigt. „Zwei Ziele wollte ich noch erreichen: Die Einschulung meiner Enkelin und die Geburt meines zweiten Enkelkindes“, blickt die zweifache Mutter auf Ereignisse der letzten Wochen und Monate zurück. „Und beides habe ich geschafft. Da bin ich glücklich drüber.“ Und auch in die Zukunft blickt sie optimistisch. „Vor dem Sterben habe ich eigentlich keine Angst, ich lass es auf mich zukommen. Und vor dem Tod auch nicht: Ich glaube, dass es danach weitergeht – nur weiß keiner wie.“ Und hat sie da selbst Vorstellungen? Die Antwort kommt prompt: „Schön!“

Das Hospiz zum Heiligen Franziskus

Das Hospiz zum Heiligen Franziskus wurde 1986 in Recklinghausen-Süd als eines der beiden ersten stationären Hospize in Deutschland gegründet. u Damals hatte das Haus acht Betten. Seit dem Umzug in einen Neubau im Jahr 2014 beherbergt das Hospiz elf Gäste. u Bei dem Franziskus-Hospiz handelt es sich um eine eigenständige GmbH – im Caritasverband und mit Kooperationen mit dem benachbarten Elisabeth-Krankenhaus. u Das Hospiz steht für Menschen aller Religionen und Anschauungen offen, es vertritt ein christliches Menschenbild. Leitbild ist Franziskus – mit seinem Ziel, den Menschen in Not beizustehen. Es gibt verschiedene spirituelle Begleitungen. u Neben dem stationären Teil gibt es unter dem Dach des Hospizes einen ambulanten Palliativ-Pflegedienst und einen ambulanten Hospizdienst mit zahlreichen Ehrenamtlichen. Die medizinische Versorgung im Hospiz wird über Hausärzte oder Netzwerke mit Palliativ-Ärzten geleistet. u Aufnahmekriterium für Patienten im Hospiz ist laut Gesetzgeber eine Erkrankung, bei der keine Therapie möglich ist. „Darüber hinaus schauen wir vor Ort, wo der Bedarf am größten ist – zum Beispiel, was Hilfekreise sowie die familiäre und soziale Situation betrifft“, sagt Hospiz-Leiterin Heike Lenze. u Die Nachfrage ist größer als die Zahl der Plätze. Heike Lenze fordert in diesem Zusammenhang eine bessere allgemeine Hospizkultur, zum Beispiel in der Altenheimversorgung. u Die Hospiz-Kosten werden offiziell zu 95 Prozent über die Krankenkassen refinanziert. „Der Tagessatz reicht aber nicht, hinzu kommen weitere Ausgaben wie Anschaffungen. So sind jährlich Spenden von etwa 120.000 Euro notwendig“, sagt Geschäftsführer Dr. Michael Stephan Kornau. Hinzu kommt beim ambulanten Palliativ-Pflegedienst jährlich ein Minus von etwa 150.000 Euro, das unter anderem aufgrund der aufwendigen Palliativ-Pflege entsteht. Iris Thenhausen, Leiterin des Palliativ-Pflegedienstes, kritisiert das bestehende Abrechnungssystem, das im Vergleich zu anderen Regionen für palliative Pflege-Einsätze ungünstig sei. Für Patienten sind die Dienste kostenlos. u Im Kreis Recklinghausen gibt es zwei stationäre Hospize: das Hospiz zum Heiligen Franziskus, Feldstraße 32, Recklinghausen, Tel.  02361/ 6093-0, sowie das Elisabeth-Hospiz Datteln, Sankt-Vincenz-Straße 21, Tel. 02363/36250-10. Mit dem Klara Hospiz in Marl soll im kommenden Jahr ein weiteres Hospiz gebaut werden.

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