Erinnerung an Bergwerks-Unglück vor 75 Jahren

Feuer im Schacht: 42 Kumpel starben auf der Zeche Kaiserstuhl

DORTMUND - Vor genau 75 Jahren wurde die Nordstadt durch ein schweres Unglück auf der Zeche Kaiserstuhl erschüttert. Es war nicht der erste "schwarze Tag" für das Bergwerk, dessen Spuren im Bereich Bornstraße heute kaum noch sichtbar sind. Einige gibt es aber noch.

Schreckensnachrichten gab es im Kriegsjahr 1943 reichlich - auch, wenn zu Jahresbeginn die Serie der schweren Luftangriffe auf Dortmund und das Ruhrgebiet noch bevorstand. Der kleine Zeitungsartikel "Schweres Grubenunglück auf Zeche Kaiserstuhl" ging da zwischen den meist propagandistischen Berichten über den Kriegsverlauf fast unter. Unter diesem Titel veröffentlichte die Tageszeitung Tremonia am 18. Januar 1943 eine Zehn-Zeilen-Meldung des Oberbergamtes:

"Auf der Schachtanlage Kaiserstuhl I in Dortmund entstand am 16. Januar in den frühen Morgenstunden im Hauptförderschacht ein Brand, dem 28 Gefolgschaftsmitglieder zum Opfer fielen. Der übrige Teil der unter Tage befindlichen Gefolgschaftsmitglieder konnte durch die sofort eingeleiteten Rettungsmaßnahmen lebend geborgen werden. Die Ursache des Brandes ist auf einen Kabelkurzschluss zurückzuführen. Die bergbaubehördlichen Untersuchungen sind noch im Gange."

Was die offizielle Behörden-Meldung verschweigt: Die Zahl der Toten war noch höher. Verschwiegen wurden die 14 ausländischen Arbeiter, die bei dem Unglück ums Leben kamen. In vielen Industriebetrieben und Bergwerken waren in der NS-Zeit sogenannte Fremd- oder Zwangsarbeiter im Einsatz.

Augenzeugen erinnern sich

Doch es gab ja auch noch Augenzeugen, die in den Jahren nach dem Krieg die Erinnerung an das tragische Ereignis wachhielten. So wie Heinrich Babucke und Wilhelm Hülstau, die zu den Überlebenden des Grubenunglücks gehörten und 25 Jahre später darüber berichteten. "Im Schacht zwischen der vierten und sechsten Sohle wurde abgebaut. Die Regierung verlangte Kohle für den Krieg. Alles musste schnell gehen", zitierten die Ruhr Nachrichten die früheren Bergleute am 17. Januar 1968. "Es wurde geschweißt. Plötzlich stand der Schacht in Qualm und Rauch, dann schlugen die Flammen hoch. Wir sprangen in den Sumpf, tauchten unsere Körper in das eiskalte Wasser und fanden schließlich einen Winkel, der im Wetterzug lag. Nach 24 Stunden wurden wir gerettet", berichteten sie über die dramatischen Stunden unter Tage.

Trauerfeier auf dem Hauptfriedhof

Vier Tage nach dem Unglück fand auf dem Hauptfriedhof eine Trauerfeier für die toten Bergleute statt, über die die Zeitung Tremonia groß berichtete. In langen Reihen waren die Särge der 28 toten deutschen Bergleute vor der Trauerhalle aufgestellt worden, eingerahmt von Arbeitskollegen mit brennenden Fackeln in der Hand.

Und natürlich waren auch bei den Trauerreden propagandistsche Töne vorherrschend. Bergwerksdirektor Klemme, heißt es in dem Bericht, "pries die toten Knappen als gefallene Helden, die gleich den Helden des Schlachtfeldes auf dem Kampfplatz der Arbeit im Einsatz für das Leben des Volkes sich hätten opfern müssen". Die 28 deutschen Opfer wurden auf dem Hauptfriedhof bestattet, was aus den toten ausländischen Bergleuten wurde, ist unbekannt.

Zahlreiche Grubenunglücke

Es war nicht das erste Unglück auf der Zeche Kaiserstuhl, die aus der Zeche Westphalia hervorgegangen war. Deren Ursprünge lagen im Bereich Sunderweg im Westen der Nordstadt. Aus dem 1871/72 an der Bornstraße abgeteuften Schacht Westphalia III wurde später der Schacht Kaiserstuhl I und damit die Keimzelle der ab 1892 selbstständigen Zeche Kaiserstuhl 1. Zwei weitere Schächte entstanden 1891 und 1911, außerdem weiter östlich ab 1891 drei Schächte der Zeche Kaiserstuhl 2 - auf dem Gelände der Westfalenhütte.

Kaiserstuhl gehörte denn auch ab 1899 zu den Hoesch-Bergwerken, lieferte Kohle für die Koksproduktion in der angeschlossenen Kokerei Kaiserstuhl - als Brennstoff für die Hochöfen der Westfalenhütte.

Auf der Zeche Kaiserstuhl ereignete sich am 19. August 1893 mit einer Schlagwetterexplosion, bei der sich Grubengas entzündete und explodierte, eines der schwersten Unglücke in der Dortmunder Bergbaugeschichte. 62 Bergleute kamen dabei ums Leben. An sie erinnert ein eindrucksvolles Gräberfeld mit Gedenkstein auf dem Ostfriedhof. Zuvor hatte es schon 1882 eine Schlagwetter-Explosion mit sieben Toten gegeben.

20 Tote forderte eine weitere Schlagwetter-Explosion am 22. Dezember 1897, acht Tote eine Explosion am 20. Februar 1917. Am 8. August 1920 starben 31 Bergleute bei einem Seilfahrt-Unglück auf Kaiserstuhl. Drei Kumpel starben durch "Kohlenfall" auf der Zeche Kaiserstuhl II am 6. August 1932.

Schneller Wiederaufbau

Trotz aller Unglücke: Die Arbeit ging stets weiter auf dem zentralen Bergwerk der Nordstadt. 1944, ein Jahr nach dem Brand im Schacht, musste der Betrieb nach schweren Bombentreffern vorübergehend eingestellt werden. Gleich nach Kriegsende ging es aber schon 1945 mit der Kohleförderung weiter.

Ab Mitte der 1950er-Jahre wurden die Zechen Kaiserstuhl 1 und 2 mit einer Belegschaft von mehr als 6600 Beschäftigten zum Verbundbergwerk, Förderung und Aufbereitung mehr und mehr zu den Anlagen auf der Westfalenhüte verlagert. Übertage waren beide Standorte mit einer Bahnstrecke, aber auch mit einer 2,5 Kilometer langen Seilbahn verbunden.

Die einsetzende Kohlekrise bescherte dann 1966 das Aus für Kaiserstuhl. Die Kokerei wurde bis 1991 weiterbetrieben und dann durch die neue Großkokerei Kaiserstuhl II abgelöst. Sie galt als modernste und umweltfreundlichste Kokerei der Welt, hatte aber nur acht Jahre Bestand. Mit ihrer Stilllegung am 12. Dezember 2000 war Kaiserstuhl in der Nordstadt endgültig Geschichte.

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