+
Wahlwerbung in Herten.

Zur Europawahl

Wahlplakate haben offenbar kaum noch Relevanz

  • schließen

REGION - Wer es dramatisch mag, spricht von einer „Schicksalswahl“. Dass bei dieser Europawahl einiges auf dem Spiel steht, dieser Überzeugung sind allerdings viele Menschen. Den Plakatwahlkampf sollte man aber nicht zum Gradmesser für den Stellenwert des europaweiten Urnengangs machen. Denn was auf Schildern und Tafeln zu lesen ist, zeichnet sich eher durch Plattitüden und Provokationen aus, als durch Esprit oder gar Witz.

Zudem ist in allen Städten des Kreises Recklinghausen festzuhalten, dass die Parteien deutlich weniger plakatiert haben als bei früheren Wahlen. Ganz neu ist der Trend, für sich zu werben, indem man gerade auf Werbung verzichtet. So haben es jedenfalls SPD und Linke in Gladbeck, die Linke in Recklinghausen und die Grünen in Waltrop gehalten. Öffentlichkeitswirksam verkündeten sie, keine Plakate an Laternen aufhängen zu wollen – der Umwelt zuliebe, wie es hieß.

Nehmen Wähler die Werbung wahr?

Ob die Mehrheit der Wähler die Straßenwerbung überhaupt bewusst wahrnimmt, ist eine Frage. Ob sie sie zur Meinungsbildung benötigt, eine andere. Wenn SPD-Spitzenkandidatin Katarina Barley mit der Aufforderung „Macht Europa stark!“ von der Plakatfläche lächelt, bleibt weniger die Aussage als ihr dunkelblauer Kapuzenpulli mit den Europasternen im Gedächtnis haften. Dass „Klimaschutz keine Grenzen kennt“ (Grüne) oder „unser Europa Sicherheit gibt“ (CDU) sind Slogans, die zwar das Wesen der EU treffen, aber irgendwie doch am Betrachter vorbeirauschen. „Grenzen sichern!“, fordert die AfD. Man ahnt, vor wem. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums überrascht die MLPD mit einem Plakat, das den Eindruck vermittelt, irgendwann einmal vergessen worden zu sein. „Gegen Zechenschließungen“ vorgehen zu wollen, ist vielleicht zeitlos schön, aber die Zeit hat doch längst andere Fakten geschaffen.

Meinungsfreiheit oder Straftat?

Proeuropäisch eingestellte Bürger treibt die Sorge um, dass Nationalisten, EU-Skeptiker oder gar EU-Hasser bei dieser Europawahl gut abschneiden werden. Wahlwerbung, wie sie etwa die rechtsextreme Partei „Die Rechte“ praktiziert, lässt bei ihnen die Alarmglocken schrillen. „Wir hängen nicht nur Plakate“ heißt es auf einem Schild. „Zionismus stoppen: Israel ist unser Unglück!“ prangt auf einem anderen, das unter anderem in Marl für Empörung gesorgt hat. Die Stadt Marl jedoch sah keine Handhabe, dagegen vorzugehen. Der Inhalt sei durch das Recht auf freie Meinungsäußerung abgedeckt, hieß es im Rathaus. Gestern entschied das Oberverwaltungsgericht Münster (OVG) allerdings, dass „Die Rechte“ die umstrittenen Wahlplakate bei einer Kundgebung in Dortmund nicht zeigen darf.

Ebenfalls für Aufregung sorgte ein Werbeplakat der Partei „Die Partei“. „Hier könnte ein Nazi hängen“ lassen die Verantwortlichen den Betrachter wissen. Unter unseren Lesern sorgte das für ein lebhaftes Echo. Tenor: Das gehe zu weit, und auch in Anbetracht des satirischen Anspruches, den „Die Partei“ pflege, sei hier eine Grenze überschritten.

Mitwillige Zerstörung

Wie eine Facebook-Umfrage dieser Zeitung deutlich macht, gibt es auch Bürger, die der Plakatwerbung vor Wahlen grundsätzlich nichts Gutes abgewinnen können, sie für überflüssig halten. Diese „Wertschätzung“ zeigt sich offensichtlich auch in der mutwilligen Verunstaltung und Zerstörung von Tafeln und Schildern; Vorgänge, die in jeder Stadt zu beobachten sind und alle Parteien betreffen.

Ab Montag, wenn die Plakate abgenommen werden, redet niemand mehr darüber. Dann zählt nur noch das Ergebnis der Wahl.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Schwerer Unfall in Oer-Erkenschwick: Auto erfasst freilaufendes Pferd
Schwerer Unfall in Oer-Erkenschwick: Auto erfasst freilaufendes Pferd
Pferd bei Unfall getötet, schlimmer Verdacht gegen vier Männer, Weizsäcker-Sohn erstochen
Pferd bei Unfall getötet, schlimmer Verdacht gegen vier Männer, Weizsäcker-Sohn erstochen
Feldwege als Abkürzung: Rasende Autofahrer lassen Anwohner in Suderwich verärgert zurück
Feldwege als Abkürzung: Rasende Autofahrer lassen Anwohner in Suderwich verärgert zurück
So kam dieser Ladenbesitzer in Herten einem iPhone-Betrüger auf die Schliche
So kam dieser Ladenbesitzer in Herten einem iPhone-Betrüger auf die Schliche
Nach dem Protest gegen AfD-Veranstaltung in Herten gibt es erste Konsequenzen
Nach dem Protest gegen AfD-Veranstaltung in Herten gibt es erste Konsequenzen

Kommentare