Evangelische Kirche

Dem Dortmunder Seeferienheim Juist droht der Ausverkauf

Dortmund - Seit 93 Jahren betreibt die evangelische Kirche in Dortmund ein Seeferienheim auf der Nordsee-Insel Juist. Jetzt will sie das Angebot deutlich reduzieren. Das ärgert nicht nur Stammgäste.

Annette Brunk war fünf Jahre alt, also sie das erste Mal ins Seeferienheim Juist fuhr. "Mit dem Kindergarten", erinnert sie sich. Später folgten Teenie- und Konfirmanden-Freizeiten.

Man kann mit Fug und Recht sagen, dass Annette Brunk Stammgast ist auf Juist. Genauso wie Irmgard Grupe, die seit gut 25 Jahren die Insel besucht und seit acht Jahren ehrenamtliche Reisebegleiterin bei Freizeiten im Seeferienheim ist, und Jürgen Kleinschmidt, der sogar einmal für den Ferien- und Freizeitdienst der damaligen Vereinigten Kirchenkreise gearbeitet hat.

Durch eine lange Geschichte verbunden

Regelrecht schockiert sind die Drei deshalb von der Überlegung des Kirchenkreises, das Seeferienheim auf Juist zwar nicht aufzugeben, aber das Angebot deutlich zu reduzieren. Inzwischen hat sich ein Unterstützerkreis gebildet, der sich für das Seeferienheim auf Juist einsetzt.

Die Geschichte des Seeferienheims begann 1925. "Dem Leiter des evangelischen Jugenddienstes für Großdortmund, Pastor Weidenfeld zu Dortmund, wird auf jederzeitigem Widerruf die Erlaubnis erteilt, auf der neben dem Lagerplatz der Badekarren liegenden Dünenfläche eine Holzbude von 15x5 Meter aufzustellen und das umliegende Gelände von 400 Quadratmeter zu nutzen".

"Erholung und Freizeit in sauberer Luft"

Weidenfelds Idee war, Dortmunder Kindern und Jugendlichen Erholung und Freizeit in sauberer Luft zu ermöglichen. Und die Idee fiel auf fruchtbaren Boden. Bis 1929 entstand in den Dünen von Juist ein erstes "Barackenlager". 1929 folgte ein festes Gebäude aus Stein.

Das "Dellerthaus" gibt es noch heute und ist gewissermaßen das Hauptgebäude des Seeferienheims. Hier gibt es Betten für 138 Kinder und Jugendliche in Vier- bis Acht-Bett-Zimmern. Dazugekommen sind noch das "Dünenhaus" mit 39 Betten in Einzel- und Doppelzimmern, die für Familien- und Seniorenfreizeiten genutzt werden, ein Wirtschaftsgebäude mit Küche und Speisesälen und das "Watthaus", das als Wohnhaus für das Personal des Seeferienheims genutzt wird.

Tausende Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben in den vergangenen Jahrzehnten Urlaub auf Juist im Seeferienheim genossen. "Sie erleben Erholung, christliche Gemeinschaft und Natur. Viele Menschen haben hier eine für ihr Leben entscheidende religiöse Sozialisation genossen", stellte die Vize-Superintendentin Andrea Auras-Reiffen Anfang Juni in einem Bericht vor der die Synode des Kirchenkreises, also den Vertretern der Gemeinden und kirchlichen Dienste, fest.

Dem Lob zum Trotz: Anlass für den Bericht sind Überlegungen, das Seeferienheim Juist deutlich zu verkleinern. Denn es muss kräftig investiert werden. Das Dünenhaus ist zwar 1988/89 renoviert worden, vor allem das Dellerthaus muss aber dringend saniert werden. "Es entspricht nicht mehr dem Standard einer Gruppenunterkunft oder Jugendherberge der heutigen Zeit", stellt Andrea Auras-Reiffen fest.

Ein Bauplanungsausschuss wurde eingerichtet, der den Umbau prüfen und begleiten sollte - und dabei feststellte, dass auch das Watthaus und das Wirtschaftsgebäude Sanierungsbedarf haben.

Keine Kirchensteuer-Einnahmen mehr für das Seeferienheim

Das Problem ist zum Teil auch hausgemacht: 2006 entschied die evangelische Kirche angesichts akuter Finanznot in Zeiten wegbrechender Kirchensteuer-Einnahmen, dass das Seeferienheim wie andere kirchliche Einrichtungen wirtschaftlicher geführt werden muss - also keine Unterstützung aus Kirchensteuer-Mitteln mehr bekommt. Die Folge war, dass die Instandhaltung der Gebäude deutlich zurückgefahren wurde und auch keine finanziellen Rückstellungen gebildet wurden.

Nun wird es also teuer. So teuer, dass der Kreissynodalvorstand - so heißt das höchste Entscheidungsgremium der evangelischen Kirche zwischen den zweimal im Jahr tagenden Synoden - eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gab, ob und wie sich das Seeferienheim überhaupt wirtschaftlich führen lässt, ob sich also die Investition langfristig auszahlt.

Zweifel an "positivem Betriebsergebnis"

Das Ergebnis war ernüchternd. Ein "positives Betriebsergebnis" sei nicht zu erwarten, heißt es in einem Bericht an die Synode. Ein Grund: Außerhalb der Ferien werde das Haus durch Klassenfahrten meist nur von Montags bis Donnerstag belegt. Am Wochenende stehe es oft leer - wohl auch, weil die Erreichbarkeit der Insel durch die von der Flut abhängigen Fährverbindung eingeschränkt sei. "Es buchen auch nur noch wenige Dortmunder Gemeinden das Dünen- wie das Dellerthaus für gemeindeeigene Freizeiten", stellt Andrea Auras-Reiffen fest.

Haben die Gemeinden also kein Interesse mehr an "ihrem" Seeferienheim? Irmgard Grupe, Annette Brunk und Jürgen Kleinschmidt glauben das nicht. Es sei nur noch wenig Werbung für das Seeferienheim gemacht worden beklagen sie. "Man hat das vor die Wand gefahren", sagt Irmgard Grupe. Das etwas passieren und investiert werden muss, das sehen auch die erfahrenen Juist-Fahrer so.

Was sie beklagen, ist die mangelnde Gesprächsbereitschaft der Kirchenleitung. "Es wird in keinster Weise bürgerschaftliches Engagement einbezogen", beklagt Irmgard Grupe. "Die wollen keine kreativen Ansätze", sagt Annette Brunk. "Das Prozedere ist beschämend. Das hat was von Abwickeln", stellt Jürgen Kleinschmidt fest.

Ferien- und Freizeitdienst wird aufgegeben

Verstärkt wird der Eindruck durch die Tatsache, dass die Evangelische Kirche den Ferien- und Freizeitdienst (FFD), der bislang Fahrten nach Juist und zu anderen Orten organisiert hat, 2021 auflösen wolle. Die Kirche nutzt den Umstand, dass zwei von vier Mitarbeitern in den Ruhestand gehen, zwei weitere sollen anderweitig beschäftigt werden. "Es soll weiter Reiseangebote geben", betont Andrea Auras-Reiffen.

Bei den Reisebegleiterinnen und Reisebegleitern des FFD gibt es trotzdem Kritik und Zweifel. Vor allem stört sie, dass von Reise-Angeboten für Senioren keine Rede mehr ist. "Mit dem Entschluss zur Schließung des FFD entzieht sich der Evangelische Kirchenkreis ohne Not seiner kirchlich-sozialen Verantwortung älteren Menschen gegenüber. Dass die Evangelische Kirche dadurch immer mehr Entfremdung - insbesondere älterer Menschen - erfahren wird, sollte Sie nicht wundern", heißt es in einem Schreiben der ehrenamtlichen Reisebegleiter an die Kirchenleitung.

Was die Zukunft des Seeferienheims Juist angeht, betont Andrea Auras-Reiffen immer wieder, dass man noch kein fertiges Konzept habe. Vor der Synode sprach sie von "zwei Optionen, die weiterverfolgt werden." In welche Richtung die gehen, wurde den Synodalen noch nicht verraten. "Wir beteiben bislang nur Überlegungen", sagte Andrea Auras-Reiffen im Gespräch mit unserer Zeitung.

Bericht im Bauausschuss auf Juist

Etwas konkreter wurde die stellvertretende Superintendentin allerdings in einer Sitzung des Bauausschusses der Inselgemeinde Juist. Man wolle als Kirchenkreis den Standort Juist erhalten, müsse sich dazu aber auf ein Gebäude mit rund 50 Betten konzentrieren, erläuterte Auras-Reiffen nach einem Bericht des Internet-Portals Juistnews.

"Wir möchten als Kirchenkreis weiterhin Kinder, Jugendliche und Familien dort unterbringen und für sie Programm gestalten", erklärte Auras-Reiffen zurück in Dortmund. In einem in der vergangenen Woche versandten Brief an die Mitglieder der Kreissynode heißt es: "Unser fester Wille ist es zurzeit, das Angebot für Dortmunder Gemeinden auf jeden Fall in irgendeiner Form zu erhalten."

Was dort nicht drinsteht, aber bereits in der Bauausschuss-Sitzung auf Juist verkündet wurde: Eine Vollverpflegung soll es im verkleinerten Seeferienheim nicht mehr geben. Die Gruppen sollen eigene Personen zur Selbstversorgung mitbringen. Auf eigenes Personal vor Ort will die Kirche künftig verzichten. Darüber habe man die betroffenen Mitarbeiter bereits informiert, erklärt Andreas Auras-Reiffen auf Nachfrage.

Vermarktung von drei Gebäuden ist geplant

Auch zum Gebäudekonzept gab es für den Bauausschuss der Inselgemeinden erste Informationen. Vorgesehen sei, das Dellerthaus zu sanieren und umzubauen, erläuterte ein Vertreter des Hamburger Immobilienentwicklers Imentas, der die Kirche berät. Für eine Übernahme des Dünenhauses zeige der Träger der evangelischen Kurklinik Regenesa Interesse. Die Vermarktung von drei der vier Gebäude sei nötig, um die Sanierung des Dellerthauses finanzieren zu können. "Wir brauchen eine wirklich große Investitionssumme", sagte Andrea Auras-Reiffen im Gespräch mit unserer Zeitung.

Das ist aber nicht das einzige Problem. Denn die Inselgemeinde teilt durchaus die Bedenken der Juist-Fans aus dem Kirchenkreis. Das Gruppenerlebnis und die soziale Komponente könnten mit dem reduzierten Angebot des Kirchenkreises verlorengehen, fürchtet Bürgermeister Dr. Tjark Goerges. Für Juist sei das Seeferienheim "ein ganz großer Player". Erfahrungsgemäß kommen junge Gäste, die positive Ferienerlebnisse gesammelt haben, später gern wieder. "Wir verlieren also eine Gruppe von Gästen, die wichtige Multiplikatoren sind", sagte Goerges.

Skepsis bei der Inselgemeinde

Entsprechend skeptisch hat man auf Juist die Pläne des Kirchenkreises aufgenommen. Bauausschuss-Mitglieder verwiesen auf Möglichkeiten etwa zur Kooperation mit dem Deutschen Jugendherbergswerk. Dort habe man - wie Nachfragen aus Juist ergaben - durchaus Interesse daran, wusste aber noch gar nichts von den Nöten des Kirchenkreises. Man habe den Eindruck, dass der Kirchenkreis noch nicht alles versucht habe, um ein möglichst breites, gruppenorientiertes Angebot zu erhalten, fasste Goerges den Eindruck aus der Bauausschuss-Sitzung zusammen.

Dabei ist die Kirche auf die Unterstützung der Inselgemeinde angewiesen, wie Andrea Auras-Reiffen immer wieder betont. Denn die Gemeinde müsste eine Nutzungsänderung für das Kirchenareal, das bislang als Gemeinschaftsfläche ausgewiesen ist, genehmigen. "Im Moment glaube ich nicht, dass wir die Genehmigung geben würden", erklärte Goerges gegenüber unserer Zeitung. Er wünsche sich, dass man mit den Beratungen noch "wenigstens eine Runde" drehe.

Ehrenamtliche Reisebegleiter nicht mit einbezogen

Das hoffen auch die Juist-Fans in Dortmund. Anfang Juni hatte Andrea Auras-Reiffen einen Beschlussvorschlag für die Synode im November angekündigt. Und sie verspricht größtmögliche Transparenz. "Wir haben versucht, unsere Gremien immer zu beteiligen", sagt die stellvertretende Superintendentin. Mitglieder der Presbyterien hätten jederzeit die Möglichkeit, die Protokolle einzusehen.

Von Gesprächswünsche aus dem Kreis der Ehrenamtlichen will sie noch nichts gehört haben. Man sei sich natürlich bewusst, dass das Thema für die Menschen, die viele Jahre nach Juist gefahren ist, mit Emotionen verbunden sei. Und warum bezieht man den Rat der ehrenamtlichen Reisebegleiter nicht ein? Es gebe dafür ja keine feste Runde, sagt Auras-Reiffen. Und: "Ich glaube nicht, dass uns der Rat von Menschen, die gerne nach Juist fahren, weiterhelfen könnte."

Online-Petition ist gestartet

Bei den ehrenamtliche Reisebegleitern löst das Wut und Verbitterung aus. "Mein Alptraum ist, dass irgendwann alles schon entschieden ist", sagt Irmgard Grupe. Das freilich bestreitet Auras-Reiffen. "Es werden noch keine Fakten geschaffen, die Synode ist frei, das alles zu entscheiden", versicherte sie gegenüber unserer Zeitung. Die Ehrenamtlichen wollen auf jeden Fall, dass auch ihre Stimme im Vorfeld einer Entscheidung gehört wird.

Dazu haben sie über das Internet-Portal "Openpetition" eine Online-Petition gestartet. Ohne Veränderungen und Investitionen gebe es keine zukunftsfähige Lösung für das Seeferienheim auf Juist. Nötig seien allerdings mehr Kommunikation und Transparenz und "leidenschaftlicher, kreativer und finanzieller Einsatz für den Standort". 628 Unterstützer-Unterschriften sind dafür bislang zusammengekommen.

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