Facebook-Gruppen und Nebenan.de

Wie soziale Netzwerke unseren Blick auf Dortmund verändern

Dortmund - Lokale Gruppen in sozialen Netzwerken wie "Du bist Dortmunder, wenn..." auf Facebook dienen zehntausenden Dortmundern als Plattform für Nachbarschaftshilfe und Tratsch - und helfen den Menschen dabei, sich in ihrer Stadt heimisch zu fühlen. 

Collie möchte wissen, wo sie in Lütgendortmund "denn heute Abend 18/19 Uhr ca gemütlich im Cafe ne Cola trinken und quatschen" kann. Dierck warnt vor einer "Abzockmasche" auf dem Parkplatz eines Supermarktes im Unionviertel. Deniz teilt stolz ein Foto von einem Doppel-Regenbogen über Brackel. Nur drei willkürliche Beispiele aus lokalen Gruppen bei Facebook in den vergangenen Tagen. Sie zeigen: Die Dortmunder tauschen sich in sozialen Netzwerken intensiv über ihre Heimatstadt aus.

Während man in manchen Innenstadt-Vierteln seine Nachbarn erst kennenlernt, wenn sie bei ihrem Auszug ihr Sofa durch das Treppenhaus wuchten, boomen die lokalen Gruppen in sozialen Netzwerken. Gut zwei Dutzend größere Dortmund-Gruppen gibt es nach Zählung unserer Redaktion allein auf Facebook - und da sind lokale Tauschbörsen oder Dating-Gruppen noch nicht mal mitgezählt. Sie tragen Namen wie "Einmal Hörder Kind, immer Hörder Kind!! Wir sind die besten!!" oder "Leben in Mengede und Umgebung". Alle zusammen haben knapp 100.000 Mitglieder, wobei viele Facebook-Nutzer in mehreren Gruppen gleichzeitig sind und so doppelt und dreifach gezählt werden.

Lokale Gruppen sind eine Verlängerung des Heimatgefühls ins Netz

Diese lokalen Gruppen sind so erfolgreich, weil sie eine Verlängerung des Heimatgefühls ins Netz sind, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Wiebke Möhring. Die Professorin am Institut für Journalistik der TU Dortmund beobachtet seit Jahren die Entwicklung von lokaler Kommunikation im Internet. "Je größer die Stadt ist, desto schwieriger wird es auch, Kontakte zu knüpfen", sagt die 48-Jährige. "Gleichzeitig wächst in Zeiten einer eher schwer fassbaren Globalisierung der Wunsch nach Kleinräumigkeit. In dem Moment, in dem ich in so eine Gruppe eintrete, signalisiere ich geografische Nähe und dass ich es hier schön finde."

Alle Beiträge müssen an Nini Martinez vorbei

Die Gruppe "Du bist Dortmunder, wenn?" ist die wohl größte lokale Facebook-Gruppe der Stadt: Auf über 23.000 Mitglieder ist die Gruppe seit ihrer Gründung 2011 angewachsen. "Du bist Dortmunder, wenn..." funktioniert (wie die meisten anderen lokalen Gruppen auch) wie ein normales Forum: Alle Mitglieder können Beiträge verfassen und die Beiträge anderer kommentieren. Doch vorher müssen sie erst am Daumen von Nini Martinez vorbei.

Nini Martinez ist nicht der richtige Name der 38-jährigen Scharnhorsterin. Die dreifache Mutter modelt nebenbei. Sie macht auch Nacktaufnahmen, aber das soll der Arbeitgeber der Altenpflegerin nicht herausfinden, daher der Künstlername. Und neben ihrer normalen Arbeit, ihrem Hobby und ihren Kindern kümmert sich Martinez auch als Administorin um die "Du bist Dortmunder"-Gruppe.

Was eigentlich ein vierter Job ist: "Jeden Tag gibt es 70, 80 neue Beiträge, die ich gegenlesen muss, von denen es nur die Hälfte auf die Seite schaffen", sagt Martinez. Dazu kommen noch hunderte Kommentare pro Tag, auf die sie auch einen Blick wirft. Sie hat klare Prinzipien, was sie nicht auf ihrer Seite lesen will: "Alles, was mit Hetze und Rassismus, Pornografie und Tierquälerei, Gewalt und Kindesmisshandlung zu tut hat, wird entfernt - und derjenige, der es verbreitet hat, gleich mit."

Genauso hält sie es auch mit Mitgliedern, die Shitstorms auslösen, von denen es etwa drei pro Woche zu beenden gilt. Für ihren Administrator-Job nutzt Martinez jede freie Minute: auf dem Weg zur Arbeit im Bus, bei Raucherpausen, beim Essen, insgesamt mehrere Stunden am Tag. "Ich mach' das mit Leib und Seele!", sagt sie.

Der Sohn wartete mit dem Baseballschläger im Nebenzimmer

Denn die Gruppe gibt ihr viel zurück. "Sie ist schon ein Stück Familie", sagt Martinez. Als am Abend vor Weihnachten ihre Waschmaschine kaputt ging und das Wasser in der Küche auslief, schrieb sie einen Hilferuf in die Gruppe. "Kurz danach war ein Mitglied mit Werkzeug auf dem Weg zu mir und reparierte die Maschine."

Martinez' Sohn war die Vorstellung, dass seine Mutter einen wildfremden Mann einfach in die Wohnung ließ, nicht geheuer. "Er wartete im Nebenraum mit dem Baseballschläger, nur für alle Fälle", erzählt sie. Heute lacht Martinez drüber. Der hilfsbereite Heimwerker ist inzwischen ein guter Freund.

Zum innersten Kreis der Gruppe zählt die 38-Jährige zwischen 50 und 60 Leute, "die kenne ich auch beim Namen". Mit etwa zehn von ihnen trifft sie sich offline.

Nebenan.de will Nachbarn zusammenbringen

Dass Kontakte aus dem Internet die reale Nachbarschaft besser machen, hat auch Marion Ahrens erlebt. Die 63-jährige selbstständige Ton-Ingenieurin wohnt im Saarlandstraßenviertel. Seit etwas über einem Jahr ist sie bei Nebenan.de angemeldet, einem Nachbarschaftsportal, das 2015 von einem Berliner Start-Up gegründet wurde.

Nebenan.de setzt noch stärker als die lokalen Facebook-Gruppen darauf, die Bewohner einzelner Stadtviertel miteinander in Kontakt zu bringen. Das soziale Netzwerk will, so schrieb es jüngst die Wochenzeitung "Die Zeit", das Bedürfnis ihrer Nutzer stillen, "sich da, wo man lebt, zu Hause zu fühlen". In Dortmund gibt es nach Angaben von Nebenan.de rund 12.000 aktive Nutzer in 65 Nachbarschaften - 9000 mehr als noch vor einem Jahr.

"Denen habe ich das Rumgerenne oder Rumfahren erspart"

Für Marion Ahrens hat das Nachbarschaftsportal, in das sie täglich reinschaut, vor allem praktischen Nutzen. Sie kann dort unkompliziert ausrangierte Sachen kaufen oder verkaufen, sie holt sich konkrete Nachbarschaftshilfe bei Computer-Problemen oder für das Blumengießen während des Urlaubs und hält sich über Entwicklungen in ihrem Quartier auf dem Laufenden.

Als vor Kurzem die Postfiliale umgezogen sei, schrieb Ahrens einen Hinweis ins Portal. 20 Nachbarn drückten auf "Danke", der "Währung" von Nebenan.de. "Denen habe ich das Rumgerenne oder Rumfahren erspart", sagt Ahrens.

Witzig sei es auch, wenn man Leute, die man öfter mal im Viertel sieht, plötzlich in Nebenan.de findet. "Da kann viel eher Kontakt entstehen, man weiß voneinander, das Fremdeln entfällt."

Die digitale Stadtteilkneipe

Bei "Du bist Dortmunder, wenn..." ging es anfangs vor allem darum herauszufinden, was Dortmund ausmacht. Die Mitglieder sollten den Satzanfang mit Sachen wie "?du noch den Geruch der Schlote auf der Westfalenhütte in der Nase hast" beenden. "Doch das lief sich irgendwann tot", berichtet Martinez. Die Gruppenaktivität ging zurück. Mittlerweile werden die meisten Themen freigeschaltet, "es muss halt nur einen Dortmund-Bezug haben."

Für Martinez wurde die Gruppe so noch mehr Teil ihres Lebens, und ja, ein bisschen auch ihrer Heimat: "Für mich ersetzt es an manchen Abenden die Stadtteilkneipe. Hier bleibe ich auf dem Laufenden, treffe mich mit Freunden - und kann dabei sogar noch rauchen, ohne in die Kälte zu gehen."

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