Fotografen fotografieren ihre Heimat Dortmund

"Heimat ist eine Telefonzelle bei Nacht"

Dortmund - Mit sechs Dortmunder Fotografen haben wir über Heimat gesprochen. Wir haben sie gefragt, was für sie Heimat bedeutet. Wie sie in ihren Fotos mit ihrer Heimat umgehen und was sie daran interessiert.

Die Fotografinnen und Fotografen sind Eva Horstick, Rita-Maria Schwalgin, Gabriele Wirths, Klaus Pfeiffer, Haiko Hebig und Robert Evangelisto.

Ihre Aussagen haben wir zu sechs Texten zusammengefasst:

Klaus Pfeiffer: "Seit drei oder vier Jahren gehe ich immer wieder zu einem kleinen Weg in der Nähe des Westfalenparks. Der führt von der Straße An der Buschmühle zu der Außenradrundbahn. Der Weg heißt Steinklippenweg.

Komischerweise fahre oder gehe ich da immer wieder hin. Ich fühle mich sehr verbunden mit diesem Ort.

Hier entsteht für mich dieses Gefühl von Heimat. Immer wieder fotografiere ich hier, ganz und gar nichts Spektakuläres, ich finde mich hier zwischen Licht und Zeit, ganz privat.

Oft bin ich in Dortmund unterwegs mit meiner Leica, lasse mich treiben und versuche zu fühlen, ob es noch andere Heimaten für mich in Dortmund gibt.

Manchmal entstehen dann ungeplant und unbewusst Situationen, die mich irgendwie festhalten, binden. Ich weiß nicht warum, auch dann fühle ich mich zuhause. Es entstehen Bilder, die für mich Dortmund sind, dabei sind es weniger die Motive, es sind mehr die Gefühle dahinter.

Aber dann zieht es mich wieder, so oft ich Zeit habe, zu diesem Weg, manchmal befahre ich ihn im Schritttempo mit dem Fahrrad, manchmal gehe ich zu Fuß, zu jeder Jahreszeit. Und hier fühle ich mich glücklich, auch das ist für mich ein Indiz für Heimat.

Ich beschäftige mich viel mit Licht und Zeit. Und mit Philosophie. Heidegger hat mal gesagt: 'Heimat gibt es nicht auf dieser Erde.' Für ihn war schon damals die Technik ein Problem, und die hat sich seitdem stark weiterentwickelt.

Heimat ist für mich ein Gegengewicht zu Technik, zum Internet. Ein Antipol.

Heidegger hat auch gesagt: 'Die Not unserer Zeit ist unsere Heimatlosigkeit.' Ich finde, das passt auch sehr gut in unsere Zeit. Die aktuelle Technik, die Bilderflut, wir werden ständig überhäuft mit Informationen und Bildern, und je mehr das alles ist, desto flüchtiger wird jedes einzelne.

Alles ist vorübergehend, und wir alle sind vorübergehend. Nichts bleibt so, wie es ist. Deswegen haben wir Sehnsucht nach etwas, das bleibt.

Heimat ist wie Wurzeln, die wir selbst auswerfen. Wir wollen festhalten, standhalten. Deswegen fotografiere ich oft Disteln. Sie verwelken nur langsam, sie scheinen sich dem Kreislauf der Natur von Blühen und Vergehen entgegenzustemmen.

Heimat ist wie eine Meditation, ein Herausgehen aus dem Strom. Ich glaube, meine Bilder haben eine seltsame Meditation. Die finde ich am Steinklippenweg. Diese Heimat ist umgeben von schönen Sträuchern.

Ich bin überzeugt davon, dass sich über Fotos auch die Emotion des Fotografen überträgt. Flüchtig gemachte Bilder fühlen sich auch flüchtig an. Bei den Fotografien von Andreas Gursky, die aus hunderten Einzelfotos bestehen, glaube ich, man spürt die Arbeit, die in ihnen steckt.

Und wenn Fotos gründlich und langsam aufgenommen wurden, dann spürt man auch das." Hier geht's zu Klaus Pfeiffers Internetseite.

Gabriele Wirths: "Es ist eigentlich nicht möglich, Heimat in einigen wenigen Bildern darzustellen. Heimat besteht aus vielen einzelnen Momenten, die wichtig sind.

Ich habe immer die Kamera dabei. Immer. Und wenn ich etwas sehe, dann fotografiere ich das sofort, ohne etwas zu inszenieren. Szenen, bei denen ich denke, da kann der Betrachter etwas verstehen von meinem Lebensgefühl in dieser Stadt.

Ich muss nicht immer mögen, was ich sehe, um es zu fotografieren. Ich fotografiere nichts, weil es schön oder gut ist, sondern nur das, was wichtig ist, was etwas weiterträgt.

Heimat ist ein urmenschliches Gefühl von Geborgenheit und Wurzeln. Aber sie ist nicht nur positiv, sondern die Gegend, die einem vertraut ist.

Das Ruhrgebiet ist meine Heimat. Das ist Vertrautheit, aber das Ruhrgebiet verändert sich auch stark. Aber Heimat und Veränderung, das ist kein Widerspruch für mich."

Ganz entscheidend für mein Heimatgefühl ist, dass ich die Menschen dort kenne und weiß, wie sie reagieren.

Hier geht's zu Gabriele Wirths' Facebookseite.

Haiko Hebig: "Wenn ich darüber nachdenke, was Heimat ist, dann möchte ich nicht den verklärten, erinnernden Früher-war-alles-besser-Blick. Dabei kommt oft so ein Folklorekram heraus.

Damit und mit dieser ganzen Industriekultur soll ja eine bestimmte Geschichte erzählt werden. Das wiederzukäuen interessiert mich nicht.

Wahrscheinlich ist der Heimatbegriff ein Gemisch aus Ort, Gefühl und Zeit.

Ich finde es interessant, wenn eine Fotografie mehrere historische Schichten vereint. Die Gleichzeitigkeit von den Entwicklungsstufen eines Ortes. So wie bei dem Foto mit dem Riesenrad beim Fest zur Flutung des Phoenix-Sees.

Es gibt bei diesen Entwicklungen ja kaum Konstanten. Es geht alles sehr schnell: Vor etwa 150 Jahren begann die industrielle Zeit, das ist noch nicht so lange her. Dann kam der Aufschwung nach dem Krieg, erst vor wenigen Jahrzehnten, und jetzt ist dieses Zeitalter schon wieder vorbei.

Trotzdem hat die Industrie das Ruhrgebiet so stark geprägt. Vor der Industrialisierung bestanden die Städte hier nicht in dieser Form. Man kann also sagen, dass die Industrialisierung das Fundament der Städte bildet.

Es gab herausragende Ereignisse und Veränderungen. Diese riesigen Arbeiterzahlen, die riesigen Werke, sind verschwunden. Aber sie haben immer noch einen realen Bezug zur Gegenwart vieler Menschen.

'Strukturwandel' klingt so kontrolliert und sanft und organisch. Dabei ist die Veränderung, die das Wort beschreibt, oft ganz anders: knack und ab, es hinterlässt Brüche.

Diese Bruchstellen versuche ich zu zeigen. Darauf hinzuweisen, dass es offene Brüche sind, mit scharfen Kanten."

Haiko Hebig fotografiert sehr sachlich, sehr kühl. Seine Verbundenheit zu seiner Heimat äußert sich dennoch in seinem Interesse an dieser Gegend und an der Sorgfalt und Ehrlichkeit, mit der er arbeitet.

Hier geht's zu Haiko Hebigs Internetseite.

Eva Horstick: "Für mich ist Dortmund Industriekultur und Graffiti. Ich bin 1992 nach Dortmund gekommen, damals war Dortmund noch eine Graffiti-Metropole. Das hat mich immer fasziniert.

Und das Phoenix-Gelände. Da bin ich oft übern Zaun. Ich habe gesehen, wie die Menschen da gearbeitet haben, in der Hitze. Hammer, was sie geleistet haben für diese Region. Ich glaube, viele wissen gar nicht, was das für eine schwierige Arbeit war.

Ich bin sogar bei Demonstrationen der Stahlarbeiter mitgelaufen, aus Solidarität.

Ich bin kein großer Fußballfan, ich war vielleicht fünf-, sechsmal im Stadion. Aber ich mag die Fans. Sie haben so was Echtes, Emotionales. Dass sie so dahinter stehen, das hat mich schon damals echt umgehauen. Und es fasziniert mich immer noch.

Eigentlich ist Heimat für mich mein Vater. Der war so ein toller Mensch. Er ist 2008 gestorben. Und mein Sohn, die beiden sind Heimat für mich.

Ich bin eine Nomadin, sehr oft umgezogen in meinem Leben. Ich weiß noch, das erste Mal, dass ich wirklich ein Heimatgefühl gespürt habe, war, als ich zum ersten Mal in Jaffa in Israel gelandet bin. Ich setzte den Fuß auf den Boden und sagte zu meinem Begleiter: 'Ich weiß, ich war noch nie hier, aber ich fühle mich zuhause.'

Seitdem war ich noch fünf-, sechsmal da, und hatte jedes Mal dieses Gefühl.

Hier in Dortmund gibt es auch Orte, an denen ich mich zuhause fühle. Das Haus, in dem wir wohnen, zum Beispiel. Und eine Stelle in der Bittermark, nicht am Denkmal, sondern zwischen Bäumen, da habe ich ganz oft mit dem Hund gesessen und auch viel fotografiert.

Als junge Frau war ich etwa ein Jahr lang sehr krank. Damals habe ich gemerkt, wer ein echter Freund ist. Viele haben gedacht, ich müsste sterben, und sind nicht mehr gekommen. Wir alle waren jung, für einige war das nicht erträglich. Das werfe ich niemandem vor.

Ich war noch nie ein Jammerlappen, aber wenn's einem so scheiße geht, hilft es nicht gerade, wenn die Freunde sich nicht mehr melden.

Andererseits: Die Verlässlichen, die, die mich weiterhin besucht haben, die geben einem Kraft. Sie geben einem das Gefühl, nicht alleine zu stehen. Das ist auch Heimat."

Hier geht's zu Eva Horsticks Internetseite.

Robert Evangelisto: "Mein Konzept hinter dieser Serie ist folgender Gedanke: Jeder von uns geht jeden Tag dieselben Wege. Diese Wege sind tagsüber geprägt von Verkehr, Menschen, Hektik, und natürlich ist überall Tageslicht.

Ich wollte wissen: Was passiert, wenn man diesen Orten das alles nimmt? Sie bekommen einen völlig anderen Charakter. Daher der Titel für die Serie: 'Der zweite Ort'.

Alle Fotos zeigen Orte, die ich als Teil meiner Heimat begreife.

Als ich die Bilder rausgesucht habe, ist mir klar geworden, wie sehr Eisenbahnbrücken meine Kindheit geprägt haben. Und wie sehr mich dieses Motiv immer noch fasziniert.

Wir sind damals von der Brücke aus in den Kanal gesprungen. Ich könnte niemals ein Heimatgefühl entwickeln, wenn ich nur von Schwarzwaldhäuschen umgeben wäre.

Der andere Aspekt, der für mich wichtig ist, ist die Sprache. Das Ruhrgebietsidiom. Wenn ich irgendwo anders bin, und jemand mit diesem Ruhrgebietsidiom sprechen höre, schaue ich sofort auf.

Menschen sind mir für mein Heimatgefühl allerdings nicht wichtig. Sie sind mir zwar wichtig, aber nicht für das Heimatgefühl.

Anders gesagt: Ohne soziale Kontakte empfinde ich Einsamkeit. Wenn ich woanders bin, empfinde ich Heimweh. Das ist ein Unterschied.

Heimweh ist wie Hunger. Wie ein Mangel, der sich einstellt, und der nach Ausgleich verlangt.

Eine Reaktion auf meine Fotos, die ich schon mehrfach gehört habe, ist der Satz: 'Man will gar nicht wissen, wer hinter der nächsten Ecke steht, sondern was.' Sie wirken offenbar unheimlich.

Es ist meine Umgebung, es ist meine Stadt."

Hier geht's zu Robert Evangelistos Internetseite.

Rita-Maria Schwalgin: "Heimat ist hauptsächlich, wo ich mich wohlfühle. Wo ich Menschen treffe, die für mich wertvoll sind. Und wo ich mich architektonisch zuhause fühle. Auch im übertragenden Sinne: Wo die Brücken nicht nur Wege verbinden, sondern auch Menschen.

Zwischen mir und meiner Heimat ist eine andere Berührung. Irgendwie weicher. Wenn ich eine Städtereise mache, dann schaue ich touristischer, mit mehr Abstand.

Sieben Jahre habe ich in Hannover studiert, das war eine Episode meines Lebens, aber keine Heimat. Vielleicht, weil ich nun mal eine Studentin war, die weiß, dass sie bald wieder weggeht.

Um ich heimatlich zu fühlen, brauche ich authentische Menschen, eine Chemie, die stimmt.

Zur Heimat gehören auch viele Erinnerungen. Von denen einige schmerzhaft sind. Wenn ich zum Beispiel an Kassel denke, wo ich aufgewachsen bin, denke ich sofort auch an Schulstress, Prüfungsangst und solche Dinge. Aber natürlich auch an schöne Dinge.

Heimat verbinde ich mit einem Spektrum an Erinnerung, Erleben, Gutes und Schlechtes. Heimat ist etwas, an das ich gern denke.

Heimat ist vielleicht so etwas wie ein Kompass. Sie hilft mir, mich zu orientieren, mich zurechtzufinden, auch wenn ich ganz woanders bin."

Hier geht's zu Rita-Maria Schwalgins Facebookseite.

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