Fotografin am Schauspiel

Birgit Hupfelds Fotos: Das Drama aus nächster Nähe

Dortmund - Seit 2011 fotografiert Birgit Hupfeld die Theaterstücke fürs Schauspiel. Ihre Fotos schmücken auch die Premierenberichterstattungen auf RN.de. Hier verrät sie uns einige ihrer Geheimnisse.

Ein Foto ist etwas völlig Unnatürliches. Es hackt einen Moment aus der Zeit und lässt ihn erstarren. Ohne das Foto würde der Moment in der Zeit und der Bewegung unsichtbar sein wie ein Tropfen in einem Fluss, und ohne das Foto würde man ihn gar nicht einzeln wahrnehmen.

Dieser Effekt tritt umso offensichtlicher zutage, je schneller die fotografierte Bewegung in Wirklichkeit war. Und er kann das Motiv verfälschen: Deswegen zum Beispiel kann das Foto eines lachenden Menschen so aussehen, als ob dieser Mensch weinen würde.

Das Foto muss ein Knaller sein

So etwas darf bei der Theaterfotografie nicht passieren. Im Gegenteil, hier kommt es darauf an, dass ein Foto die reale Bewegung, die es nicht zeigen kann, zumindest andeutet. Dass es einen Eindruck für den Ablauf und die Atmosphäre der Situation vermittelt. Wenn es dann noch gut aussieht, ist es ein Knaller.

Birgit Hupfeld fotografiert solche Knaller. Sie hat es drauf, mit ihrem Finger auf dem Auslöser den richtigen Augenblick zu treffen, und zwar so, dass auch Licht, Perspektive und Bildaufbau passen.

Als wäre sie gar nicht da

Die Schauspieler, sagt Birgit Hupfeld, müssen ihr vertrauen, damit sie vergessen können, dass Hupfeld überhaupt da ist.

"Man braucht Sensibilität, ich muss wissen, wann ich ran kann und wann derjenige oder die Situation mehr Raum braucht. Es hat was damit zu tun, dass man sich auf die Energie einlässt, dass man mitatmet." Die Schauspieler sagen ihr anschließend oft, dass sie sie gar nicht bemerkt hätten.

Gute Fotos sind nicht gutes Aussehen

Sie versuche nicht, die Schauspieler möglichst gut und vorteilhaft aussehen zu lassen, sagt Hupfeld, hier vor einem Foto mit Frank Genser in ihrer Ausstellung. Aber sie versuche, sie in einem möglichst guten Moment zu erwischen.

"Was ich nicht mag, sind so verrutschte Momente. Kennt man ja von eigenen Fotos: In einer Sekunde hat man den Mund so halb offen, in der nächsten sieht man völlig anders aus."

Die zwei Termine der Birgit Hupfeld

Birgit Hupfeld kommt immer zweimal. Erst zur AMA-Probe (steht für "Alles mit allem", also mit Licht, Kostümen, usw.) für die Fotos, die das Theater beim Pressetermin den Medien für die Ankündigung der Premiere zu Verfügung stellt. Danach fotografiert sie noch mal kurz vor der Premiere die Pressefotos zur Premierenberichterstattung.

Im Schnitt fotografiert Birgit Hupfeld bei einer Probe rund 1000 Bilder. Daraus wählt sie direkt nach der Probe rund 100 Bilder aus und legt sie etwa eine Stunde später dem Dramaturgen des Stücks vor. Der wählt in der Regel rund 15 aus, die Hupfeld über Nacht bearbeitet und gegen 10 Uhr morgens an die Pressesprecherin des Schauspiels, Djamak Homayoun, schickt.

Alles aus dem Moment heraus

Birgit Hupfeld kann während der Proben keinen Einfluss darauf nehmen, was auf der Bühne passiert. Sie muss das Geschehen so nehmen, wie es kommt, und sich und die Kamera jeweils so schnell auf eine Szene einstellen, dass sie ihr Foto macht, bevor der Moment vorbei ist. Oft sind das nur Sekundenbruchteile.

Eine andere Möglichkeit wäre, "ein Foto zu stellen", wie Fotografen das nennen. Das bedeutet, dass die Fotografierten bewusst nur für die Kamera posieren und dabei so tun, als würden sie das, was sie tun, sowieso tun. Der Vorteil dabei ist, dass die Fotografin in aller Ruhe die Körperhaltungen, das Licht, den Bildausschnitt und die Perspektive aufeinander abstimmen kann. So riskiert sie nicht, einen Moment zu verpassen, weil sie selbst bestimmt, wie lange er dauert.

Aber das Fotostellen hat einen entscheidenden Nachteil: Die Energie geht flöten. Hupfeld: "Wenn man im Ablauf fotografiert, sich einschwingt und hochschraubt in die Emotionen, dann sieht man das auch auf dem Bild. Deswegen würde, glaube ich, auch kein Regisseur diese Art zu arbeiten gutheißen."

Birgit Hupfeld setzt auf Spontaneität. "Wenn ich zum ersten Mal bei einer Probe bin, und gar nicht weiß, was passiert, sind meine Sinne so geschärft, dass ich dann die besseren Bilder mache. Wenn ich bei der zweiten Probe schon weiß, was wann passiert, werden die Bilder oft nicht mehr so gut. Dann kann ich gut die Szenen ergänzen, die ich beim ersten Mal verpasst habe.

Seit 2011 fotografiert Birgit Hupfeld fast jedes Theaterstück am Schauspiel Dortmund, außerdem an vielen anderen Häusern. Eine Ausstellung im Schauspielfoyer am Hiltropwall zeigt aktuell rund 100 ihrer Fotos aus dieser Zeit.

Die Ausstellung "Bigger than Life" ist bis zum Ende der Spielzeit zu sehen: vor und während der Vorstellungen, Eintritt frei.

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