"Fräuleins wunderbare Welt"

Dortmunderin kämpft auf ihrem Blog gegen Depression

DORTMUND - "Fräuleins wunderbare Welt" hat Frauke Gonsior ihren Blog genannt. Die 34-jährige Dortmunderin ist an Depressionen erkrankt, nutzt den Blog, um die schönen Dinge im Leben zu schätzen, postet Strickanleitungen und Fotos von Spaziergängen. Doch irgendwann kamen Fragen zu ihrer Krankheit auf.

Das Wort Depressionsblogger mag Frauke Gonsior an sich gar nicht so gerne. "Ein blödes Wort", sagt sie. Dennoch benutzt sie es manchmal. Vor allem, wenn sie über andere Blogger spricht, die sie im Netz entdeckt hat. Mit grauen und düsteren Bildern, mit Videos von geritzten Unterarmen. Frauke Gonsior schüttelt sich. Dieses Betonen der Negativität sei nichts für sie. Ja, auch sie ist an Depression erkrankt, hat schlechte Tage, Tiefs. Aber ohne die Krankheit hätte sie wohl nie ihren eigenen Blog gestartet. Eine Depressionsbloggerin ist sie trotzdem nicht. Viel mehr eine Lebensbloggerin.

Bei Fräuleins wunderbarer Welt geht es um Waldspaziergänge, Näh- und Stricktipps, Ausflüge, Rezepte. Es sind Alltagserlebnisse, über die sie schreibt. "Der Blog hat mir geholfen, mich auf die schönen Dinge im Leben zu konzentrieren", sagt die 34-Jährige. Sie postet Fotos von Wassertropfen auf Grashalmen, von Spinnennetzen an Holzhütten und weißem Frost auf Dächern. Und das in einer Zeit, als sie selbst die schönen Dinge gar nicht mehr registriert hat.

"Das Härteste ist, dass die Emotionen weg sind"

Wie es ihr in dieser Phase der Depression ging, wie sie sich gefühlt hat, ist für sie schwer in Worte zu fassen. "Von der Wahrnehmung her war bei mir alles in Grautönen, selbst wenn die Sonne schien", sagt sie. "Das Härteste an der Krankheit ist, dass die Emotionen weg sind." In dieser Zeit hat sie sich ihre Kamera geschnappt und ist raus in den Wald, an den Kanal, in den Park. "So habe ich mich ganz bewusst mit der Umgebung auseinandergesetzt." Das Aufschreiben und Bearbeiten der Fotos für den Blog hilft ihr aus der grauen Wahrnehmung heraus. An den Abenden, an denen sie den Blog schreibt, bereitet sie noch einmal das auf, was sie am Tag erlebt hat.

Der Blog hilft ihr so auch durch die Tage, an denen sie keine Menschen ertragen kann. "Die volle Isolation ist ein Teil der Krankheit. Ich habe online Kontakte gehalten, die ich offline nie hingekriegt hätte", erzählt sie.Schließlich entsteht in dieser Zeit des Schreibens auch eine neue Frauke. "So zu sein wie früher, ist doof. Ich habe nie gelernt auf mich acht zu geben. Sich mal ne Pause zu gönnen, ist nicht das Verkehrteste", sagt sie. Man unterschätze den Stress, den man sich selbst macht. Müssen wir jeden Tag irgendwen treffen? Müssen wir jeden Tag zehn Stunden im Büro sitzen? Nein, müssen wir nicht. "Aber in unserer Gesellschaft entspricht es der Norm effektiv zu sein, gehetzt und gestresst", sagt Frauke Gonsior.

Sie sieht die Depression als Schutzmechanismus ihres Körpers. Der sage ihr, ich hau dich jetzt völlig um, damit du mal zur Besinnung kommst. Das tolle Wort Work-Life-Balance funktioniere nicht.

Bloggerin entwirft und verkauft Ich-darf-Karten

Um das klar zu machen, entwirft sie seit diesem Jahr eigene Postkarten und Sets sogenannter Ich-darf-Karten, verkauft beides im Online-Shop Dawanda. 189 Artikel hat sie seit Januar verkauft.

"Ich darf müde sein."

"Ich darf faul sein."

"Ich darf Hilfe annehmen."

"Ich darf ?Nein' sagen."

"Ich darf Fehler machen."

19 kleine Karten hat sie entworfen, auf jeder steht ein Spruch. Damit wolle sie wegkommen von "Ich muss" hin zu "Ich darf". Die Idee kam ihr während ihrer Therapie. Was jetzt auf den Ich-darf-Karten steht, waren Dinge, die sie sich nicht gegönnt hat - einfach, weil sie ja nicht effektiv waren. "Dadurch, dass es aufgeschrieben ist, wird es greifbarer, dass es wirklich eine Erlaubnis ist", erklärt Frauke Gonsior. Doch bis sie selbst zu diesem Eingeständnis, zu dieser Sicht auf ihr Leben kam, war es ein langer Weg.

Krankschreibung nach Diagnose Burnout

Im Jahr 2012 merkt Frauke Gonsior, dass etwas mit ihr nicht stimmt. "Ich habe nur geheult. Man brauchte mich nur schief anschauen. Alles hat mich überfordert", erzählt sie. Irgendwie sei alles zusammengekommen, sie habe zu viel gearbeitet, habe Stress in der Beziehung gehabt. Also geht sie zum Arzt. Dessen Diagnose: Burnout. Eine Woche wird sie krankgeschrieben. Eine Woche. "Danach habe ich dann einfach wieder funktioniert."

Heute weiß sie, wie blauäugig das war, zu denken, dass eine Woche reicht. Ein Jahr später ein ähnliches Spiel. Wieder zum Arzt, das Ergebnis sind diesmal ein Krankenschein für einen Monat und Antidepressiva. "Irgendwie habe ich das am Anfang nicht ernst genommen. Ich dachte, du gibst dir jetzt nen Monat Ruhe und dann reißt du dich zusammen." Aus einem Monat werden neun, eine ambulante tiefenpsychologische Psychotherapie, eine Reha und der Blog Fräuleins wunderbare Welt.

Fräuleins wunderbare Welt: erster Post am 6. Oktober 2013

Um 18.31 Uhr an einem Sonntag, dem 6. Oktober 2013, veröffentlicht sie ihren ersten Post auf dem neuen Blog. "Hey, endlich: Mein Blog steht", schreibt sie und kündigt gleich den nächsten Post an. Dieser folgt dann am Morgen danach um 11.07 Uhr: eine ausführliche Anleitung zum Stricken eines Ärmelschals samt Schritt-für-Schritt-Fotos.

Wohl keiner der Leser denkt an diesen Oktobertagen 2013, dass die Autorin nur schreibt, um ihrer Depression zu entkommen. "Ich habe mir gesagt, dass ich irgendetwas machen muss, dass der Stillstand ja nichts bringt." Im Gegenteil: Er könnte die Depression noch verstärken. Also schreibt und schreibt sie. 19 Blogeinträge im Oktober 2013, 26 im November, 24 im Dezember. So geht es weiter bis heute. Genau 440 Blogeinträge seit dem Ärmelschal - Stand Samstagabend.

Bloggerin schreibt über ihre Depression

2014 wird dann auch die Depression Thema des Blogs. Einer Freundin von Frauke Gonsior sei es schwer gefallen, ihre Krankheit zu verstehen, sie habe nicht gewusst, was das genau bedeutet, depressiv zu sein. Die Fragen, die sie hat, schreibt die Freundin auf. Und Frauke Gonsior antwortet in ihrem Blog darauf. Fragen wie: Depression bezeichnet man als Krankheit im Kopf - was passiert da genau? Wie fühlt sich ein Tief an? Wie sieht die Welt aus deinen Augen aus? "Das sind ganz konkrete Fragen für so diffuse Gefühle in mir drin. Das aufzuschreiben, hat mir total gutgetan. Das war irgendwie eine Art der Therapie", erzählt die Bloggerin.

"Wenn ich in einem richtigen Tief drin bin, dann ist alles um mich herum schwarz", antwortet Gonsior 2014 am 18. Oktober auf Fräuleins wunderbare Welt. "Ich sehe keinen Grund zur Freude oder zum Lachen. Es gibt nichts Lebenswertes mehr um mich herum. Meine Emotionen sind zu Stein geworden. Ich heule und das ist eines der wenigen Dinge, die ich noch spüre."

Mit Strickmützen wird das Leben leiser

Heute sind diese Tiefs deutlich weniger geworden. Aber so ganz am Ende des Weges sei sie selbst jetzt - fünf Jahre nach der ersten Diagnose - noch nicht. Ihr Leben sei jetzt ein Leben mit Depression. "Ich lerne, mir genau das zuzugestehen und mir mehr Zeit zu geben", sagt sie. Tue sie das nicht, komme wieder ein Tief. Wenn ihr alles zu viel wird, zu laut, die Reize sie überfordern - ob auf der Weihnachtsfeier oder auf dem Weihnachtsmarkt - zieht sie ihre rote Strickmütze auf. Damit sei das Leben, das sie inzwischen wieder so liebt, ein bisschen leiser.

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