Geheimnisse des Westenhellwegs

Wie der Westenhellweg zur Prachtmeile der Kaufhäuser wurde

Als Einkaufsmeile ist der Westenhellweg bundesweit bekannt. Dazu haben nicht zuletzt die größten Kaufhäuser beigetragen, deren Geschichte mehr als 100 Jahre zurückreicht.

Nicht kleckern, sondern klotzen war das Motto auf dem Weg Dortmunds zur Großstadt: Das Warenhaus, das der Textilkaufmann Theodor Althoff am 7. Dezember 1904 am Westenhellweg eröffnete, war damals mit 5000 Quadratmetern Verkaufsfläche und knapp 500 Angestellten das größte Warenhaus außerhalb Berlins.

Die Hauptstadt war denn auch Vorbild für die Architektur des Prachtbaus, für das das Kaufhaus Wertheim an der Leipziger Straße in Berlin Pate stand. Althoff hatte dazu als Architekten Otto Engler, einen Schüler von Warenhaus-Architekt Alfred Messel, engagiert, der das Kaufhaus Wertheim konzipiert hatte. Prägend waren bei den Kaufhaus-Bauten große Fensterfronten, die die gesamte Geschosshöhe ausmachten und nur von Schmuckpfeilern unterbrochen wurden.

In einem zeitgenössischen Zeitungsbericht zur Eröffnung des Warenhauses Althoff wurde denn auch von den "99 Riesen-Schaufenstern" geschwärmt. "Das Warenhaus Althoff bedeutete für Dortmund in architektonischer Hinsicht einen Sprung aus dem Provinzialismus", stellte die Kunsthistorikerin Gabriele Bickendorf rückblickend fest.

Entsprechend groß war der Andrang: Fast 100.000 Neugierige sollen am Eröffnungstag das Kaufhaus regelrecht gestürmt haben. Viele kamen mit Zügen aus dem Umland. Und die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, mit dem Massenansturm auf dem Westenhellweg und an den Eingängen des Kaufhauses fertig zu werden.

Luxuriöse Ausstattung

Das Besondere: Althoff schaffte es, Massenware und Luxus zu verbinden. Die Ausstattung des Hauses war exquisit. Die Wände waren mit Marmor, Spiegeln und Bronzekandelabern gestaltet. Es gab Fahrstühle mit Kabinen aus silbergrauem Ahorn und Glasmalereien im Treppenhaus. Bis auf die Lebensmittelabteilung war das gesamte Haus mit Parkettfußboden ausgelegt.

Besondere Anziehungspunkte waren der Modell-Salon "für die Dame" und der Erfrischungsraum. "Blau gebeiztes Eichenholz mit reichen, von innen beleuchteten farbigen Verglasungen und Spannstoffeinlagen bilden ein reizvolles Ensemble", heißt es in einem Zeitungsbericht. Es gab einen Wasserspeier, einen Marmorbrunnen und "ein Buffet von neun Metern Länge, das bei allem Reichtum von Gold, Spiegel, Bronze und Glas durch ruhige Formen sehr vornehm wirkt. Das ganze Mobiliar, die Ausgabentheke, die Marmortische, die Lederstühle, alles ist so vollendet und einheitlich durchgeführt, dass man den Erfrischungsraum als den Clou dieses sehenswerten neuen Hauses bezeichnen darf", heißt es in dem Zeitungsbericht.

Frische Lebensmittel aus aller Welt

Größte Attraktion aber war wohl die Lebensmittelabteilung - die erste in einem deutschen Warenhaus überhaupt. Sie bot Grundnahrungsmittel, aber vor allem auch Delikatessen von Hummer in Dosen über lebende junge Tauben und Gänse bis zu Champagner und erlesenen Weinen. Frisches Obst und Gemüse wurde aus aller Welt angekarrt - von französischem Spargel bis zu Brüsseler Weintrauben. In der Fischhalle gab es lebende Aale, Karpfen oder Schellfisch.

Die Konkurrenz war neidisch. Einzelhändler und Gastronomen zogen gegen Althoff zu Felde. Es wurde sogar ein "Schutzverein gegen Warenhäuser" gegründet. Doch die Abstimmung mit den Füßen gewann das neue Kaufhaus. "Es werden die teuersten Sachen bei uns verlangt, andererseits scheint sich auch das Massenpublikum bei uns ganz wohl zu fühlen", schrieb Theodor Althoff in einem Brief. Und schon wenige Tage nach der Eröffnung prophezeite er, "dass das Haus in absehbarer Zeit zu klein werden wird".

Anbau am Hansaplatz

Tatsächlich gab Althoff schon 1910 bei dem Düsseldorfer Architekten Wilhelm Kreis die Planungen für einen Anbau in Auftrag, der am neu angelegten Hansaplatz südlich des Westenhellwegs entstehen sollte. 1912 konnte schon die Eröffnung gefeiert werden. Der Erfrischungsraum war um einen Teesalon erweitert worden. Neu war auch ein üppig ausgestatteter Teppichsaal, der über zwei Etagen angelegt wurde. In dem orientalisch anmutenden Ambiente ließ Althoff später zweimal täglich Märchenspiele für Kinder aufführen. Man konnte mit Recht von einer Erlebniswelt Warenhaus sprechen.

Es blieb nicht beim Neid. Die Konkurrenz zog bald nach. Und so entstanden immer mehr repräsentative Kaufhausbauten am Westenhellweg, für die alte Geschäftshäuser weichen mussten. Schon 1905 heißt es in einem zeitgenössischen Bericht, "dass in Dortmund unter unserm Kaufmannsstand ein förmlicher Wetteifer sich geltend macht, unsere Stadt immer wieder durch schöne Palastbauten zu bereichern".

Immer wieder neue Prachtbauten

Im April 1905 eröffnete das Textilhaus Heerbeck am Westenhellweg ein neues Geschäftshaus. Besonderes Aufsehen erregte wenige Monate später der vierstöckige Neubau des Porzellan- und Glaswaren-Kaufhauses Sternberg & Cie am Westenhellweg/Ecke Mönchenwordt. In einem Zeitungsbericht wurde der "höchst künstlerische Fassadenbau" des Hauses gelobt. "Es glänzt in seinem griechischen Marmor, welcher durchbrochen wird von schillernden Goldverzierungen, die dem Ganzen einen wirklich palastartigen Charakter verleihen. Wir erinnern uns nicht, einen ähnlichen Bau je gesehen zu haben, selbst in den Weltstädten nicht ?"

Auch hier wurde schon wenige Jahre später ein Anbau geplant. Gleich zweimal erweitert wurde das 1907 eröffnete Textilkaufhaus der Gebrüder Kaufmann. Das 1908 eröffnete Kaufhaus Hettlage & Co. erweiterte 1911. Das größte Textilkaufhaus in Dortmund war aber das 1912 am Westenhellweg /Ecke Martinstraße eröffnete neue Kaufhaus Clemens. Die klassizistische Fassade ist als Rekonstruktion noch heute erhalten - als Eingang der Thier-Galerie am Westenhellweg.

Das vorübergehende Ende der großen Kaufhaus-Ära begann in den 1930er-Jahren. Die Folgen der Weltwirtschaftskise machten sich bemerkbar. Später wurden viele jüdische Kaufhäuser zwangsarisiert. Im Krieg wurde nahezu die gesamte Innenstadt zerstört. Das Warenhaus Althoff brannte bei einem Bombenangriff am 8. Oktober 1944 fast vollständig aus.

Neuer Aufschwung mit dem Wirtschaftswunder

Einen neuen Aufschwung erlebte die Kaufhaus-Kultur in der Zeit des Wirtschaftswunders nach dem Krieg. Das Kaufhaus Althoff wurde wieder aufgebaut. Nachdem die Theodor Althoff KG schon 1920 mit der Rudolph Karstadt AG fusioniert hatte, übernahm das Kaufhaus 1963 den Namen Karstadt.

Und es gab neue Konkurrenz: Schon 1955 hatte an der Ecke Westenhellweg/Brückstraße das Kaufhaus Hertie eröffnet, das unter anderem mit einem Café auf einer Dachterrasse lockte. 1965 eröffnete Horten an der Kampstraße/Hansastraße, 1967 folgten das Kaufhaus Neckermann an der Kampstraße (aus dem später das inzwischen abgerissene Karstadt-Einrichtungshaus wurde) und das Warenhaus Kaufhof am Westenhellweg. Inzwischen sind Kaufhof und Karstadt die letzten Überbleibsel der alten Kaufhaus-Herrlichkeit am Westenhellweg.

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