Gekündigte Brückenprüferin erzwingt Urteil - und verliert

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KREIS RE/HERNE - Sie habe es dem Kreis nicht so leicht machen wollen, unliebsame Mitarbeiter vor die Tür zu setzen, sagte die Ingenieurin vor dem Arbeitsgericht. Sie schlug einen Vergleich aus - und musste sich geschlagen geben.

Die vom Kreis Recklinghausen gekündigte Brückenprüferin wird nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Das Arbeitsgericht Herne wies am Dienstag die Klage der Diplom-Ingenieurin auf Wiedereinstellung ab. Die 50-Jährige lief sehenden Auges in das für sie negative Urteil. „Ich weiß, dass mir das Verfahren nichts bringt“, sagte sie bei der Verhandlung vor der 3. Kammer. Aber sie wolle es dem Kreis nicht so leicht machen, unliebsame Mitarbeiter einfach vor die Tür zu setzen.

Die Klägerin ist diejenige, die im April 2018 eine Komplettsperrung der Lippebrücke in Datteln-Ahsen verfügt hat. Bei dem katastrophalen Zustand des Bauwerks sei es ein Wunder, dass es nicht schon längst eingestürzt sei, sagte sie am Rande der Verhandlung in Herne. In einer Petition an den Landtagspräsidenten hatte sie den nachlässigen Umgang des Kreises mit seinen Brücken und eine mangelhafte Dokumentation der Prüfergebnisse gerügt. Sie warf dem Kreis Datenmanipulation und Vertuschung vor und erstattete sogar eine Strafanzeige. Allerdings fand die Kripo im Kreishaus kein belastendes Material. Der Petitionsausschuss des Landtags stellte später immerhin „erhebliche Prüfrückstände“ . Mittlerweile ist die Kreisverwaltung dabei, die versäumten Brückenprüfungen nachzuholen. Auch hat der Kreistag ein Investitionsprogramm zur Sanierung und Erneuerung dieser Bauwerke beschlossen.

„Vertrauensverhältnis völlig zerstört“

Die gefeuerte Ingenieurin ist der Überzeugung, dass die im Juli 2018 ausgesprochene fristlose Kündigung ihrer kritischen und unbequemen Haltung geschuldet sei. Diesen Vorwurf wies die Rechtsanwältin des Kreises, Dr. Dagmar Keysers, gestern aufs Neue entschieden zurück. Gekündigt worden sei die Mitarbeiterin wegen wahrheitswidriger Behauptungen und Unterstellungen.

Während beide Parteien in diesem Punkt konträrer Auffassung sind, ist eine Sache unstrittig. Die Brückenprüferin hatte E-Mails mit dienstlichen Inhalten an ihre private Adresse sowie an ihren Lebensgefährten weitergeleitet und damit gegen eine Dienstvereinbarung verstoßen. Das könne unter Umständen bereits eine fristlose Kündigung rechtfertigen, erklärte die Vorsitzende Richterin Nadja Große-Wilde. Entsprechende Urteile habe es in der Rechtsprechung schon gegeben. Die Brückenprüferin entgegnete, sie habe die Mails, in denen es um die Bewertung kritischer Bauwerke ging, zum Selbstschutz privat gesichert. „Ich wollte nicht zur Verantwortung gezogen werden, wenn eine Brücke einstürzt.“

Bereits im Februar hatte es in dem Rechtsstreit einen Gütetermin vor dem Arbeitsgericht gegeben. Schon damals sprach die Richterin von einem „völlig zerstörten Vertrauensverhältnis“ und schlug einen Vergleich (ordentliche Kündigung mit Gehaltsnachzahlung) vor. „Wir fanden diesen Vergleichsvorschlag wirklich gut“, sagte Nadja Große-Wilde gestern und legte der Brückenprüferin eine Rücknahme der Klage nahe. Doch die 50-Jährige bestand auf einem Urteil. Sie wolle damit ein Zeichen setzen, sagte die Klägerin, die mittlerweile ein eigenes Ingenieurbüro gegründet hat.

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