Geräumter Wohn-Komplex

Muss tatsächlich alles aus dem Hannibal raus?

DORSTFELD - Mitte Februar will die Besitzerfirma Intown den Hannibal-Komplex endgültig abriegeln. Die Frage ist, ob das so einfach geht. Und natürlich stellt sich die Frage, wie es mit den 412 Wohnungen insgesamt weitergehen wird, die Ende September 2017 wegen Brandschutzmängeln geräumt worden waren.

Es ist nur eine Laune des Schicksals, dass Martin Illert an dem Tag beginnt, seine zukünftige und hoffentlich langfristige Wohnung zu renovieren, an dem öffentlich wird, dass er sein altes Heim bald gar nicht mehr betreten darf. Illert lebte zuvor 20 Jahre im Hannibal II in Dorstfeld. "Exponierte Lage", sagt er, "neunter Stock, Blick in zwei Richtungen." Er hat mit Frau und Tochter immer gerne dort gelebt. Aber das ist jetzt seit September Geschichte, damals, als die Stadt das Gebäude wegen Brandschutzmängeln räumen ließ.

In der Außenwahrnehmung hat sich der Staub, der damals mit der Räumung einherging - der Hannibal war auf einmal überregionales Thema und mit ihm die Frage, wie sich Investoren eigentlich verhalten dürfen - ein wenig gelegt. In der Innenwahrnehmung derer, die mit dem Problem seit Monaten umgehen müssen, ist das natürlich hanebüchener Unsinn. Nur, weil man lange auf einer Couch in der Wohnung von Verwandten oder Freunden, in einer Flüchtlingsunterkunft oder einer Behelfswohnung lebt, macht das die Sache nicht komfortabler oder angenehmer.

Am vergangenen Freitag, der Tag, an dem Illert renoviert, zeigt sich das auch noch mal der Außenwelt: Intown lässt über den Mieterverein verbreiten, dass es den Gebäudekomplex am Vogelpothsweg dichtmachen will. , "Bauwerkssicherung" nennt sich das im Behördendeutsch. Was wiederum zwei Fragen aufwirft. Vor was will man dieses Bauwerk eigentlich noch sichern? Und, selbstverständlich viel wichtiger: Was machen Menschen, die einen nach wie vor gültigen Mietvertrag haben, eigentlich, wenn das Bauwerk "gesichert" ist und sie in ihre Wohnungen wollen?

Einstweilige Verfügung soll Klärung bringen

Das wird jetzt ein Gericht klären müssen, Mitte der Woche wird der Mieterverein gemeinsam mit einem Mieter eine einstweilige Verfügung beantragen, die besagt, dass Mieter auch nach dem 15. Februar noch in den Hannibal können. So oder so wird es eine schnelle Entscheidung geben: Entweder sofort. Oder innerhalb der nächsten 48 Stunden.

Die Mieter haben sich inzwischen vernetzt. Sie sind in einer Whatsapp-Gruppe organisiert und bei Facebook und als dort am Freitag klar wurde, dass Intwon den Hannibal verriegeln und verrammeln will, da trat ein, was einige schon erwartet hatten.

"Die wollen uns da raus haben."

"Das wollen die doch schon lange."

"Diese Verbrecher."

"Wie können die Menschen, die das betreiben, das mit ihrem Gewissen vereinbaren?"

"Es reicht."

"Leute, auf die Barrikaden."

Im Hannibal lebten einmal 753 Menschen, rund 370 der 412 Wohnungen waren belegt.

288 Menschen hängen noch in der Luft

222 Menschen lebten Mitte Januar in zur Verfügung gestellten Übergangswohnungen - das sind allenfalls mittelfristige Lösungen.

43 Menschen lebten in einem Flüchtlingsheim - eigentlich nur eine kurzfristige Lösung, die aber auch schon vier Monate anhält.

23 Menschen lebten in temporären Bleiben im Grevendieks Feld. Dort hat das städtische Sozialamt Notwohnungen für Menschen, denen die Obdachlosigkeit droht oder die aus ernst zu nehmenden Gründen ganz schnell ausquartiert werden müssen. Es gibt dort Betten aus Metall und Stühle und einen Tisch, das schon - aber das Magazin "Schöner wohnen" kam hier noch nie vorbei, um sich Eindrücke abzuholen.

Zusammen 288 Menschen, die noch in der Luft hängen, die nicht wissen, wo sie wohnen werden und die einen Großteil ihrer Möbel im Hannibal gelassen haben. Und die diese Dinge, wenn es nach dem Willen von Intown geht, also innerhalb der nächsten Tage abzuholen haben.

Strategiewechsel bei Intown

Intown selbst scheint seine Strategie zu wechseln. Während es anfangs noch hieß, der Immobilienkomplex solle so schnell wie möglich wieder hergestellt werden, scheint das aktuell offenbar kein Thema mehr zu sein. Am Montag verschickte das Unternehmen eine Pressemitteilung.

In ihr hieß es, man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: "Die Räumung des Gebäudes war aus brandschutztechnischer Sicht unangemessen und rechtswidrig. Es bestand und besteht für die Nutzer keine unmittelbare oder mittelbare Gefahr. Das Gebäude entspricht in allen Teilen der Genehmigungslage zum Zeitpunkt der Errichtung, die nach wie vor Bestandskraft, nach Meinung von Intown und deren Sachverständigen, hat."

Man kann das auch wie folgt übersetzen: Der Hannibal ist technisch einwandfrei. Es hätte nie geräumt werden müssen. Die Stadt hat alles falsch gemacht. Und Intown alles richtig. Seht zu.

Jahrelange Prozessdauer wird erwartet

Wer hier recht hat, ist noch so eine Frage, die von einem Gericht zu beantworten sein wird. Allerdings wird das nicht in einem Eilverfahren entschieden, im Gegenteil. Bis hier eine gerichtsfeste Antwort gefunden ist, werden Jahre vergehen. Zwei. Oder vier. Man weiß es nicht. Es ist ja viel Geld im Spiel.

Was man ziemlich sicher vermuten kann, ist: In diesen Jahren wird keine Heizung laufen. Und kein Wasser im Gebäude fließen. Das mit dem Wasser ist nachvollziehbar, die Rohre verkeimen, wenn das Wasser nicht fließt, da keine Menschen im Haus sind. Das mit der Heizung ist fragwürdig, den erstens geht der Komplex ungeheizt vor die Hunde, die Gebäudesub-stanz leidet. Und genauso auch die Möbel, die da in den Wohnungen stehen.

Drei Varianten stehen im Raum - alle ohne Heizung

Es gibt verschiedene Szenarien, die jetzt möglich sind: Der Hannibal wird zum Horrorhaus, irgendwann muss er dann abgerissen werden. Die Tochterfirma von Intown, Variante zwei, geht in die Insolvenz, der Hannibal wird zwangsverwaltet und versteigert. Oder Variante drei, Intown verkauft den Hannibal selbst. Das wäre, altes Immobiliengesetz, deutlich einfacher, ohne alte Mieter. Die stören bei Sanierungsarbeiten. Und stören, da Altverträge im Gepäck, auch bei Neuvermietungen und neuen Mietpreisen.

Was eintreten wird? Das ist nicht vorherzusagen. Martin Illert hat seine Antwort gefunden. Er ist ausgezogen. Hat eine neue Wohnung. Und wird seinen alten Mietvertrag behalten. Denn der könnte später noch einmal von Bedeutung werden.

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