Grippe-Impfung

Das Unterschätzen der Influenza hat Folgen

Marl - Auch wenn die Temperaturen derzeit noch was anderes suggerieren: Die nächste Grippesaison steht vor der Tür. Wer dagegen gewappnet sein will, muss sich jetzt impfen lassen.

Ein kleiner Piks und die Welt ist in Ordnung? – Bei Grippe ist das nicht ganz so einfach. Zwar wäre schon viel geholfen, wenn sich mehr Menschen in Deutschland gegen Influenza impfen ließen. Doch die Viren sind wandelbar und damit tückisch. Und: Die von ihnen ausgehende Gefahr wird deutlich unterschätzt.

Hand aufs Herz: Die wenigsten würden bei der Frage, welche Infektionskrankheit in Deutschland innerhalb weniger Monate mehr als 20.000 Menschen das Leben kosten kann, spontan an Grippe denken. Fieber, Husten, ein paar Tage matt – na und? Das Unterschätzen der Influenza hat Folgen. Besonders im Alter kann Grippe zum Killer werden. Für die Saison 2016/17 geht das Robert Koch-Institut (RKI) von 22.900 Grippetoten aus. „Die vergangene Welle könnte sogar noch darüber liegen“, sagt Forscherin Silke Buda.

Dass sich bisher nur ein Drittel der Senioren in Deutschland gegen Grippe impfen lässt, macht das Problem noch größer. „Das Immunsystem altert mit“, sagt Silke Buda. Wer über 60 ist und vielleicht schon andere Krankheiten hat, ist besonders empfänglich für die Viren. „Mit keiner anderen Impfung lassen sich hierzulande mehr Leben retten“, betont RKI-Präsident Lothar Wieler. Das Gesundheitssystem finanziert die Vorsorge. Die gesetzlichen Kassen gaben nach Angaben der Apothekenorganisation ABDA zuletzt in einer Grippesaison rund 1,2 Milliarden Euro aus - allein für 35 Millionen Dosen Impfstoff.

Doch auch in Krankenhäusern gibt es Impflücken. Nach einer RKI-Umfrage ließ sich in der Saison 2016/17 nur ein Drittel des Pflegepersonals mit dem kleinen Piks immunisieren. Damit ist nicht allein das Ansteckungsrisiko für Schwestern und Pfleger hoch – sie können auch Patienten anstecken. Doch Impfen allein würde noch nicht alle Probleme lösen. Dass Grippe gefährlich werden kann, hat weitere Gründe.

Grippe-Seuchen sind weiterhin möglich

Die lauernde Gefahr: Vor rund 100 Jahren brachte die „Spanische Grippe“ wahrscheinlich mehr Menschen in Europa um als der Erste Weltkrieg. Das ist im kollektiven Gedächtnis jedoch nicht haften geblieben. Auch wenn die Lebensbedingungen heute viel besser sind und es deutlich mehr Medikamente gibt – Grippe-Seuchen (Pandemien) sind weiterhin möglich. Deshalb untersuchen ausgewählte Laboratorien auf der ganzen Welt ständig zirkulierende Influenzaviren und übermitteln Ergebnisse an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Mit diesen Daten legt sie die Zusammensetzung für Impfstoffe jedes Jahr neu fest.

Die Erreger: Die Erreger der Influenza sind Viren, die Wissenschaftler in die Typen A, B und C unterteilen. Für Menschen sind die saisonal auftretenden Influenza A- und B-Viren besonders relevant. Sie können durch winzige Tröpfchen – ein Niesen reicht schon – übertragen werden. Tückisch ist vor allem, dass Grippeviren einzelne ihrer Gensegmente schnell verändern können. So entstehen beim Typ A unterschiedliche Subtypen, beim Typ B neue Linien.

Die Grippewellen: Die Stärke der Wellen kann von Jahr zu Jahr erheblich schwanken. Früher wechselten sich starke und schwache Saisons oft ab. In den vergangenen Jahren gab es laut RKI mehrere heftige Wellen hintereinander. Die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) schätzt, dass pro Jahr zwischen einer und sieben Millionen Bundesbürger wegen Grippesymptomen zum Arzt gehen.

Im vergangenen Winter lagen die Werte sogar noch darüber – bei geschätzten neun Millionen Besuchen. Bei schweren Grippewellen können in Deutschland mehr als 20.000 Menschen sterben. In milden Saisons ist oft keine vermehrte Sterblichkeit durch Grippe zu belegen.

Die Impfstoffe: Für die kommende Grippesaison gibt es von der Ständigen Impfkommission erstmals eine Empfehlung für einen Vierfachimpfstoff mit jeweils zwei A- und B-Komponenten. Zuvor waren bei Grippewellen in Europa eher A-Subtypen dominant. Deshalb gab es eine Empfehlung für Dreifachimpfstoffe mit zwei A- und einer B-Komponente. Von der „Aufrüstung“ gegen B-Viren profitieren nun auch Kassenpatienten. Zuvor wurden oft nur Privatpatienten Vierfach-Dosen angeboten.

Die Wirksamkeit: Bei einer sehr guten Übereinstimmung mit dem Impfstoff beobachten Forscher bei jungen Erwachsenen eine Schutzwirkung bis zu 80 Prozent. Ältere Menschen können ihr Risiko im Mittel halbieren – die Wirksamkeit liegt dann zwischen 40 bis 60 Prozent. Passen die Komponenten schlecht, kann die Wirksamkeit deutlich niedriger liegen.

Impfung im Oktober und November

In der vergangenen Saison, als eine B-Linie (Yamagata) überraschend dominierte, lag der Schutz gegen dieses eine Virus bei der Dreifachimpfung laut RKI bei einem Prozent. Die A-Komponenten aber blieben wirksam. Eine Impfung gilt trotz dieser Unwägbarkeiten als bester Schutz, den es gibt.

Die Zielgruppen: Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Grippeimpfung generell Menschen ab 60 Jahren, Bewohnern von Pflegeheimen, Patienten mit chronischen Krankheiten oder Grundleiden jedes Alters sowie medizinischem Personal. Eine Empfehlung gibt es auch für Schwangere. Der Vorteil: Dann hat auch das Baby in den ersten Monaten einen Schutz.

Verschnupfte Nase, kratzender Hals, brummender Schädel – „nur“ eine Erkältung oder eine richtige Grippe? – Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen erklärt die Unterschiede: • Entwicklung: Erkältungen entwickeln sich schleichend, eine Grippe schlägt rasch und hart zu – man fühlt sich also schnell sehr krank. • Symptome: Kopfweh, Schleim in der Nase, Fieber und schmerzende Glieder – einige Symptome haben Erkältung und Grippe gemeinsam. Doch eine Grippe wirkt sich mehr auf den ganzen Körper aus. Kein Appetit, starke Müdigkeit, hohes Fieber (auch über 40 Grad) sind typisch. Bei Babys und Kleinkindern können Magen-Darm-Beschwerden dazukommen. • Dauer: Eine Erkältung ist oft innerhalb einer Woche vorbei. Auch bei einer Grippe lassen die schlimmsten Beschwerden binnen einer Woche spürbar nach. Allerdings kämpfen Betroffene oft noch länger mit Erschöpfung und Husten.

Der richtige Zeitpunkt: Auch wenn noch die Sonne scheint: Grippeimpfungen sind im Oktober und November sinnvoll. Nach dem Piks dauert es 10 bis 14 Tage, bis sich der Impfschutz vollständig aufbaut. Die Wellen starten meist im Dezember oder Januar.

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow (dpa)

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