Handwerk

Kunstschmied Paul Nagel singt Barbershop im Takt des Feuers

Dortmund - Paul Nagel ist Kunstschmied in der dritten Generation. Ausgleich für die harte körperliche Arbeit findet er im Barbershop-Gesang. Schmieden und Singen, beides hat ihn um die Welt geführt.

Mürrische Schmiedemeister gibt es in vielen Geschichten: Hattori Hanzo im Tarantino-Film Kill Bill zum Beispiel, auf dessen Künste die Heldin des Films angewiesen ist. Den Meister zu finden und zur Kooperation zu überreden gestaltet sich dabei - natürlich - schwierig.

Die Schmiedewerkstatt von Paul Nagel (65) ist ebenfalls etwas schwierig zu finden. Sie liegt verborgen in einem Gewerbegebiet nahe dem Dortmunder Hafen, zwischen mittelmäßig vertrauenerweckenden Händlern für Autoteile und Reifen. Man betritt sie durch einen grünen Hof, vorbei an der wettergegerbten, abmontierten Kirchturmspitze der Propsteikirche und einem kleinen Teich. Zwischen hohen Bäumen und Holzsstapeln entlang und duch ein metallenes Tor gelangt man schließlich in einen Flachbau, vollgestellt mit Maschinen, Werkzeug und Material. An dessen Ende lodert in einer Esse ein Feuer.

Dieses Feuer gehört Paul Nagel. Oder gehört Paul Nagel dem Feuer? Der Schmied in der dritten Generation hat wenig mit den mürrischen Fantasy-Figuren gemein. Er begrüßt einen freundlich mit einem überraschend sanften, verrußten Händedruck. Aus einem Radio läuft Musik aus den 60ern und 70ern.

Kohle, Feuer, Wasser, Hammer und Amboss

"Schmieden ist ein Handwerk, das es seit 3000 Jahren gibt", sagt Paul Nagel. "In den letzten 1000 Jahren hat sich dabei nichts geändert." Die Kernelemente seien gleich geblieben: Kohle, Feuer, Wasser, Hammer und Amboss - und natürlich Eisen. Er mag es, so zu arbeiten: Nach den alt hergebrachten Techniken des Schmiedehandwerks. Und er weiß, dass sein Handwerk langsam ausstirbt.

"Ich bin Einzelkämpfer", erklärt Paul Nagel. "Manchmal bin ich den ganzen Tag allein in der Werkstatt." Dass er keinen Lehrling hat, liege nicht nur daran, dass kaum jemand mehr Schmied werden wolle, sondern auch daran, dass seine alten Geräte nicht die nötigen Sicherheitsauflagen erfüllen. "Wenn es danach geht, müsste man hier betrunken arbeiten können, ohne dass etwas passiert", sagt er, halb im Scherz. Mit seinen alten Maschinen sei das nicht vereinbar.

Gegen vier Uhr morgens stehe er auf, sagt Paul Nagel. "Das ist nur ein anderer Rhythmus den ich da in mir habe. Ich muss mir keinen Wecker mehr stellen." Kurz nach dem Aufstehen, beginne er zu arbeiten. "Im Winter und im Sommer bei über 30 Grad stehe ich am Feuer."

Die Musik führt von Amerika nach Dortmund

Rhythmus spielt für den Schmied noch auf eine andere Weise eine Rolle: Paul Nagel zählt zu den Pionieren der Barbershop-Musik in Deutschland. "Ich habe 1978 in Amerika studiert", erzählt er. "Dabei habe ich die Barbershop-Musik kennengelernt und sie mit nach Deutschland gebracht."

Barbershop ist A-Capella-Musik, gesungen im Quartett oder im Chor. Das Besondere sei, erklärt Paul Nagel, dass immer vier verschiedene Stimmen "gegeneinander und miteinander Harmonien und Klang entwickeln". Und: Man müsse auch in Mimik und Gestik zeigen, was man singt.

Als er aus den USA zurückkommt, singt Paul Nagel in Köln im Kirchenchor. Auch ein Resultat seiner streng katholischen Erziehung. "Da habe ich mir drei Jungs geschnappt und das mit Noten, die ich aus Amerika mitgebracht hatte, einfach mal probiert."

Pokale packten Paul Nagel bei der Schmiedeehre

Noch einige weitere Quartette und Chöre entstehen zu dieser Zeit in Köln und anderen Städten. Irgendwann erhält Paul Nagel einen Anruf von einem Freund aus Dortmund: "Manfred Adams wollte damals Podeste für einen neuen Barbershop-Chor haben." Das weckt Paul Nagels Aufmerksamkeit. Nach und nach wurde Dortmund zum Zentrum der Barbershop-Musik. Der Dortmunder Chor "Ladies First" unter Leitung von Manfred Adams ist heute sowas wie Dauerfavorit bei deutschen Barbershop-Wettbewerben. Und auch Paul Nagel nimmt sich eine Werkstatt in Dortmund.

Anfang der 90er-Jahre entstehen schließlich Barbershop-Wettbewerbe. An einem davon, dem der Kölner Musikhochschule, nimmt auch Paul Nagel 1993 mit seinem Chor teil - nicht sonderlich erfolgreich, wie er sagt: "Ich glaube, wir haben den vorvorletzten Platz gemacht", sagt er grinsend, "aber wir haben nicht verloren!" Was ihn aber wirklich schockiert: Medallien und Pokale sind aus Plastik. "Die sahen aus wie Schokoladentaler", erzählt er. Paul Nagel packt die Schmiedeehre. Seit 1995 macht er die Medallien und Pokale für die Deutsche und die Weltmeisterschaft im Barbershop.

Ein Autounfall

Die Gesangskarriere von Paul Nagel findet vor etwa 15 Jahren, genau weiß er das nicht mehr, zunächst ein unerwartetes Ende. "Ich bin schon immer jeden Mittwoch zum Proben nach Köln gefahren. Von Flensburg aus oder von Stuttgart, je nachdem wo ich gearbeitet habe." Auch aus Dortmund pendelt er zum Proben nach Köln. Auf dem Rückweg von Köln nach Dortmund, nachts um 23 Uhr, passiert es: "Ich hatte einen Sekundenschlaf und bin gegen die Leitplanke gefahren. Da habe ich entschlossen, nicht mehr in den Kölner Chor zu gehen."

Ein paar Jahre singt Paul Nagel dann noch in einem Männer-Quartett in Dortmund. Doch auch das löst sich 2014 auf, "wegen Zickenalarm", sagt Paul Nagel lapidar. Vor drei Monaten hat er wieder einen Chor gefunden, in dem er nun sing. Zu sehr habe ihm das gefehlt, sagt er, auch als Ausgleich für die Arbeit an Feuer und Amboss.

Mit dem Hammer um die Welt

Paul Nagel ist ein Traditionalist. Und er mag das Unperfekte. "Schmiedearbeiten sind immer Einzelstücke. Selbst bei einer Serie kann man immer Unterschiede erkennen. Das macht die Schmiedearbeit aus, dass sie nicht absolut perfekt ist."

Es gibt offenbar genügend Liebhaber für diese kunstvolle Unperfektheit. Denn obwohl Paul Nagel noch nie Werbung gemacht hat und noch nicht mal im Branchenbuch steht: Arbeit habe er genug. Und auch feilschen lässt er nicht mit sich: "Wenn mich jemand fragt, ob das nicht billiger geht, dann sage ich: Billiger geht's immer aber dann müsst ihr woanders hingehen."

Inzwischen haben seine Werke sogar eine Art unscheinbare Prominenz erreicht. Gitter von Paul Nagel sind im Kölner Dom zu finden. Die neue Kirchturmbekrönung der Propsteikirche, deren Vorgänger jetzt bei ihm im Hof steht, stammt auch vom Dortmunder Meister. Auf der ganzen Welt habe er durch die Arbeit Freunde kennengelernt, zum Beispiel, als er Restaurator in Venedig war. Und sogar für die ehemalige First Lady der USA, Lady Bird Johnson, fertigte Paul Nagel ein Tor für ihr neues Haus in Texas an. Er befindet sich damit in bester Gesellschaft: Fast alle in der Familie Nagel sind Schmiede. Onkel Wilhelm Nagel hat die Meisterschale und den DFB-Pokal gefertigt.

Schmieden bis zum Ende

Familie hat Paul Nagel nicht. Und auch sonst gibt es keinen Nachfolger für seine Schmiede. Momentan suche er einen Käufer. "Vermutlich wird das ein Schlosser sein", sagt er ein wenig bedauernd. Schlosser, die arbeiten ohne Feuer, erklärt Paul Nagel. Auch wenn sie sich manchmal als Schmiede ausgäben, seien sie keine.

Ein Privileg will Paul Nagel aber zur Bedingung für den neuen Besitzer seiner Werkstatt machen: "So lange ich körperlich dazu in der Lage bin, will ich hier weiter arbeiten." Das traditionelle Handwerk am Leben halten. Dann erzählt er von einem weiteren Onkel, Paul Nagel, der noch mit 91 einen großen Auftrag im Kölner Dom angenommen habe. Bei der Besprechung mit dem Dombaumeister sei er zusammengebrochen und habe nur noch gesagt "Ich glaube, ich sterbe." Das sei, sagt Paul Nagel, eine gute Art zu gehen.

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