Hannibal-Räumung

Mieterverein zu Hettrich-Interview über Hannibal: "Das übliche Verwirrspiel von Intown"

Dortmund - Nachdem Intown die Räumung des Hannibals 2017 als unnötig dargestellt hat, reagiert der Mieterverein scharf. Der rote Faden des Unternehmens sei es, die Schuld immer anderen zu geben.

Rainer Stücker ist seit vielen Jahren der Vorsitzende des Dortmunder Mietervereins, er ist ein recht ruhiger Gesprächspartner und wählt seine Worte in der Regel mit Bedacht. Seit dem 21. September 2017 vertritt der Verein einige der 753 Mieter, die an diesem Tag überstürzt den Hannibal verlassen mussten. Die Stadt hatte sich damals für eine Räumung des aus mehreren Hochhäusern bestehenden Wohnkomplexes im Stadtteil Dorstfeld entschieden. Knapp 28.000 Quadratmeter Wohnfläche wurden innerhalb weniger Stunden leergezogen.

Das Unternehmen Intown, verantwortlich für das Gebäude, und die Stadt Dortmund streiten sich inzwischen juristisch um die Richtigkeit dieser Räumung, den daraus entstandenen Kosten und Folgekosten, es geht um viel Geld. Siebenstellige Kosten sind inzwischen aufgelaufen, ausgefallene Mieteinnahmen sind hier noch nicht eingepreist.

Mieterverein wirft Intown "Kalten und abweisenden Umgang" vor

Seit dieser Räumung, sagt Stücker, "mussten wir erfahren, wie kalt und abweisend tagtäglich mit den Menschen und ihren Alltagsproblemen umgegangen wird". In der Außendarstellung von Intown gebe es einen roten Faden: "Schuld sind immer die anderen."

Sascha Hettrich, Deutschland-Chef von Intown, hatte unserer Redaktion in einem Interview gesagt, dass die Räumung des Hannibals faktisch unnötig war. Die Brandschutzthemen, die damals zur Räumung führten, waren laut Hettrich alle "nicht relevant". Noch 16 Monate vor der Räumung sei Intown von der Stadt bestätigt worden, dass es an dem Gebäudekomplex keine Beanstandungen gebe.

Für Stücker ist das ein Teil des "üblichen Verwirrspiels", das Intown spielt: "Eine zurückliegende Brandschutzbegehung der Feuerwehr (sog. Sichtkontrolle von außen) wird angeführt, um den Eindruck zu erwecken, alles sei der Stadt bekannt oder genehmigt gewesen. Hier sollte die Stadt Dortmund Stellung beziehen", so Stücker.

Widersprüchliche Aussagen zu alten Mietern

Die Ankündigung von Hettrich, die rund 100 Mieter mit einem bestehenden Mietverhältnis nach einer Sanierung - die Pläne dazu sollen laut Intown Mitte August vorgestellt werden - zu den alten Mietkonditionen wieder ins Gebäude zu lassen, begrüßt Stücker prinzipiell. Allerdings macht er auch auf einen deutlichen Widerspruch aufmerksam: Allen Mietern war nach Stilllegung des Gebäudekomplexes der Zutritt zu ihren Wohnungen von Intown verwehrt worden.

Zehn von ihnen klagten sich vor dem Amtsgericht ein, dagegen haben die Intown-Anwälte inzwischen Berufung eingelegt. In den Begründungen dazu heißt es, dass den Mietern durch die Stilllegung des Gebäudes "faktisch fristlos gekündigt" worden sei. Hier argumentieren die Anwälte vor Gericht also komplett gegensätzlich zu den Aussagen ihres Auftraggebers in der Öffentlichkeit.

Intown lehnte Aufkaufangebote für "unbeherrschbare Häuser" ab

Und noch einen weiteren Absatz des Interviews will Stücker nicht unkommentiert lassen: Intown besitzt neben dem Hannibal noch mehrere Wohnimmobilien in der Nordstadt, sie befinden sich teilweise in einem desolaten Zustand. Laut Hettrich sind diese Häuser teilweise besetzt. Mieter und Hausbesetzer seien aber nicht zu identifizieren, da die angeforderte Polizei manchmal sage: "Nein, da gehen wir nicht hin, da können wir nichts ausrichten."

Hier arbeite Hettrich mit Vorurteilen und liefere ein überzeichnetes Bild der Nordstadt ab. Und weiter: "Herr Hettrich lässt unerwähnt, dass seit Übernahme dieser ?unbeherrschbaren' Häuser die Stadt Dortmund mehrfach Ankaufangebote abgegeben hat, die Intown abgelehnt hat."

Eine Frage ist für Stücker seit der Räumung vor knapp einem Jahr noch nie beantwortet worden: "Wann stellen sich die tatsächlich Verantwortlichen bei Intown den Fragen der Dortmunder Öffentlichkeit?" Denn auch, wenn Sascha Hettrich als deutscher Intown-Chef präsentiert werde, müsse klargestellt werden, dass "die eigentlichen Entscheider und Investoren wie Amir Dayan und andere sich vom 21. September.2017 bis heute nicht den Mieterinnen und Mietern und der Dortmunder Öffentlichkeit gestellt haben."

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