Heiraten: Ja oder Nein?

Ist die Ehe ein Auslaufmodell?

Dortmund - Der Gesellschaftsforscher Harald Rost weiß, warum heute immer wenige junge Menschen heiraten. Wir sind der Frage nachgegangen, ob die Ehe ein Auslaufmodell ist und ob eine funktionierende Partnerschaft heutzutage überhaupt noch eine Ehe braucht.

Als Angela Thomas (26) aus Dortmund ihren Mann Frederick (25) kennengelernt hat, lag sein Vater im Sterben. Sie war für ihn da und hat ihm Kraft gegeben. Zwei Jahre später machte Frederick ihr einen Heiratsantrag. Für ihn sei schon wenige Wochen nach dem Kennenlernen klar gewesen, dass er Angela heiraten wolle. "Diese schwere Zeit hat uns einfach zusammengeschweißt", sagt Thomas heute.

Nun sind Angela und Frederick vielleicht kein Einzelfall. Aber die Zahl der Hochzeiten hat sich laut des Statistischen Bundesamts seit dem Jahr 1950 in Deutschland fast halbiert. 2016 haben sich etwas mehr als 410.000 Paare das Ja-Wort gegeben. Etwa 162.000 Ehen wurden im gleichen Zeitraum geschieden. Auch in Dortmund ist die Zahl der Eheschließungen laut dem Standesamt zurückgegangen. Haben 1950 noch 669 Paare in Dortmund unter 20 Jahren und 7688 Paare unter 30 Jahren geheiratet, waren es im Jahr 2010 nur noch 69 Paare unter 20 Jahren und 1877 unter 30, die geheiratet haben. Doch woran liegt das? Ist die Ehe etwa ein Auslaufmodell?

Harald Rost, stellvertretender Leiter des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg, sagt, dass die Veränderung von der Entwicklung der Gesellschaftsstruktur abhängig ist. Dadurch, dass die Menschen immer älter, gleichzeitig aber weniger junge Menschen geboren werden, sind auch weniger Menschen im heiratsfähigen Alter. Heutzutage werden auch deutlich mehr Ehen aufgelöst als früher. Und viele Paare heiraten im höheren Alter ein zweites Mal, sagt Rost, während die Anzahl der Hochzeiten in jungen Jahren deutlich zurückgeht.

Paare wollen erst einmal Fuß fassen

Der Grund dafür ist vor allem, dass die Bedeutung der Ehe abgenommen hat. "Früher war die Ehe ein Muss", sagt Rost. Heute sei sie ein Kann. Früher sei es verrufen gewesen, ein Kind zu haben, ohne dass man verheiratet war. Heute spielt das kaum noch eine Rolle.

Und: Paare wollen heute erst einmal Fuß fassen und ihr Nest gemacht haben, wie Rust es nennt, bevor sie den nächsten Schritt - die Ehe - wagen. Lange Ausbildungszeiten (wie etwa ein Studium) führten dazu, dass Paare erst später "im Leben stehen".

Für Angela und ihren Mann Frederick hat das nie eine Rolle gespielt. Sie wollten nach dem Antrag möglichst schnell heiraten. Den beiden war klar, dass sie an dem Geburtsdatum von Fredericks Vater heiraten wollten. Dementsprechend war das Datum mitten in der Woche im September 2015. "Das sollte kein Problem für Freunde und Familie sein, man heiratet ja nur einmal im Leben", dachten sie sich. Gesagt, getan. Im kleinen Kreis feierte das Paar seine Hochzeit. "Wir wollten kein großes 'Tam Tam'. Wir brauchen niemandem zu zeigen, wie sehr wir uns lieben."

Auch das hat sich gesellschaftlich zumindest teilweise verändert. Wenn sich Paare heute für eine Hochzeit entscheiden, planen sie die nicht immer selbst. Für einige Paare muss es prunkvoll, aufregend und extravagant sein, sagt die Dortmunder Hochzeitsplanerin Tanja Quilitzsch.

Der Trend gehe schon seit Jahren dazu, dass man aufwendigere Hochzeiten ausrichtet (natürlich nur, soweit das Budget es zulässt). Von der klassischen Hochzeit von vor 50 Jahren ist da kaum noch etwas zu spüren. In Sachen Musik werde etwa nicht nur ein DJ gebucht, sondern für die Zeremonie noch eine Sängerin und für den Empfang vielleicht noch eine Jazz-Band.

Pfarrerin Kerstin Hanke aus der Evangelischen Gemeinde in Wickede, die viele Paare begleitet, sagt: "Wie, in welchem Kleid und mit welcher Musik geheiratet wird, war schon immer der Mode unterworfen. Die einen wollen die große Show, andere eine stille Zeremonie. Ich bin mir sicher: Auch unter Traumkleidern ganz in Weiß, hinter Pferdekutschen und nach Champagnerreden dringt Gottes Segen durch. Das kann keiner verhindern."

"Die meisten Brautpaare planten monatelang ihren einzigartigen Tag. Aber wenn sie dann vor dem Altar stehen, dann sind sie schlicht überwältigt von dem Moment. Jedes Mal. Ohne Ausnahme", sagt Hanke. "Du bist mein geliebter Mensch, sagen sie nicht nur einander. Das sagt ihnen auch Gott."

Studien, warum sich die Ansprüche an die perfekte Hochzeit so verschoben haben, gibt es nicht. Gesellschaftsforscher Rost vermutet, dass das eine Zeitgeisterscheinung ist, die von den Amerikanern übernommen wurde.

Und wie sieht es mit der Ehe vor Gott aus?

Heiraten oder nicht: Das ist an sich schon eine Glaubensfrage. Wer sich jedoch dazu entscheidet, nicht nur standesamtlich, sondern kirchlich zu heiraten, wird dafür besondere Gründe haben. Aber wie hat sich die Zahl der kirchlichen Trauungen entwickelt?

Beim Evangelischen Kirchenkreis Dortmund sieht das so aus:

2011: 342 Eheschließungen

2014: 347 Eheschließungen

2015: 326 Eheschließungen

2016: 320 Eheschließungen

Im Jahr 2017 gab es im Kirchenkreis Dortmund nur noch 281 kirchliche Trauungen. In der katholischen Kirche sieht das kaum anders aus.

Zum Vergleich: Seit 2012 haben in den katholischen Gemeinden im Dortmunder Osten jährlich um die 15 Paare geheiratet. Mal sind es ein paar weniger, mal ein paar mehr gewesen, sagt Heinrich Oest, der seit vielen Jahren im Dortmunder Osten Paare traut. "Früher waren das noch deutlich mehr", sagt Oest. Wenn sich Paare allerdings für eine Ehe vor Gott entschieden, dann aus tiefer Überzeugung. Diese Einschätzung teilt auch Pfarrerin Kerstin Hanke.

"Wenn Menschen einander finden, dann berührt mich das jedes Mal. Zwei trauen sich ein bedingungsloses Ja zu. Sie wollen einander vertrauen für den Rest ihres Lebens. Wenn sich dann Paare entschließen diese Entscheidung segnen zu lassen, weitet sich dieses Ja", sagt Pfarrerin Kerstin Hanke.

Angela und Frederick haben kirchlich noch nicht geheiratet. Sie wollen das irgendwann einmal mit der Taufe ihres Kindes verbinden. "2,5 Jahre nach unserer Hochzeit sind wir noch genauso glücklich wie in jenen Wochen nach dem Kennenlernen", sagt Angela.

Ehe hält nicht länger als 15 Jahre

Es gibt auch Zahlen darüber, wie lange eine Ehe heute hält: Laut Statistischem Bundesamt wird jede dritte Ehe vor der Silberhochzeit geschieden. Im Durchschnitt dauert eine Ehe heute nicht mehr länger als 15 Jahre.

Den einen Tipp für eine lange, glückliche Ehe gibt es wohl nicht. Angela Thomas glaubt eher, dass Vertrauen und Ehrlichkeit ein gutes Rezept für eine gute Ehe sind. "Jeder von uns kann tun und lassen, was er will. Wir engen uns nicht ein", sagt Thomas. "Es gibt auch mal schlechte Tage, aber dennoch wissen wir beide, was wir am anderen haben. Wir gehen Kompromisse ein und beharren nicht immer auf unserer Meinung, es sei denn, einer hat mal wirklich Recht", ergänzt Thomas.

Und Angela Thomas hat noch einen ganz anderen Anspruch an ihre Ehe: "Man sollte niemals im Streit auseinander gehen, da man nicht weiß, ob man sich je wieder sieht". Und das versuchen beide auch einzuhalten, sagen sie.

Für Dortmund gibt es in Sachen Eheschließungen zumindest einen kleinen Lichtblick: In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl relativ konstant, 2017 gab es sogar ein paar mehr Eheschließungen als 2016.

2015: 2592 Eheschließungen

2016: 2635 Eheschließungen

2017: 2731 Eheschließungen

Angela und Frederick Thomas freuen sich jetzt schon auf ihre Silberhochzeit. Auch, wenn es Tage gibt, an denen die beiden streiten. Niemals würden sie sich Worte wie "Ich lasse mich dann scheiden" an den Kopf werfen. Denn, so sagt Angela: "Wir haben uns in guten wie in schlechten Zeiten geschworen" - und das leben die beiden genauso.

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