Historiker fassen zusammen

Erschossen, ertränkt: 127 Tote bei Novemberpogrom auf NRW-Gebiet

DÜSSELDORF - Wie viele Menschen beim Novemberpogrom 1938 gegen Juden im Deutschen Reich starben, steht auch 80 Jahre danach noch immer nicht fest. Für das Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen haben Historiker nun aber eine belastbare Zahl ermittelt.

Sie wurden in Flüsse getrieben, gefesselt ertränkt oder erschossen - wie der jüdische Restaurantbesitzer Paul Marcus aus Düsseldorf. Dem Novemberpogrom der Nazis gegen Juden sind vor 80 Jahren allein auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen mindestens 127 Menschen an 62 Orten zum Opfer gefallen. Das hat ein Historiker-Team ermittelt. Am Montag übergaben die Experten der Landesregierung einen 205 Seiten starken Abschlussbericht. "Die Opfer haben damit einen Namen", sagte NRW-Staatssekretär Klaus Kaiser.

Für das gesamte Gebiet des Deutschen Reichs hatte das NS-Regime damals 91 Morde vermerkt. Diese Zahl ist heute noch in aktuellen Schulbüchern zu finden. "Einige Schulbücher sollten wirklich umgeschrieben werden", sagte der Leiter der Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in Düsseldorf, Bastian Fleermann.

Am 9. November 1938 seien weit mehr als nur ein paar Fensterscheiben zu Bruch gegangen. Die Pogromnacht sei jahrzehntelang bagatellisiert worden. "Es müssen viel, viel mehr Tote gewesen sein", sagte Fleermann. Inzwischen wird die Zahl der Toten auf 1000 bis 1500 geschätzt.

Menschen seien in Flüsse getrieben, erstochen und erschossen worden. Allein aus der Ruhr wurden in den Folgetagen mehrere Leichen geborgen. In Düsseldorf habe der damalige Oberbürgermeister Helmut Otto persönlich das Benzin für die von der NSDAP organisierten Ausschreitungen besorgt.

Den Forschern zufolge starben in Düsseldorf 14 Menschen, in Köln fünf, im vergleichsweise kleinen Hilden gab es sieben Tote. Auch in Kaldenkirchen, Lünen und Dülmen habe es Tote gegeben. "Exzesse gab es in den Städten und auf dem Land", hieß es.

Zehn Menschen seien auf NRW-Gebiet direkt erschossen, erstochen oder ertränkt worden. 44 Menschen seien an den Folgen der Misshandlungen gestorben, 42 seien in den Suizid getrieben worden. 31 wurden in Konzentrationslager verschleppt und starben dort oder an den Folgen der KZ-Haft.

"Das Novemberpogrom ist eine prominente Unbekannte", sagte Fleermann. "Bekannt als die Nacht, in der die Synagogen brannten. Wir haben uns gewundert, dass die Frage nach der Zahl der Todesopfer von Historikern jahrzehntelang nicht gestellt und beantwortet wurde."

Das Forschungsprojekt war in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung entstanden. Die Forscher hatten 430 Stadt- und Kreisarchivare in NRW angeschrieben. 98 Prozent hätten geantwortet.

Teilweise habe die Pogromnacht Volksfestcharakter angenommen: Hunderte Bürger hätten sich um Feuer versammelt, in denen das Inventar von Synagogen oder Läden verbrannt worden sei.

Am kommenden Freitag jährt sich die Pogromnacht von 1938 zum 80. Mal. Damals wurden Synagogen zerstört, Tausende von Wohnungen, Läden und Arztpraxen verwüstet. Die Nacht markiert den Übergang von der Diskriminierung der Juden zu ihrer systematischen Verfolgung.

Das NS-Regime hatte den Terror gegen die jüdische Bevölkerung systematisch geplant, von SS und SA ausführen lassen und später behauptet, es habe sich um einen spontanen Akt des "Volkszorns" gehandelt. Die Mordnacht am Jahrestag des Hitler-Putsches von 1923 war lange Zeit verharmlosend als "Kristallnacht" bezeichnet worden.

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