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„Der Himmel geht über allen auf“: Dieses Lied haben Kinder der Clemens-Höppe-Grundschule in Oer-Erkenschwick beim Projekt „Hospiz macht Schule“regelmäßig gesungen. Dabei waren sie mit einem Band gemeinschaftlich verbunden – wie auf unserem Foto (v. l.) Marie Peterlin, Enes Bekmezci, David-Patric Kiss, Cassandra Luca, Nisa Serin und David Plasa zusammen mit ihrer Lehrerin Katja Pauly (M.) demonstrieren. —Fotos: Thomas Schönert

Hospizbewegung Teil 9

„Dann geht auch die Angst weg“

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Beim Projekt „Hospiz macht Schule“ beschäftigen sich Grundschüler offen mit den Themen Tod und Sterben – so soll auch der Umgang mit Trauer gelernt werden.

Enes Bekmezci erinnert sich: „Am Anfang hatte ich schon Angst“, sagt er. Und mit dieser Angst war er nicht allein: Einige Schüler der Klasse 3c von der Oer-Erkenschwicker Clemens-Höppe-Grundschule waren skeptisch, als im Januar 2019 eine Woche lang das Thema Tod und Sterben auf ihrem Stundenplan stand. „Doch die Unsicherheit bei den Kindern verflog – sie sind schnell aufgeblüht“, berichtet Klassenlehrerin Katja Pauly.

 „Wir haben viel über Sterben und Tod geredet. Und wenn man mehr weiß, dann geht auch die Angst weg“, bestätigt Enes Bekmezci. Krankheit und Leid, Sterben und Tod: Sind das wirklich Themen für acht- und neunjährige Kinder? „Auf jeden Fall“, sagt Sabrina Bergeest vom Franziskus-Hospiz in Recklinghausen. Die Sozialarbeiterin führt die Projektwoche „Hospiz macht Schule“ seit 2010 mit Kollegin Marianne Michel sowie ehrenamtlichen Helfern regelmäßig an Grundschulen durch.

Auch in anderen Städten der Region gibt es das Projekt. „Die Kinder sind nicht zu klein dafür“, widerspricht Sabrina Bergeest einem häufigen Einwand von Eltern. „Im Gegenteil: Sie sind neugierig und fragen. Und man muss sich für diese Fragen Zeit nehmen, mit ihnen offen über Tod und Sterben reden. So wird der Tod für sie verständlicher, der Umgang mit ihm natürlicher, das ist dann eine Hilfe bei Trauersituationen“, erläutert Sabrina Bergeest und betont: „Sterben und Tod gehören zum Leben. Es wäre falsch, diese Themen zu verschweigen, dann entstehen oft wirre Vorstellungen. 

So kann das Projekt vielleicht dazu beitragen, dass die Kinder später als Erwachsene besser mit dem Thema Tod umgehen als viele Erwachsene heute.“ Katja Pauly blickt begeistert auf die Projektwoche in ihrer Klasse zurück. „Das ist ein tolles Projekt. Der Tod wird oft tabuisiert, ferngehalten, hier aber wird ein kindgerechter Zugang ermöglicht. 

So wurden die einzelnen Themen nicht trocken vermittelt, sondern in Aktionen eingebettet.“ Da wurden Baby-Fotos ausgetauscht, um so altersbedingte Veränderungen bei Menschen festzustellen. Da malten die Kinder ihre sehr unterschiedlichen und meist bunten Vorstellungen vom Jenseits und Himmel – mit Fußballstars, Feen und Pommes. Beim Tag zum Thema Krankheit und Leid sprach die Klasse mit einer Ärztin über Krankheiten und besuchte das Recklinghäuser Hospiz. „Dass Menschen hier die letzte Zeit ihres Lebens verbringen, finden Kinder nicht gruselig“, sagt Sabrina Bergeest. Auch mit einem Hospiz-Patienten sprachen die Kinder. „Wir haben ihm danach noch Briefe geschrieben: Dass wir froh sind, dass er noch lebt. 

Und dass er keine Angst vor dem Sterben haben soll“, erzählt Enes Bekmezci. Denn auf dem Wochenprogramm von „Hospiz macht Schule“ steht auch das Thema Trösten – vom Trostbrief und -bild über Reden und Ablenken bis zum „Einfach Dasein“. Die Kinder lernen in dem Projekt nicht nur, dass Krankheiten zum Tod führen können und dass Tote nicht wiederkommen, sondern auch, das der Körper nur die Hülle, die Seele nach dem Tod woanders ist. Und nicht zuletzt geht es darum, dass die Kinder im Trauerfall mit der eigenen Situation umgehen können. 

„Man darf weinen und Angst haben, das ist in Ordnung. Aber man muss es auch hinter sich lassen. Als mein Onkel gestorben ist, konnte ich darüber reden. Da ging es mir dann besser“, berichtet die heute 9-jährige Nisa Serin. Den Abschluss der Woche bildet schließlich ein Elternfest mit der Vorstellung der einzelnen Tage, mit Tanz, Essen und Trinken. „Meistens sind die Eltern dann am Ende auch zufrieden“, sagt Sabrina Bergeest. Normalerweise führt die 38-Jährige das Projekt „Hospiz macht Schule“ in Recklinghäuser Grundschulen durch. An der Oer-Erkenschwicker Clemens-Höppe-Schule war sie auf Initiative von Anne Althoff-von Roëll und Wichart von Roëll. Die Schirmherrn des Ambulanten Hospizdienstes Oer-Erkenschwick versuchen, das Thema Tod verstärkt in die Öffentlichkeit zu bringen.

Dabei steht die Grundschul-Woche im Zusammenhang mit der Hospiz-Inszenierung „Früher oder später“. Auch hier sind die Kinder von der Clemens-Höppe-Grundschule dabei, führen das Lied auf, das sie in der Projektwoche begleitet hat: „Der Himmel geht über allen auf“. „Projekt war gut für die Entwicklung der Kinder“ Katja Pauly würde das Projekt „Hospiz macht Schule“ gerne noch einmal mit einer Klasse machen. „Dieses wichtige Thema so zu bearbeiten, ist total klasse. Die Kinder haben über ihre Gefühle geredet, das Projekt war gut für ihre Entwicklung“, ist sich die 29-jährige Pädagogin sicher. Auch Nisa Serin blickt gern auf die Projektwoche zurück: „Wir haben viel erfahren, gelernt, wie man mit dem Tod umgeht. Es ist gut, dass wir das gemacht haben.“ Und mit Blick auf die Skepsis von Schülern und Eltern im Vorfeld von „Hospiz macht Schule“ fügt Katja Pauly hinzu: „Die Kinder sind jeden Tag mit einem Lächeln nach Hause gegangen.“

Die Hospiz-Inszenierung „Früher oder später“

„Früher oder später“: Unter diesem Titel war in der Stadthalle Oer-Erkenschwick eine ungewöhnliche Hospiz-Inszenierung zu sehen.

Der Tod ist der Rote Faden in „Früher oder später“. Aber es handelt sich hier nicht um ein durchgehendes Theaterstück, sondern um „eine Art Collage, die über verschiedene Szenen zum Nachdenken über den Tod anregen möchte“, sagt Yvette Rathai.

Um das ernste Thema Tod darzustellen, nutzt die Bocholter Regisseurin sehr unterschiedliche, kurzweilige Darstellungsformen – wie Gesang, Tanz, Poesie und Hip-Hop.

So kontrastreich das Bühnenprogramm, so vielfältig die Darsteller. Neben Rathais Ensemble „Showfactory“ treten Akteure aus dem Kreis Recklinghausen auf: So die „I Dolci“-Chorgruppe und Harfenistin Clara Könen vom Oer-Erkenschwicker Willy-Brandt-Gymnasium, die Vestische Tanzsport-Gemeinschaft Grün-Gold Recklinghausen, der Recklinghäuser Schauspieler Wichart von Roëll. Auch die Kinder der Oer-Erkenschwicker Clemens-Höppe-Grundschule sind dabei.

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