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Thomas Schönert

Hospizbewegung Teil 8

Pflege und mehr

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Der ambulante Palliativ-Pflegedienst des Hospizes zum Hl. Franziskus verfolgt eine zeitintensive ganzheitliche Unterstützung von Betroffenen und Familien – und macht ein jährliches Minus von 150.000 Euro.

Ein Mann ist unheilbar krank, wird in seinem letzten Lebensabschnitt zu Hause von seiner Frau betreut. Der Mann muss künstlich ernährt werden, Hilfe durch einen Palliativ-Pflegedienst ist notwendig. Doch vor Ort sieht Iris Thenhausen, Leiterin des ambulanten palliativen Pflegedienstes „HospizDaheim“, dass hier nicht nur Pflege dringend gebraucht wird. „Es gab auch hohen Redebedarf – nicht bei dem Mann, aber bei seiner Frau. Sie brauchte jemanden, der zuhörte, der Veränderungen bei ihrem Mann – wie sein Schweigen – erklärte, auch jemanden, der da war, wenn sie weinte. Denn die Frau wusste ja, dass der Abschied von ihrem Mann bevorstand.“

 Solche Situationen erleben die Mitarbeiter vom Palliativ-Pflegedienst des Hospizes zum Heiligen Franziskus in Recklinghausen häufiger. „Natürlich ist die palliative Pflege unsere Kerntätigkeit. Das reicht von der künstlichen Ernährung über Schmerzpumpen bis zur Symptomkontrolle. Denn oft bereiten die unheilbaren Krankheiten weitere Probleme wie zum Beispiel Müdigkeit, Schmerzen oder Übelkeit. Hier versuchen wir, über die Versorgung die Lebensqualität zu erhalten oder gar zu verbessern“, erläutert Iris Thenhausen. „Aber wir verfolgen über die reine Pflege hinaus eine ganzheitliche Betreuung: Hier sind Menschen in einer Ausnahmesituation, die neu für sie ist – und das macht etwas mit ihnen. 

So ist es notwendig, die Betroffenen und Familien zu beraten und zu stützen, damit die Betreuung daheim möglich ist, alle im Blick zu haben, die es wollen.“ Dabei öffnet die Pflege Türen, wie Iris Thenhausen aus langjähriger Erfahrung weiß: „Bei der Versorgung erklären wir natürlich, was wir tun. Und häufig kommen wir dann automatisch mit dem Patienten ins Gespräch – nicht nur über die Pflege, sondern auch darüber, was ihn beschäftigt und bewegt.“ Finanzielle Hilfe durch das Hospiz ist notwendig So gibt es bei der Arbeit des Palliativ-Pflegedienstes immer wieder Überschneidungen – zu psycho-sozialer Betreuung, zu spiritueller Begleitung, auch zur medizinischen Versorgung. 

„Dementsprechend stehen wir im engen Kontakt zum Beispiel zu den behandelnden Hausärzten und Palliativ-Medizinern vom Netzwerk PAMIR, um auf entstehende medizinische Probleme hinzuweisen und zum ambulanten Hospizdienst, dessen Besuche manchmal sinnvoll wären“, erläutert Iris Thenhausen. Ein sorgfältiger Umgang mit Kranken und Angehörigen, sensible Begegnungen und Gespräche: Wie ist dies im allgemein eng getakteten Pflege-Rhythmus zeitlich für den palliativen Pflegedienst „HospizDaheim“ möglich? „Unser Pflegedienst trägt sich finanziell nicht“, sagt Iris Thenhausen und Dr. Michael Kornau, Geschäftsführer des Hospizes zum Heiligen Franziskus, spricht von einem jährlichen Minus von etwa 150.000 Euro.

 Die Pflegedienst-Leiterin kritisiert in diesem Zusammenhang das Abrechnungssystem in Westfalen-Lippe, das im Vergleich zu anderen Regionen für palliative Pflege-Einsätze ungünstig sei. Und Hospiz-Leiterin Heike Lenz weist darauf hin, dass andere Pflegedienste nur durch eine Mischkalkulation von Grundpflege und palliativer Pflege ökonomisch arbeiten könnten: „Ausschließlich Palliativ-Pflege mit hohem Zeitaufwand – das reicht finanziell nicht.“ So ist der rein palliative ambulante Pflegedienst „HospizDaheim“ nur mit der finanziellen Unterstützung des Franziskus-Hospizes möglich, wie Iris Thenhausen sagt. „Es gab unseren Pflegedienst ab 2000 als NRW-Modellprojekt. Doch Anfang 2010 mussten wir wegen zu schlechter Bezahlung dicht machen. 

Dass wir seit 2017 wieder bestehen, hat den Grund in einer großzügigen Spende für das Hospiz und seine Arbeit. Dadurch haben wir jetzt eine Bestandsgarantie für fünf Jahre – und hoffen, dass es bis dahin bessere Abrechnungsmöglichkeiten gibt“, erläutert die 54-Jährige die Geschichte des Hospizdienstes, der zurzeit fünf examinierte und speziell ausgebildete Mitarbeiter hat und auch eine 24 Stunden Rufbereitschaft bietet. Dass sich „HospizDaheim“ aufgrund der finanziellen Unterstützung über das Hospiz im Vergleich zu anderen Pflegediensten mehr Zeit nehmen kann, weiß Iris Thenhausen zu schätzen. „Ich bin sehr dankbar für die Zeit, die wir für die Patienten haben. Die Betroffenen und ihre Familien merken, dass wir uns Zeit nehmen. So lassen sie uns zu sich, erlauben, dass wir sie mitbegleiten, öffnen ihre Seele. Das ist ein Riesengeschenk an uns.“

INFO - Weitere Infos zum ambulanten Palliativ-Pflegedienst „HospizDaheim“: Tel.  0 23 61 / 60 93 - 24

Wie möchten Sie sterben?

Iris Thenhausen hofft, dass sie in Frieden gehen kann, wenn ihre Zeit gekommen ist. „Abends ins Bett gehen und am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen – das möchte ich nicht. Vielmehr ist es mir wichtig, dass ich bewusst gehen werde, mich von mir nahestehenden Menschen verabschiede“, sagt die Leiterin des Recklinghäuser Palliativ-Pflegedienstes „HospizDaheim“ – und fügt erklärend hinzu: „Die Menschen reden zu wenig darüber, was sie den anderen wünschen, was sie für sie fühlen. Ich möchte anderen etwas für ihr Leben mitgeben, wenn mein Leben endet.“ Die 54-Jährige ergänzt: „Mein Glaube sagt mir, dass wir uns wiedersehen. Und ich möchte die Möglichkeit haben, das noch mitzuteilen.“ 

Auch Ludger Heflik möchte gerne die Möglichkeit haben, vor dem Sterben Abschied zu nehmen. „Ich möchte nicht von jetzt auf gleich aus dem Leben gerissen werden. Ich glaube, es ist einfacher, über einen längeren Zeitraum Abschied nehmen zu können – auch für die Angehörigen“, sagt der niedergelassene Onkologe aus Recklinghausen. Als Sterbeort wünscht sich Ludger Heflik „zu Hause“ – und ergänzt: „Die Alternative wäre das Hospiz.“

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