Hotel in Eving

Der Tausendsassa aus der Herberge ohne Namen

Eving - Aloys Aertken vermietet Zimmer und verkauft Flaschenbier an der Evinger Straße. Der Metzger fuhr stets dicke Schlitten und kämpfte auch schon mal gegen Box-Champions.

Auf dem einen Schild steht "Fremdenzimmer", auf dem anderen "Gaststätte". Das war's - von einer exakteren Bezeichnung der Herberge fehlt jede Spur. "Nen Namen?", fragt der Mann in dem knallroten Pullover, "nö, 'nen Namen hat mein Hotel nicht. Ist eben das Hotel von Aloys Aertken." Dass die Unterkunft ohne Betitelung auskommen muss, fällt angesichts des Inhabers aber kaum ins Gewicht. Denn jener Herr Aertken vereint gleich eine Vielzahl an Beschreibungen auf sich: Hotelier, Metzgermeister, Schausteller, Lebenskünstler, Original.

Tag für Tag rollen die Straßenbahnen und Autokarawanen an der Evinger Straße 71 vorbei, doch was sich hinter der Glastür des Flachdach-Gebäudes, das eigentlich nur wegen eines auf die Außenwand gemalten, am Palmenstrand speisenden Pärchens ins Auge sticht, wissen die wenigsten. Aloys Aertken nimmt diese Ahnungslosigkeit mit einem Satz: "Da ist meine Gaststätte, jeden Tag geöffnet von zehn bis zehn. Und vier Fremdenzimmer - alle mit eigenem Bad."

Ausflug in den Knast

Die illustre Geschichte des 76-Jährigen begann im Münsterland, genauer gesagt im beschaulichen Ochtrup, wo er aufwuchs und eine Metzgerlehre absolvierte. Doch Aertken hatte schon früh "Hummeln inne Furt" und arbeitete in den folgenden Jahren bundesweit in nicht weniger als 13 verschiedenen Fleischereien. "Ich war nie bange, Geld anzunehmen", erzählt der stämmige Mann mit dem Schnauzbart auf eine solch schelmische Art, dass man ihn am liebsten auf eine Bühne setzen würde. "Aber dabei habe ich immer den geraden Weg eingehalten."

Na ja, mit einer kleinen Ausnahme vielleicht. "In den 60er-Jahren hat man mich mal mit 1,56 Promille angehalten, obwohl damals nur 1,5 erlaubt waren. Das hat mir 18 Tage Gefängnis wegen Trunkenheit am Steuer eingebracht", sagt er und grinst. "Und wissen Sie, wen ich im Knast treffe? Meinen Rechtsanwalt aus Hagen, der war auch besoffen gefahren. Wir haben von morgens bis abends Skat gespielt und nach 13 Tagen konnte ich wieder gehen. Für den Rest gab's Bewährung."

Von Chevrolet bis Mercedes

Nach ein paar Jahren war die Zeit der Unrast vorbei: Aertken übernahm eine Metzgerei mit Imbiss in Ennepetal, belieferte Kneipen mit feinen Wurstwaren und steigerte den Verkauf des Ladens binnen kurzer Zeit: "Mein Vorgänger machte so anderthalb Schweine die Woche, ich drei oder vier." Es folgten Tätigkeiten als Markt- und Kirmeshändler, Schnäppchenmarkt-Besitzer, Wohnungsentrümpler und Immobilienkäufer. Das ganze stets stilecht am Steuer eines dicken Schlittens: "Ob Pontiac, Chevrolet, Mercedes oder Opel Diplomat - ich bin sie alle gefahren."

In dieser Zeit lernte Aertken auch die Prominenz, unter anderem in Person des Boxchampions Hans Kalbfell, kennen. "Mit dem hab' ich mal 'nen bisschen trainiert. Doch sein Trainer sagte: Aertken, sagte der, bleib lieber Metzger. Aus dir wird nie ein technischer Boxer, du wirst immer nur ein Schläger sein." Apropos: Nicht, dass der Lebemann den Streit gesucht hätte, "aber wenn einer kam, da war's egal, ob der zwei Meter groß war. Da gab's was auf die Schwarte."

"Jetzt machst du nen Hotel auf"

Mitte der Neunziger erwarb Aertken das Gebäude an der Evinger Straße, das er zunächst vermietete. "Die haben einen Club draus gemacht", sagt er und deutet mit dem Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger an, um was für eine Art von Etablissement es sich handelte. Als das schief ging, entschloss sich der Tausendsassa, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

"Da hab? ich mir gesagt: Jetzt machst du ?nen Hotel auf." Und da Aloys Aertken ein Mann ist, der zu seinem Wort steht, gibt es seit nunmehr 20 Jahren die namenlose Unterkunft. Während seine philippinische Freundin zeitgleich die Zimmer säubert, berichtet der 76-Jährige wie das so läuft mit dem Hotel. "Das ist alles Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Leute kommen von überall her. Monteure, Durchreisende, Fußball-Fans. Bei der WM 2006 hatte ich den Laden voll - Schwarze, Weiße, alles."

Keine Grenzen nach oben

Am 1. Januar erhöhte er die Preise von 40 auf 50 Euro fürs Doppelzimmer. "Und wenn einer verhandeln will", erzählt Aertken mit dem obligatorischen Grinsen, "ist das kein Problem. Ich sag dann: 60 Euro, 70 Euro - nach oben sind keine Grenzen gesetzt."

Mit einem kühlen Pils aus der Flasche können sich Hotelbesucher und Kneipengänger im hauseigenen Schankraum stärken. Eigentlich kocht der Hotelier ja nicht mehr für Kunden, wobei es Ausnahmen gibt: "Wenn ich mir Linsensuppe gekocht habe und ein Gast hat Hunger, kriegt er auch 'nen Teller."

Und bis wann möchte er das Unternehmen noch leiten? "So lange es geht", kommt es wie aus der Pistole geschossen, "ich werde ja 100." Nach einer kurzen Bedenkzeit fügt er jedoch hinzu: "Außer, es legt einer richtig Geld auf den Tisch. Dann ist Schluss."

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