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So sieht eines der Krankenhäuser aus, die Johannes Schildknecht im Kongo betreut. Laut den Vereinten Nationen stellen die mehr als 80 Millionen Kongolesen etwa ein Prozent der Weltbevölkerung, aber 12 Prozent der weltweit Hungernden.

Idealist mit Sinn für das Leistbare

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Kreis RE - Johannes Schildknecht betreut Gesundheitsprojekte am Rand von Ebola- und Konfliktgebieten.

Man muss sich vom Denken lösen, das noch in vielen Köpfen steckt. Es ist die Vorstellung vom Entwicklungshelfer, der Menschen in armen Ländern Afrikas nimmermüde Mehlsack um Mehlsack vom Lkw herunterreicht.

Zwar wird es auch diese Form von Akutversorgung auf unabsehbare Zeit noch geben – seit einigen Jahren aber wächst die Erkenntnis, dass man zum Aufbau funktionierender Selbsthilfe ein professionelles Management von Hilfeleistungen braucht. Der Recklinghäuser Johannes Schildknecht arbeitet in der Demokratischen Republik Kongo für Malteser International an einer solchen Schnittstelle.

Mindeststandards an medizinischer Versorgung und zuverlässige öffentliche Strukturen aufbauen, Menschen Perspektiven aufzeigen – all das wird dringend benötigt, klare Sache. Aus Sicht des reichen Teils der Welt allein schon aus Eigennutz: „Fluchtursachen bekämpfen“ heißt das etwas eleganter formuliert in vielen politischen Reden.

Schildknecht arbeitet für Malteser International

Also: Was zu tun ist, weiß eigentlich jeder. Komplizierter wird es bei den Fragen, wie man das hinbekommt – und wer es macht. Etwa in der Provinz Ituri im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (s. Daten und Fakten). Sie schreibt durch ihre Nähe zum Ebola-Ausbruchsgebiet Schlagzeilen – und durch eskalierende Gewalt rund um bewaffnete Konflikte in Grenzregionen zum Südsudan. Schildknecht arbeitet für Malteser International vor Ort in Ituri als Programm-Manager – diese Job-Beschreibung steht für den Wandel vom Wohltaten-Prinzip mit der Gießkanne zur Professionalisierung von Hilfeleistung.

Es geht – wie so oft im Leben – auch im Kongo knallhart um Geld. „Geber-Länder und Organisationen haben bestimmte Strategien, wie sie was erreichen wollen. Da müssen unsere Programme passen“, berichtet Schildknecht. Es geht um den systemischen Ansatz, Menschen in die Lage zu versetzen, sich dauerhaft selbst zu helfen. Schildknecht und seine Kollegen bilden einheimisches (Führungs-)Personal weiter aus, verantworten ein Millionen-Budget z. B. im Rahmen der humanitären Hilfe des Auswärtigen Amtes.

30 Jahre jung ist Johannes Schildknecht. Er hat den Masterstudiengang „Programm-/Projektmanagement für Entwicklungszusammenarbeit“ absolviert, für den Masterabschluss eine Forschungsarbeit über Kinder mit geistigen Behinderungen in Uganda geschrieben.

Die erste Stelle nach den Uni-Abschlüssen war die Leitung der Flüchtlingsunterkunft am Elper Weg in Recklinghausen – just in der Hochphase der Fluchtbewegungen des Jahres 2015. Und nun der Kongo: Nach einem Jahr Traineeship beim Malteser Hilfsdienst ist Johannes Schildknecht Programm-Manager. Vor drei Wochen erst ist er nach Deutschland zurückgekehrt, um dann im Februar oder März wieder nach Afrika zurückzukehren.

Was bringt einen 30-Jährigen dazu, sich einer solchen Herausforderung zu stellen? „Ja, in gewisser Weise bin ich wohl ein Idealist. Mir ist völlig klar, dass ich nicht die Welt retten kann. Und dass man auch nicht an jedem Ort helfen kann, wo man es möchte“, sagt Schildknecht.

In der Provinz Ituri leben an die vier Millionen Menschen. Ariwara heißt die mit allen kleinen Ortschaften zusammengerechnet 90.000 Seelen große Stadt, von der aus Programm-Manager Schildknecht die Gesundheits-, Bildungs- und Strukturprojekte der Malteser betreut. „Wer sind die Zielgruppen, was wird gebraucht, wie groß ist der Bedarf, wo kann man ihn zu welchem Preis decken – und wie kann die Finanzierung aussehen?“, skizziert er einen Teil seiner Arbeit.

„Da kommen schnell 20 Seiten Projektantrag zusammen. In Ituri und der Nachbarprovinz Haut-Uèlè leben Zehntausende Geflüchtete aus dem Südsudan. Wir unterstützen die Gesundheitsversorgung in einem großen Camp – noch schwieriger ist, Menschen ,out of camps‘ zu helfen. Das sind die, die sich irgendwo und irgendwie eine Art Unterkunft bauen – und ohne jede Versorgung leben.“

„Nur“ eine weitere tödliche Bedrohung

Die Lebensverhältnisse dieser Menschen lehren Demut, lassen vermeintliche Probleme im reichen Deutschland zu Nichtigkeiten schrumpfen. „Ich kann nicht so richtig verstehen, wie man sich hier über Schlaglöcher oder Staus auf der Autobahn aufregen kann. Für viele Menschen im Kongo geht es nicht um die Frage: Was esse ich heute am liebsten zu Abend? Es geht darum, überhaupt an Essbares heranzukommen. Oder 20 Dollar für Medikamente aufzutreiben, ohne die ein Angehöriger stirbt.“

Natürlich durchlaufen Malteser-Mitarbeiter Sicherheitstrainings – im Mittelpunkt steht, wie man schwierige Situationen vermeidet. „Außerhalb der Städte sollte man besser nur tagsüber unterwegs sein und auch nicht in jedem x-beliebigen Hotel übernachten“, so Schildknecht. „Natürlich sollte man Hinweise auch beachten, aber wir leben nicht in einem Belagerungszustand.“

Und was ist mit Ebola? Schon das Wort lässt Europäer zittern. „Wir sind nördlich umkämpfter Gebiete an der Landesgrenze im Einsatz. Dass dort die Krankheit ausgebrochen ist, liegt auch daran, dass man nicht zur Behandlung an die Menschen herankommt“, erklärt Schildknecht. „Dabei kann man Ebola durch angemessene Hygienemaßnahmen und Sensibilisierung der Menschen eindämmen. Man muss direkten Kontakt zu Erkrankten haben oder mit Ausscheidungen in Berührung kommen, um sich anzustecken.“

Grundsätzlich habe die Krankheit im Kongo auch einen anderen Stellenwert: „Sie ist in Teilen der Bevölkerung ,nur‘ eine weitere tödliche Bedrohung neben Malaria, Cholera, Pest und immer wieder aufflammender Gewalt. Viele Menschen werden im Straßenverkehr getötet, Kinder sterben im Säuglingsalter. Nach jahrelang schwelenden gewalttätigen Konflikten steht die Bevölkerung den Behörden sehr, sehr skeptisch gegenüber und hat wenig Vertrauen in deren Informationen.

Es ist eine Riesenaufgabe, dafür zu werben, dass Ebola eine Krankheit ist, der man entkommen kann – man steckt sich nicht zwangsläufig an, wenn man Regeln einhält. Ebola ist nicht unausweichlich tödlich, wenn die Erkrankung früh festgestellt und behandelt wird.“ Immerhin steht mittlerweile ein Impfstoff kurz vor der Lizenzierung, der bereits eingesetzt wird und auch wirkt.

Die Eltern des Recklinghäusers sind Pfarrer, wie sehr hat der Glaube seine Berufswahl beeinflusst? „Natürlich spielt auch er eine Rolle. Ich habe Jesus immer auch als Sozialreformer gesehen. ,Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt‘ – wenn einem die Ungleichheiten zwischen der Demokratischen Republik Kongo und zum Beispiel Deutschland so vor Augen geführt wird, dann bekommt das eine besondere Bedeutung.“

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