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Emres kleine Schwester Ebru (10) und sein Vater Ali Arslan (48) im Wohnzimmer ihrer Wohnung in der Nordstadt. Beide bangten um das Leben des Bruders und Sohnes, der den Terroranschlag im Reina-Nachtklub in Istanbul überlebte.

Interview

Ali Arslans Sohn überlebte den Terroranschlag in Istanbul

DORTMUND - Mit Tanz und Musik feierte Ali Arslan aus der Dortmunder Nordstadt in einem Haus am Borsigplatz den Jahreswechsel. Dann schellte sein Telefon. Er hörte die zitternde Stimme seines Sohnes, der mit zwei Freunden nach Istanbul geflogen war und den Terroranschlag im "Reina"-Nachtklub überlebte. Der Täter tötete 39 Menschen. Im Interview spricht Ali Arslan über den Anruf und die Stunden und Tage nach dem Attentat.

Herr Arslan, wie geht es Ihrer Familie?

Wir sind immer noch tief erschüttert. Mein Sohn, Emre, der sonst ein sehr lebendiger Typ ist, ist sehr still. Er will alleine sein und kann die Augen nicht schließen, weil sonst diese schrecklichen Bilder zurückkommen. Es ist sehr schwer, das alles zu verarbeiten.

Als Sie hörten, dass die drei Freunde in Istanbul feiern: Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?

Ich dachte: Ausgerechnet Istanbul, denn ich hatte Angst, dass sie auf den Taksimplatz gehen und dort etwas Schreckliches passiert. Also habe ich Emres Personalausweis versteckt, damit er nicht ausreisen kann. Aber wie die Jungs so sind: Er hat sich schnell noch einen Ersatz-Ausweis besorgt.

Wie haben Sie von dem Terroranschlag erfahren – und davon, dass ihr Sohn davon betroffen ist?

Wir haben in unserem Haus am Borsigplatz mit der Familie den Jahreswechsel gefeiert, da schellte kurz vor 1 Uhr unserer Zeit mein Telefon. Das war eine unbekannte Nummer. Ich hörte die zittrige Stimme meines Sohnes, der sich bei mir für alles bedankte, was ich für ihn getan habe, und um Verzeihung bat. Das hörte sich so an, als wollte er Abschied nehmen. Dann übernahm ein anderer Mann das Gespräch.

Wer war das?

Das war der Pförtner eines Parkhauses, der vor meinem blutüberströmten Sohn stand. Emre hatte ihn um das Telefon gebeten. Der Pförtner berichtete mir von dem Terroranschlag. Von da an habe ich draußen in der Kälte nur noch telefoniert, um Freunde in Istanbul zu bitten, meinem Sohn und seinen Freunden zu helfen. Aber keiner ist ans Telefon gegangen. Inzwischen erfuhr meine Familie drinnen von dem Anschlag. Es war so schlimm. Ebru, meine Tochter, weinte so sehr. Sie flehte mich an, ihren Bruder zurückzuholen. Der Terror, den wir nur aus dem Fernseher kannten, war plötzlich so nah. Dieser Stress, das alles in diesen unendlich langen Stunden und auch jetzt noch aushalten zu müssen ... - das alles ist nicht so einfach.

Konnten Sie mitten in der Nacht einen Flug buchen?

Ich habe sofort bei einem befreundeten Reisebüro angerufen. Um fünf Uhr war ich am Flughafen in Düsseldorf. Um 6 Uhr startete die Maschine. Kontakt zu meinem Sohn hatte ich bis dahin nicht mehr. Zwischen dem ersten Anruf und dem Wiedersehen vergingen 10 Stunden – es fühlte sich an wie 100 Jahre. Die Zeit stand still. An Schlaf war nicht zu denken.

Nach der Ankunft in Istanbul: Wie ging es weiter?

Sofort ins Krankenhaus zu Emre. Ich bin durch bis zur Intensivstation, wo seine schwerverletzten Freunde lagen, bei denen er sein wollte. Wir haben uns in die Arme genommen und bitter geweint. Erst als ich ihn direkt in meinen Armen spürte, hatte ich gemerkt, dass er lebt. Und erst dann fühlte er sich sicher.

Was hat Ihr Sohn über das Geschehen in dem Nachtklub berichtet?

Sie feierten, sie lachten, sie fotografierten. Sich und andere. Dann fielen die Schüsse. Emre warf sich zu Boden, um Schutz zu finden. Dann stürzten mehrere Gäste auf ihn. Er lag unter fünf bis sechs Leichen und Kopf an Kopf mit einer jungen Frau, die mit einem Kopfschuss getötet wurde. Emre bekam nur schwer Luft. Er sagte, dass der Attentäter sehr ruhig vorgegangen sei. Auch, als er weiter auf bereits leblos am Boden liegende Opfer schoss.

Wie konnte Emre dem Tod entkommen?

Er lag geschützt unter den Leichen und stellte sich tot. Als es ruhig war, rief er die Polizei an und flüsterte nur. Die Polizei forderte ihn auf, lauter zu sprechen. Da kam der Täter zurück. Emre hörte die Schritte. Bevor der Attentäter auf zwei Meter an ihn herankam, schleuderte Emre das Handy über den Boden weg. Das war kühn von ihm. Der Attentäter sah das Display und zerschoss das Handy. Emre hatte immer noch Todesangst und glaubte, dass als nächstes eine Bombe gezündet wird.

Zurück in Dortmund – wie geht es jetzt weiter?

Wir sind wieder in Dortmund. Die beiden Freunde kommen bald nach. Emre braucht Hilfe. Er bekommt die Bilder nicht aus dem Kopf. Die Bäckerei am Wilhelmplatz in Dorstfeld, die ihm gehört – er ist selbstständig – ist zurzeit geschlossen. Die ganze Familie braucht Hilfe.

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