Interview zur IG-Farben-Ausstellung

Historische Ausstellung widmet sich der Zusammenarbeit eines Chemie-Konzerns mit den Nazis

Der Chemiekonzern IG Farben hat während der NS-Zeit beim Bau von Konzentrationslagern mit der SS kooperiert. Eine Ausstellung in Dortmund arbeitet diese Zusammenarbeit von Sonntag an auf.

Im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) eröffnet am Sonntag (27. Januar) eine Ausstellung des Frankfurter Fritz Bauer Instituts über "Die I.G. Farben und das Konzentrationslager Buna-Monowitz. Wirtschaft und Politik im Nationalsozialismus". Die Ausstellung läuft bis 10. April und wird von einem umfassenden Programm begleitet. Gefördert wird sie vom BVB und vom Chemie-Konzern Evonik, einem Nachfolge-Unternehmen der IG Farben. Vor der Eröffnung hat Matthias Langrock mit der Leiterin des Fritz Bauer Instituts, Prof. Dr. Sybille Steinbacher, telefoniert, die am Sonntag den Eröffnungsvortrag halten wird.

Frau Professor Steinbacher, in der Ausstellung geht es explizit um das Konzentrationslager (KZ) Buna-Monowitz. In der deutschen Öffentlichkeit sind andere KZ deutlich bekannter. Was ist das Besondere an Buna-Monowitz?

Monowitz war das größte Nebenlager im Lagerkomplex Auschwitz. Es war außerdem das erste Lager, das in enger Kooperation zwischen einem Privatunternehmen, den IG Farben, und der SS entstanden ist. Der Standort war bewusst gewählt, weil wegen der Nähe zum Konzentrationslager Auschwitz viele billige Arbeitskräfte verfügbar waren, eben die KZ-Häftlinge. Damit begann der systematische Zwangsarbeitseinsatz von Lagerinsassen für die Kriegswirtschaft. Monowitz fungierte als Modell für alle weiteren deutschen Unternehmen, die in der Rüstungsindustrie tätig waren. In der Folge ließ sich eine ganze Reihe von Industriebetrieben in der Region um Auschwitz nieder.

Wie müssen wir uns das Lager vorstellen?

Ziel war es, ein Werk zu errichten, in dem Buna hergestellt werden sollte. Das war synthetischer Kautschuk, mit dem die Nationalsozialisten Deutschland wirtschaftlich unabhängiger von Gummi-Importen machen wollten. Das ganze Lager war eine riesige Baustelle, es wäre eines der größten Werke zur Buna-Produktion überhaupt geworden. Wegen des Kriegsverlaufs ist es aber nie in Betrieb gegangen.

Waren die Zustände im KZ Buna-Monowitz mit denen in anderen Konzentrationslagern der Nationalsozialisten vergleichbar?

Die Häftlinge, die in Monowitz für nicht mehr arbeitsfähig befunden wurden, sind im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau umgebracht worden. Wie wir heute wissen, war das den IG Farben-Managern bekannt, die dafür eine Mitverantwortung tragen. Berichte von Häftlingen zeigen deutlich, wie schlecht die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Monowitz waren, auch wenn sie im IG Farben-Prozess nach Kriegsende als besonders gut herausgestellt wurden. Von den rund 35.000 Häftlingen in Monowitz sind etwa 25.000 umgekommen.

Was wird in der Ausstellung im MKK zu sehen sein?

Im Grunde geht es um fünf Punkte: die Entstehung des Lagers, die Entstehung der Kooperation zwischen der SS und den IG Farben, die Lebensbedingungen im Lager, die Auflösung des Lagers und die Nachgeschichte. Vermittelt werden dabei drei verschiedene Perspektiven : die des IG Farben-Managements, die der SS - und einen ganz hohen Stellenwert hat die der damaligen Häftlinge.

Viele ehemalige Häftlinge lebten 1998 noch, als die Ausstellung erstmals gezeigt wurde ?

Ja. Damals sind die Überlebenden von Monowitz in Frankfurt zusammengekommen und haben sich zum ersten Mal in großer Zahl getroffen. Für die Zwangsarbeiter des KZ wurde auf ihre Forderung hin auf dem Gelände der ehemaligen Konzernzentrale der IG Farben ein Gedenkort geschaffen. Auch zur Erinnerung an Norbert Wollheim, der ebenfalls im Lager inhaftiert war und der nach dem Krieg vor Gericht um Wiedergutmachung für die Überlebenden gekämpft hatte - wider Erwarten erfolgreich.

Heute gibt es wahrscheinlich keine Zeitzeugen mehr?

Ganz vereinzelt leben noch welche. Generell erleben wir ja seit 10 bis 15 Jahren, dass die Zeitzeugen verschwinden. Was besonders schmerzlich fehlt, ist ihre Stimme in den öffentlichen Debatten. Aber ihr Zeugnis ist erhalten worden. Im Wollheim-Memorial in Frankfurt beispielsweise werden Erinnerungen von Monowitz-Überlebenden als Video gezeigt.

Wir befinden uns heute in der paradox anmutenden Situation, dass sich der Nationalsozialismus zeitlich immer weiter von uns entfernt, gleichzeitig aber gesellschaftliche Entwicklungen im In- und Ausland die Auseinandersetzung mit ihm aktueller erscheinen lassen als vor 10 oder 20 Jahren. Wie beurteilen Sie das?

Ich sehe es tatsächlich so, dass die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit aktueller ist als noch vor einigen Jahren. Die selbstkritische Beschäftigung damit ist ja eine Säule des demokratischen Rechtsbewusstseins in Deutschland. Bis sich diese Auffassung aber durchgesetzt hat, dauerte es Jahrzehnte. Dass unsere heutige Gedenkkultur eine Errungenschaft für die Demokratie ist, gilt es ins Bewusstsein zu rücken, gerade jetzt, wo es lauthals Versuche gibt, die deutsche Geschichte umzudeuten.

Wir in Dortmund leiden darunter, dass die Stadt bundesweit regelmäßig in Zusammenhang mit den hier lebenden Neonazis und ihren Provokationen in den Medien auftaucht. Nehmen Sie das Dortmunder Nazi-Problem in Frankfurt wahr?

Ich bekomme das mit. Und ich finde es interessant, was in Dortmund alles gegen die rechtsextremistischen Umtriebe getan wird. Besonders stark engagieren sich hier der BVB und Evonik. Und sie unterstützen ja jetzt auch die Ausstellung.

Ist es für Sie etwas Besonderes, Ihren Vortrag zur Ausstellungseröffnung am Holocaust-Gedenktag in Dortmund zu halten?

Ja, gerade deswegen. Auch denke ich, dass die gegenwartsbezogene Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte besonders wichtig ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

30-Meter-Baum stürzt in Herten auf ein vorbeifahrendes Auto - jetzt ermittelt die Polizei
30-Meter-Baum stürzt in Herten auf ein vorbeifahrendes Auto - jetzt ermittelt die Polizei
Nach schwerer Krankheit:  Ausnahmemusiker Matthes Fechner ist  gestorben
Nach schwerer Krankheit:  Ausnahmemusiker Matthes Fechner ist  gestorben
Live-Ticker: Hier ist was los auf den Fußballplätzen im Vest Recklinghausen
Live-Ticker: Hier ist was los auf den Fußballplätzen im Vest Recklinghausen
Jäger warnt vor mehreren Wildschweinen in Suderwich: Tiere können gefährlich werden
Jäger warnt vor mehreren Wildschweinen in Suderwich: Tiere können gefährlich werden
Einbrecher verwüsten Vereinsanlage - das ist beim SV Titania in Oer-Erkenschwick passiert
Einbrecher verwüsten Vereinsanlage - das ist beim SV Titania in Oer-Erkenschwick passiert

Kommentare