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Auch mit 86 Jahren noch kirchenkritisch aktiv: Der Marler Dr. Ferdinand Kerstiens, vor 50 Jahren Gründungsmitglied des Freckenhorster Kreises.

Interview

Marler Theologe (86) kritisiert Kirchenstrukturen

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Region - Die katholische Reformgruppe „Freckenhorster Kreis“ wurde vor 50 Jahren gegründet. Der Marler Dr. Ferdinand Kerstiens war schon damals dabei – bis heute kritisiert er die Kirchenstrukturen scharf.

Aufbruch, Impulse, Offenheit: Das Zweite Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965 weckte in der katholischen Kirche vielfach die Hoffnung auf Modernisierung und mehr Mitbestimmung für Laien. Dr. Ferdinand Kerstiens schaut nachdenklich: „Aber es wurde danach recht schnell deutlich, dass der Vatikan und die Bischofskonferenz die Initiativen des Konzils nicht umsetzen wollten“, erinnert sich der emeritierte Marler Pfarrer an die Zeit am Ende der 60er Jahre.

„Wir merkten: Anstöße und Reformen wurden bewusst gebremst.“ „Wir“ – das war eine Gruppe katholischer Priester, die enttäuscht von der damaligen Entwicklung war, die eine Rückbildung des Konzils verhindern wollte, die sich schließlich zu der innerkirchlichen Reformgruppe Freckenhorster Kreis zusammenschloss. Im April 1969, vor 50 Jahren. „Wir“ – das waren anfangs etwa 40 Geistliche, unter ihnen auch Ferdinand Kerstiens.

„Konfliktthemen gab es damals viele – vor allem innerkirchliche“, berichtet der heute 86-Jährige. „Da haben wir gefordert, das ,Mischehen-Verbot‘ aufzuheben – man durfte bei der Trauung von einem katholischen und einem evangelischen Partner keine Eucharistie feiern –, da ging es um die Kommunion für Evangelische, das Abendmahl für Katholische, um nicht-römische Gebets-Übersetzungen und auch schon um eine Ausweitung des Priesteramtes.“

Ein zentraler Auslöser für die Gründung des Freckenhorster Kreises war schließlich die Enzyklika „Humanae vitae“ im August 1968. „Die sogenannte ,Pillen-Enzyklika‘ verbot künstliche Empfängnisregelung“, erläutert Kerstiens. Für den Marler Theologen war dies eine Entscheidung von oben, die Gewissensnöte der Menschen ignorierte: „Die Entscheidung stand für ein Kirchenbild mit starker Hierarchisierung und Gehorsamsforderung. Das hat für große Enttäuschung gesorgt, die Unzufriedenheit fokussiert.“

So wuchs der Freckenhorster Kreis bereits im ersten Jahr auf etwa 180 Priester, seit 1972 sind auch Laien als Mitglieder willkommen. Der Kreis versuchte, durch Resolutionen und Aktionen Öffentlichkeit für seine Interessen herzustellen, zu den innerkirchlichen Themen kamen politische Streitfragen, wie Kerstiens berichtet: „Wir haben uns zum Beispiel gegen Notstandsgesetze und Vietnam-Krieg gewandt. Auch Atombombe und Friedensbewegung wurden Themen.“

Ein politisches Thema war auch die Befreiungstheologie, von Anfang an pflegte der Kreis Kontakte nach Mittel- und Südamerika, die Projektarbeit in Brasilien besteht bis heute. „Allerdings ging es uns damals längst nicht nur darum zu helfen. Wir wollten lernen, wie eine menschennahe Kirche aussieht.“

„Für eine menschennahe Kirche“ treten Kerstiens und der Freckenhorster Kreis bis heute ein. „Wir müssen zu einer Kirche ohne die gegenwärtigen Hierarchien kommen, ohne Zölibat, dafür mit einer Gleichberechtigung von Männern und Frauen in allen Ämtern. Was gibt Kirche das Recht, Gemeinden durch die auf zölibatäre Männer beschränkte Priesterauswahl den Gottesdienst zu verweigern?“, fragt der Priester.

So sei die Arbeit des Freckenhorster Kreises natürlich nach 50 Jahren nicht beendet. Und es gebe wichtige aktuelle Themen – so den Umgang der Kirche mit Geld und den Missbrauchsskandal. Kerstiens: „Auch hier liegen die Ursachen in der gegenwärtigen Kirchenstruktur – mit der Überhöhung des Priesteramtes, mit den Hierarchien und der Ansicht, dass die Kirche nicht beschmutzt werden darf.“

Verunsicherung in der Bischofskonferenz?

Für Kerstiens, der wegen seiner nicht-konformen Haltung und Handlungen häufiger in heftigem Streit mit offiziellen Kirchenkreisen lag, ist bei der Institution Kirche weiter vieles im Argen. Erfolgreicher beurteilt er die Arbeit des Freckenhorster Kreises bei einzelnen Menschen und Gemeinden: „Ich denke, wir haben bei vielen zu einem freieren Glauben beigetragen, zu mehr Selbstständigkeit gegenüber hierarchischen Strukturen, auch zum Abbau von konfessionellen Grenzen. Eine Folge des freieren Glaubens ist, dass mehr Menschen zu eigenen Gottesdienstformen finden, auch zu Eucharistiefeiern ohne Priester. Das liegt auch an der Enttäuschung über das häufig läppische und antiquierte Gottesdienst-Angebot mit ritueller Sprache.“

"Reform: wo und wie?"

Zum 50-jährigen Bestehen veranstaltet der Freckenhorster Kreis einen öffentlichen Impulsabend angesichts der aktuellen kirchlichen Situation, Titel: „Kirche in der Krise – Reform: wo und wie?“ -Die Veranstaltung findet am Donnerstag, 11. April, in der Aula der Münsteraner Studierendengemeinde, Frauenstr. 3-6, statt. Ab 18 Uhr gibt es Möglichkeit zum Austausch, um 19.30 Uhr hält Prof. Dr. Hubert Wolf das Impulsreferat. -Um 20 Uhr beginnt die Diskussion mit Podium. Für das Podium haben ihre Teilnahme zugesagt: Andreas Dieckmann (Pfarrer), Dr. Christiane Florin (Journalistin), Cilli Scholten (Psychologin und Theologin), Till Thieme (Student), Christian Weisner („Wir sind Kirche“) und Prof. Dr. Hubert Wolf. Moderator ist Ludger Funke vom Freckenhorster Kreis.

Aktuell sieht Kerstiens durch den Missbrauchsskandal eine Verunsicherung in der Deutschen Bischofskonferenz – und dadurch auch die Möglichkeit, offen über ein neues Verständnis von Kirche zu diskutieren. „Aber warum musste es erst den Missbrauchs-Skandal geben, damit sich die Bischofskonferenz vorsichtig mit Fragen wie Klerikalismus und Hierarchie beschäftigt – Fragen, die wir schon vor 50 Jahren gestellt haben?“

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