Interview mit Opern-Regisseurin

"Ich habe das Gefühl, dass man sich als Frau mehr beweisen muss"

Dortmund - Tina Lanik führt Regie bei der Dortmunder Inszenierung von "Eugen Onegin", ihre "La Traviata" 2015 wurde von der Kritik hoch gelobt. Sie inszeniert an Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Im Interview spricht sie über ihren Blick aufs männergeprägte Theater.

Fühlen Sie sich als Teil einer Minderheit?

Naja, Theater und Oper sind absurderweise extrem hierarchische Betriebe, und an den meisten Stellen sind immer noch sehr viele Männer...

...wie in Dortmund auch, mit fünf männlichen Spartenleitern und einem männlichen Theaterdirektor...

...genau, wie hier. Es gibt ein paar Intendantinnen, aber die kann man an einer Hand abzählen.

Und Opernregisseurinnen?

Im Vergleich zu der Zeit vor 20 Jahren, als ich angefangen habe, gibt es schon viel mehr, aber natürlich ist das noch lange nicht fünfzig fünfzig. Und wenn man sich die Spielpläne von großen Häusern anschaut, dann sieht man, wenn es gut läuft, drei Regisseurinnen bei insgesamt 18 Produktionen. Und es geht ja nicht nur darum, wie viele es gibt, sondern auch darum, wie viele Frauen wirklich Leitungspositionen innehaben. Dahin müsste es eigentlich kommen, aber man kann es natürlich nicht erzwingen.

Eine Quote wäre also Quatsch?

Ich glaube, dass das nicht funktioniert. Zuerst mal hängt es von der Qualität ab, nicht vom Geschlecht, und das ist ja auch richtig so. Und bei öffentlichen Ausschreibungen auf einen Intendantenposten beispielsweise steht ja dabei, dass Frauen bevorzugt werden. Es gibt natürlich im Theater eine Ebene, wo besonders viele Frauen arbeiten, Betriebsbüro, Kostümwerkstätten etc. Aber es ist ein schwieriges Thema, und man muss leider sagen, dass es auch an den Frauen hängt.

Inwiefern?

Na ja, ich habe schon oft das Gefühl, dass viele nicht bereit sind Verantwortung zu übernehmen oder Kinder, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, und das ist - also, ich habe selber zwei Kinder - in diesem Beruf nicht so einfach. Weil es sehr, sehr schwer zu organisieren ist. Man ist viel auf Reisen, die Arbeitszeiten im Theater sind nicht sehr familienfreundlich. Meine ältere Tochter ist letztes Jahr in die Schule gekommen, jetzt wird es noch schwieriger, weil man nicht mehr so flexibel ist.

Erziehen Sie Ihre Kinder alleine?

Nein, aber mein Mann arbeitet auch am Theater und ist auch viel unterwegs und hat die gleichen Arbeitszeiten. Aber klar ist das unfair, dass Frauen immer noch vor die Wahl gestellt werden. Männer haben meistens eine Frau zu Hause, die sich um alles kümmert.

Werden Sie öfter als Ihr Mann gefragt, ob Sie Kinder haben?

Nö. Das spielt nie eine Rolle. Das ist nicht relevant für ein Engagement, und das ist ja auch ok so.

Wie wirkt es sich aus, dass das Theater eine männerdominierte Szene ist?

Ich habe immer noch das Gefühl, dass man sich als Frau mehr beweisen muss als ein Mann.

Müssen Sie besser sein?

Vielleicht nicht besser, aber es ist schon so, dass der Druck größer ist. Und das empfinde ich schon als ziemlich anstrengend, weil, ich meine, ich mache das jetzt seit 20 Jahren. Man hat dann schon oft mit Männern zu tun, die so ein Platzhirschdenken haben, und ich bin mir ziemlich sicher, dass das einem Mann umgekehrt nicht passiert.

Sind die Leute überrascht, dass Sie gut sind, obwohl Sie eine Frau sind?

Nein. Aber diese Beweislast, also dass man immer wieder unter Beweis stellen muss, dass man in der Lage ist so einen großen Apparat zu bedienen, es spricht niemand aus, aber ich merke das.

Offenbar traut man Ihnen weniger zu als einem Mann.

Es gibt ja diesen schönen Satz von der gläsernen Decke, die man nicht sieht, aber immer spürt. Und das ist tatsächlich anders, wenn ich an Theatern arbeite, wo Frauen in der Leitung sind. Ich hab gerade in Zürich gearbeitet, bei Barbara Frey und letztes Jahr im Burgtheater bei Karin Bergmann. Da ist ein anderer Umgang.

Auch unter den anderen Mitarbeitern des Hauses?

Das kann ich nicht sagen, ich bin ja immer nur sechs oder sieben Wochen da. Aber ich glaube schon, dass Frauen generell einen anderen Führungsstil haben. Ich erlebe das beim Arbeiten ganz konkret, dass es den Frauen viel mehr um die Sache geht und nicht um ihr Ego. Es ist immer sehr uneitel zwischen Frauen, so habe ich das auch bei Amelie Niermeyer erlebt, als die noch in Düsseldorf war [bis 2011 war Niermeyer Generalintendantin am Düsseldorfer Schauspielhaus, Anm. d. Red.]. Das ist natürlich auch erschreckend, dass ich in 20 Jahren auf gerade mal drei Intendantinnen komme, und ich habe schon an sehr, sehr vielen Häusern gearbeitet. Und es ist nicht so, dass die nicht auch tough sind. Der Umgang ist anders.

Effizienter?

Ja. Obwohl es natürlich auch viele männliche Kollegen gibt, die effizient sind. Und die jüngere Generation, wie hier mit Jens-Daniel [Herzog, Opernintendant, Anm. d. Red], sind sowieso noch mal was anderes.

Viele Künstler sagen, dass das Miteinander in den vergangenen Jahrzehnten kollegialer geworden sei. Es gibt offenbar weniger Leute, die nur aufbrausen um des Aufbrausens willen.

Ja, das stimmt. Wobei das schon immer noch ziemlich gängig ist am Theater, dass Menschen rumbrüllen und andere niedermachen.

Haben Sie mal rumgebrüllt?

Ja, habe ich auch. Aber es dauert schon ziemlich lange, bis ich brülle, und wenn ich brülle, dann ist tatsächlich Feuer am Dach. Aber ich versuche es zu vermeiden, weil ich ja auch nichts davon habe. Bei Männern ist das dann oft eine Machtgeste.

Im Umgang mit Ihnen oder generell?

Auch untereinander. Es gibt ja auch so eine merkwürdige Dynamik, wenn mehrere solcher Alphamännchen auf einem Haufen hocken und sich gegenseitig hochpushen, das ist schon ganz interessant.

Ist das ein Problem?

Ach, es nervt. Es macht die Kommunikation mühsam, außerdem ist es so durchschaubar.

Obwohl es eigentlich zum Klischee der Frau gehört, ihr Ego vor sich herzutragen.

Das habe ich aber tatsächlich noch nie erlebt, weder bei anderen Regisseurinnen, noch bei Schauspielerinnen oder Sängerinnen. Ich habe das Gefühl, Frauen sind fünfmal so diszipliniert, eben auch, weil sie keinen Fehler machen wollen. Stutenbissigkeit, so etwas habe ich im Theater noch nie erlebt.

Also: Frauen sind effizienter, weniger eitel und ergebnisorientierter.

Ja, lustig, ich habe kürzlich von einer Schulstudie gelesen, dass Mädchen in einer Mädchengruppe Aufgaben besser lösen können als Jungs in einer Jungengruppe.

Kurz gesagt: Frauen sind die besseren Menschen. Zumindest die besseren Künstler.

Nein, natürlich nicht. Ich kämpfe nicht gegen die Männer, sondern gegen diese eingefahrenen Rollenverteilungen. Ich möchte nicht der bessere Mann sein müssen. Ich hoffe, dass in den nächsten Jahren mehr Frauen in Leitungspositionen kommen. Dann wird sich viel ändern, und ich glaube, dass das auch notwendig ist. Diese Fixierung des ganzen Hauses auf eine Person, den Intendanten hin, wird ja sowieso stark diskutiert.

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