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Der Euro kennt derzeit nur eine Richtung: nach unten. Der Kurs ist auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2006 gesunken.

Interview mit Prof. Bontrup

Die Gründe zur Talfahrt des Euro

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REGION - Der Euro kennt derzeit nur eine Richtung: nach unten. die Lage in Griechenland und die Geldpolitik der EZB haben die Gemeinschaftswährung auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2006 sinken lassen. Fluch oder Segen? Wir sprachen über die Euro-Talfahrt mit Prof. Dr. Heinz-Josef Bontrup, renommierter Wirtschaftswissenschaftler an der Westfälischen Hochschule in Recklinghausen.

Ist der niedrige Eurokurs für die deutsche Volkswirtschaft positiv oder negativ?

Bontrup: Beides. Ein niedriger Eurokurs ist zunächst einmal positiv für die Exportwirtschaft, weil deutsche Waren, etwa Autos und Maschinen, preiswerter angeboten werden können. Das kurbelt die Umsätze an und sichert Arbeitsplätze. Was den BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie) freut, ist aber zugleich ein gravierendes Manko.

Was bedeutet es denn, wenn die deutschen Exporte weiter zulegen?

Bontrup:Deutschland ist jetzt schon Exportweltmeister. Unsere Leistungsbilanzüberschüsse sind aber nichts anderes als die Defizite der anderen. Und genau dieses Ungleichgewicht ist ja die eigentliche Ursache für die Krise in Europa. Wenn das Defizit der Schuldnerländer wächst, wachsen auch ihre Staatsschulden. Diese Länder können ihre Schulden dann nur noch bedienen, wenn sie teure Kredite aufnehmen. Das führt immer zu Einsparungen an anderer Stelle, was wiederum die Wirtschaft abwürgt – ist also unterm Strich kontraproduktiv.

Erleben wir gerade eine neue Eurokrise?

Bontrup:Es gibt keine Eurokrise. Der Euro ist stabil und im Großen und Ganzen fair bewertet. Was wir in Europa erleben, ist eine realwirtschaftliche Krise mit enormen sozialen und ökonomischen Verwerfungen. Da muss die Politik umsteuern.

Was bedeutet ein niedriger Eurokurs für die deutschen Verbraucher?

Bontrup:Die Ölrechnung steigt. Benzin und Heizöl werden teurer, weil Erdöl ja in US-Dollar gehandelt wird. Das dürfte aber zu verkraften sein, weil der Ölpreis wegen der Überproduktion derzeit auf einem historisch niedrigen Niveau notiert. Zu einem ernsten Problem an den Zapfsäulen würde dies erst führen, wenn parallel das Rohöl auf den internationalen Märkten drastisch teurer wird. Das ist im Moment aber nicht zu erwarten.

Athen soll weiter sparen

Die Bundesregierung pocht gegenüber Athen auf Erfüllung der Spar- und Reformzusagen. Gleichzeitig weist sie den Vorwurf zurück, sich in den Wahlkampf in Griechenland einzumischen.

- Drei Wochen vor den Parlamentswahlen sagte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), man erwarte von der griechischen Regierung – „egal wer sie stellt – dass die mit der EU getroffenen Vereinbarungen eingehalten werden“.

- Gabriel sagte: „Ziel der gesamten Bundesregierung, der EU und der Regierung in Athen selbst ist es, Griechenland in der Eurozone zu halten.“ Er versicherte: „Es gab und gibt keine gegenteiligen Pläne.“

- Die Eurozone sei heute wesentlich stabiler und widerstandsfähiger als noch vor einigen Jahren. „Deshalb sind wir übrigens auch nicht erpressbar“, betonte er in Richtung Athen.

- Gestern fiel der Kurs der Gemeinschaftswährung bis auf 1,1864 Dollar – der tiefste Stand seit März 2006. Noch im Mai 2014 rangierte er bei 1,40 Dollar. Auch der DAX brach ein.

Bontrup:Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Athen aus dem Euro aussteigt. Das wäre ökonomisch völlig irrational, denn dann müsste das Land seine Schulden mit einer schwachen Währung, der Drachme, bezahlen. Das wäre wirtschaftlich das Ende. Aber selbst wenn es zum sogenannten Grexit kommen sollte, wäre das für den Euro-raum keine Katastrophe, dazu fehlt Griechenland einfach das Potenzial. Ich bin aber zutiefst davon überzeugt, dass es so weit nicht kommen wird – egal, wie die Wahlen in Griechenland ausgehen.

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