Interview mit Schauspieler

Andreas Beck: "Ein paar rosa Elefanten verstecken"

Dortmund - Auf der Bühne ist Andreas Beck extrem wandelbar und hinterlässt bei den Zuschauern bleibende Eindrücke, dreimal bekam er in den sechs Spielzeiten den Publikumspreis des Theaters Dortmund. Im Interview spricht der Schauspieler über erfrischende Hasstiraden im Stück "Der Theatermacher" und über das gemeinsame Atmen mit dem Publikum.

2017 liegt so gut wie hinter uns. Sind Sie ein Mensch für Rückblicke?

Also eigentlich schaue ich immer lieber nach vorn als zurück. Getreu dem Motto: Wenn ich was bereue, bereue ich nur, was ich noch nicht getan habe.

Woher stammt dieser Satz?

Der ist aus dem Puhdys-Song "Wenn Träume sterben", aus den 70ern. Da heißt es weiter: "Wenn Träume sterben, dann wirst Du alt. Du bist ein Mensch zwischen toten Dingen und bist allein." Das hatte ich sogar mal irgendwo über dem Bett hängen. Aber natürlich schaut man auch zurück, und je älter man wird, desto lieber schaut man zurück.

Was war denn schön?

Zum Beispiel, dass ich erfahren habe, dass ich den Theatermacher spielen kann von Thomas Bernhard, das war schön. Und zu sehen, dass es meinen Kindern und meiner Frau gut geht und auch die Freude, wieder zurück ins Schauspielhaus zu kommen, die war ganz groß.

Der Theatermacher - können Sie sich für solche Rollen bewerben oder werden die einfach verteilt?

Man kann immer Interesse bekunden, aber was dann rauskommt, ist eine andere Sache. Aber ich gehe davon aus, dass die Dramaturgen und Regisseure, wenn sie ein Stück auf den Spielplan nehmen, auch die dazugehörigen Schauspieler schon im Hinterkopf haben.

Was interessiert Sie an der Rolle?

Ich bin vielleicht nicht so alt wie der Theatermacher, wie der Bernhard ihn sich gedacht hat, aber ich bin schon sehr lange im Beruf. Genaugenommen schlage ich mich mit dem Theater herum seit dem fünften Lebensjahr, als ich im Kinderballett angefangen habe. Ich bin fast 50 Jahre am Theater, und daher ist mir dieser Betrieb sehr vertraut und ich kann diese Figur in vielem nachvollziehen.

Und ich finde dieses Anliegen von dem Theatermacher sehr interessant und dieser Drang zur Perfektion, der da drinsteckt. Aber auch ganz allgemein, das Stück, die Sprache, ich halte Thomas Bernhard für einen der besten Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Und bis jetzt hatte ich noch nie das Glück, einen Text von ihm zu spielen. Das ist natürlich großartig.

Mit dem Solostück "Die schwarze Flotte" waren Sie in Berlin. Wie war?s?

Na, wenn schon Provinz, dann wenigstens Berlin. Und es ist natürlich der Traum eines jeden Schauspielers, irgendwann mal auf einer Berliner Bühne zu stehen, und das im guten, alten, ehrwürdigen Berliner Ensemble, das war schon toll.

Sie sagten mal, dass es an einem guten Abend zwischen Schauspielern und Publikum einen gemeinsamen Atem gibt.

Ja, und das spürt man. Das spürt genau so das Publikum und merkt, ob man als Akteur auf der Bühne für das Publikum da ist, etwas erreichen will, und genau so spürt man es auf der Bühne, ob man das Publikum in seinen Bann gezogen hat. Und deswegen denke ich, dass es immer Theater geben wird, weil dieses Live-Erlebnis von Publikum und Schauspieler immer eine Faszination haben wird. Darum geht es auch im Theatermacher, wo viel darüber geredet wird, dass es kaum etwas Verlogeneres gibt als das Theater, und trotzdem liebt man es so. Das ist eine Verabredung, wo alle wissen, es ist Theater, und trotzdem lässt man sich fallen und will richtige Gefühle sehen und lachen und weinen können.

Wie war dieses Atmen mit dem Publikum bei der Premiere von "Übergewicht, unwichtig: Unform" am vergangenen Sonntag?

Sehr gut. Wir hatten zum ersten Mal richtiges Publikum drin - sonst haben wir bei den Proben oft schon vorher mal ein Testpublikum. Und der Raum wurde ein ganz anderer als bei den Proben. Wenn dann etwas Fremdes dazukommt, das einem während des Abends so vertraut wird, entsteht ein viel größerer Raum, weil man mit einem Mal spürt, dass das auch dazugehört, das Publikum. Und das ist bei dem Abend extrem wichtig. Dass Reaktionen kommen, dass gelacht wird, dass man merkt, dass die Leute auch mal die Zähne zusammenbeißen und denken "Oh Gott!"

In diesem Stück gibt es viele Dinge, die die Zuschauer ganz unmittelbar, körperlich, treffen. Ekelerregende Szenen. Ist die Beziehung zum Publikum dadurch anders?

Die Abhängigkeit ist eine andere. Die Verbindung ist im besten Fall immer sehr intensiv, aber man ist abhängiger von dem Partner Publikum. Wenn man bei so einem Stück gar keine Reaktionen hätte, wenn niemand lachen würde und niemandem das Lachen gefrieren würde, das wäre katastrophal. Aber auch bei diesem Abend ist allen immer bewusst: Es ist Theater. Es wird mit Fleischtomaten rumgesaut und man sieht, dass es Tomaten sind. Es gibt Gerippe wie aus der Geisterbahn, und man sieht, wie der Kollege sich das Brot erst in den Mund stopft, um es dann auszukotzen.

Ja, aber wenn jemand überzeugend so tut, als würde er sich übergeben, dann spüre ich selbst ein bisschen Übelkeit.

Solche Dinge machen es fast leichter, den Zuschauer zu erreichen. Da gibt es dann Leute, die das anekelt und ihren Freunden sagen: Schau dir das bloß nicht an. Und andere Leute, die sagen: Boah, geil, die lecken da Füße.

So wie es bei "Häuptling Abendwind" war, das Stück mit der Punkband Die Kassierer, bei dem Sie Regie geführt haben. Da saßen im Publikum viele Menschen, die gerade wegen der Dinge gekommen sind, die andere vielleicht eklig finden. Im Frühjahr führen Sie wieder Regie bei einem Stück mit den Kassierern, "Die drei von der Punkstelle". Haben Sie ein Faible für Stücke, in denen es dreckig zugeht?

Nein. Ich habe keine besondere Vorliebe für Körperflüssigkeiten, und schon gar nicht auf der Bühne. Aber wenn man ein Stück mit den Kassierern macht, dann macht man es natürlich erst mal für die Fans von den Kassierern. Und trotzdem hat man die Chance, bei so einem Abend ein paar rosa Elefanten zu verstecken. Das ist genau die Aufgabe. Ich arbeite gern mit den Kassierern zusammen, aber es ist nur eine Facette, ein Interesse unter vielen. Und ich spiele ja viele unterschiedliche Figuren - zumindest hoffe ich, dass es unterschiedliche Figuren sind - und andererseits sind sie alle ein Teil von mir, das ist ja das Verrückte dabei.

Es heißt ja, dass man eine Figur nur zum Leben erwecken kann, wenn man sie aus sich selbst heraus erschafft, von sich etwas hineingibt.

Man hat das in der Tat in sich, und das ist ja ein großer Vorteil dieses Berufes, dass man sich viel Geld für Therapeuten spart, weil man so vieles ausleben kann. In welchem anderen Beruf kann man schon sich ständig neu verlieben, irgendwelche Leute umbringen oder auch die Sau rauslassen? Das ist so erfrischend beim Theatermacher, wo wir heute über political correctness und sexuelle Belästigung reden, es ist sehr schön, einfach von der Leber weg diese ganzen Hasstiraden und dieses Schimpfen loszulassen.

Ja, Schauspieler können so viel ausleben - das ist schön für Sie als Schauspieler, aber glauben Sie, dass auch die Zuschauer was davon haben?

Ich glaube schon. Das hat was mit dem zusammen Atmen zu tun, man geht zusammen zwei oder drei Stunden seines Lebens, und als Zuschauer fühlt man ja im besten Fall mit den Figuren auf der Bühne mit. Es wird ganz oft gefragt hinterher: Was soll mir dieser Abend jetzt sagen? Was ist die Botschaft? Und das finde ich gar nicht so wichtig. Ich finde: Wichtig ist auf dem Platz. Und was da passiert. Genau so, wie ich es höchst unsinnig finde und auch nicht gucke, irgendwelche Diskussionen über die Bundesligaspiele vom Wochenende. Wenn ich Skat spiele, will ich Skat spielen und nicht darüber diskutieren.

Das hat auch was mit dem Spruch vom Bereuen zu tun. Und genau so ist es im Theater: Wenn ich zwei Stunden nur Spaß habe, zusammen, dann ist das viel wert. Und wenn man vielleicht mal anfängt, über etwas nachzudenken, oder wenn man zusammen mal zwei Stunden lang Dampf ablassen kann, dann ist das auch viel wert. Woody Allen hat mal gesagt: Wenn man Botschaften übermitteln will, soll man zur Post gehen.

In der Bildenden Kunst haben auch viele Menschen den Wunsch, ein Kunstwerk zu verstehen. Den in ihm vermuteten Code zu knacken. Möglicherweise aus dem Bedürfnis heraus, es dann abhaken zu können. Aber dieses Abhaken wäre das Gegenteil von drüber nachdenken. Und das wäre schade, oder?

Eben. Es geht um das Erleben. Das macht was mit einem. Lachen ist gesund, das sagt man nicht ohne Grund. Die Aufgabe vom Theater ist nicht, finde ich, im Lessingschen Sinne ein Institut für Bildung zu sein. Die Hauptaufgabe ist, finde ich, Entertainment. Unterhaltung, aber kluge Unterhaltung. Eine gemeinsame Erfahrung, ein Erlebnis.

Sie sind mit Kay Voges ans Schauspiel Dortmund gekommen, seit sieben Jahren arbeiten Sie hier. Es ist auffällig, dass die Kritiken hin und wieder ein Stück verrissen haben, das Ensemble aber auch dann fast immer gelobt wurde. Die Kritik richtete sich meist nur gegen die Regie.

Also, ich muss da mal eine große Lanze für meine Regiekollegen brechen. Das ist völliger Unsinn. Schauspieler können auf der Bühne nur gut sein, wenn auch die Regie gut ist. Weil die Aufgabe des Regisseurs auch in der Motivation besteht und in der Spielleitung. Der Regisseur leitet das Spiel der Schauspieler an. Ich habe das auch schon oft gehört, dieses: Die Schauspieler waren gut, aber die Regie war schlecht. - Das geht nicht.

Wenn die Schauspieler gut sind, hat der Regisseur das ermöglicht. Aber was die Kritiken angeht, und auch die Zuschauer: Was bei jedem einzelnen entsteht, ist eh nicht steuerbar. Einerseits ist es ein gemeinsames Erleben, andererseits, wenn 500 Leute im Publikum sitzen, sehen 500 Leute 500 verschiedene Abende. Und das ist auch legitim, das ist nun mal so im Theater.

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