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Die Ernte in der Region hat insgesamt gute Erträge erbracht. Foto: dpa

150 Jahre Landwirtschaftlicher Kreisverband

Die Zukunft der Landwirte liegt vor dem Hoftor

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KREIS RECKLINGHAUSEN - Viele Verbraucher wollen regionale Produkte. Für die Bauern im Vest ist das ein Trumpf im Strukturwandel.

Um das Jahr 1900 produzierte ein Landwirt Nahrungsmittel für etwa vier Personen. Heute ernährt er 145 Menschen. Technische und Zuchtfortschritte haben zu dieser Produktivitätssteigerung geführt. Der Vergleich macht deutlich, dass die Landwirtschaft einem ständigen Wandel unterliegt – auch heute noch und ebenfalls im Kreis Recklinghausen, wo der Landwirtschaftliche Kreisverband in diesen Tagen sein 150. Jubiläum feiert. 966 landwirtschaftliche Betriebe im Kreis RE sowie den kreisfreien Städten Bottrop und Gelsenkirchen sind dem Kreisverband angeschlossen, der seinen Sitz im Breukerhaus in Recklinghausen hat. Der Verband vertritt die Interessen der Landwirte gegenüber der Politik, vor allem aber auch gegenüber der Industrie, erläutert Geschäftsführer Wolfgang König.

Denn Landwirtschaft und Industrie sind im nördlichen Ruhrgebiet Konkurrenten, wenn es um Flächen geht. Das war in den Hochzeiten des Bergbaus so und gilt auch für aktuelle Projekte. Das in Datteln geplante Industriegebiet newPark zum Beispiel soll auf landwirtschaftlich genutztem Grund und Boden realisiert werden.

Agrarland wird knapper und teurer, sagt Wolfgang König. In den letzten 20 Jahren sind mehr als 23 Quadratkilometer Ackerflächen und Grünland im Kreis RE verschwunden. Das entspricht der Größe der halben Stadt Waltrop. Landwirtschaftliche Flächen gehen für den Bau von Straßen und Wohnsiedlungen verloren, aber auch durch Aufforstungen im Zuge von Ausgleichsmaßnahmen nach Eingriffen in die Natur. Die Preise für landwirtschaftliche Grundstücke im Kreis RE sind zudem seit 2012 um rund 30 Prozent gestiegen. „Agrarland wird zunehmend zum Spekulationsobjekt“, betont König. „Die steigenden Pachtpreise sind für die Landwirte ein echtes Problem.“

Seit Anfang dieses Jahrhunderts sind im Kreis Recklinghausen mehr als 300 Bauernhöfe von der Bildfläche verschwunden. Dem Verbraucher ist daraus jedoch kein Mangel an regional produzierten Lebensmitteln entstanden. Denn die Einheiten werden immer größer – sowohl was die Fläche, als auch die Zahl der Tiere angeht. „Betriebe benötigen eine bestimmte Größe, um heute überhaupt noch am Markt bestehen zu können“, sagt Kreisverbandsvorsitzender Friedrich Steinmann. Und Geschäftsführer Wolfgang König findet, dass die Landwirtschaft im Vest den Strukturwandel besser gemeistert hat als der Berufsstand in anderen Regionen. Dabei helfen zum einen unternehmerische Ideen, zum anderen aber auch die Nähe zum Verbraucher. Die Direktvermarktung landwirtschaftlicher Produkte ist für zahlreiche Betriebe längst zu einem wichtigen Standbein geworden.

Weniger als zwei Prozent der erwerbstätigen Deutschen arbeiten heute noch in landwirtschaftlichen Berufen; nach dem Zweiten Weltkrieg waren es immerhin noch 25 Prozent. Auch das ist ein Grund dafür, dass die Prozesse der landwirtschaftlichen Produktion den meisten Menschen fremd sind. König ist dennoch überzeugt davon, dass für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung der Bauernhof ein Stück „heile Welt“ darstellt und der Landwirt ein hohes Ansehen besitzt.

Berufsstand wirbt um Akzeptanz

Auf der anderen Seite erfährt die Landwirtschaft Anfeindungen von Tier- und Umweltschützern. Massentierhaltung oder Grundwasserbelastung sind Stichworte, mit denen der Berufsstand konfrontiert wird. Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) hat vor diesem Hintergrund die „Offensive Nachhaltigkeit“ gestartet. Bis spätestens 2030 sollen umstrittene Praktiken der Tierhaltung abgeschafft werden. Dazu gehören Schwanzkürzungen bei Schweinen, die Schlachtung trächtiger Rinder und die Tötung männlicher Eintagsküken. Im Ackerbau soll der Einsatz von Dünger so erfolgen, dass Grund- und Oberflächenwasser chemisch und biologisch intakt bleiben. Kreisverbandschef Friedrich Steinmann gehört zu den Unterstützern der Initiative: „Wir müssen uns verändern, weil wir die Akzeptanz in Teilen der Gesellschaft für die moderne Landwirtschaft verloren haben“, sagt er.

Der Landwirtschaftliche Kreisverband betont allerdings, dass gerade der technische Fortschritt dazu dient, umweltgerecht und tierschutzgerecht zu produzieren. Wolfgang König nennt als Beispiel einen Stall-Neubau. Dass dort eine größere Zahl an Tieren untergebracht wird, erregt den Argwohn der Kritiker. Tatsache sei aber, dass dort jedes einzelne Tier mehr Platz und Komfort habe und dass moderne Filtertechnik zu einer Entlastung der Umwelt führe.

966 Betriebe im Vest

Der Landwirtschaftliche Kreisverband Recklinghausen umfasst das Gebiet des Kreises Recklinghausen sowie die kreisfreien Städte Bottrop und Gelsenkirchen. Der Verband zählt 1195 Mitglieder mit 966 landwirtschaftlichen Betrieben.

Ein Drittel der Gesamtfläche des Kreises RE sowie Bottrops und Gelsenkirchens wird landwirtschaftlich genutzt. Das entspricht insgesamt knapp 30.000 Hektar.

Der Ackerbau dient im Vest in erster Linie dem Anbau von Futtermitteln. Denn Schweinemast, Ferkelzucht und Bullenmast sind in dieser Region besonders stark vertreten.

Auf dem Ackerland werden insbesondere Weizen, Roggen, Gerste und Mais angebaut. Auch der Anbau von Kräutern, Kartoffeln, Gemüse und Sonderkulturen wie Spargel und Erdbeeren spielt für die hiesige Landwirtschaft eine wichtige Rolle.

Von den insgesamt knapp 400.000 Erwerbstätigen im Kreis Recklinghausen und den kreisfreien Städten Bottrop und Gelsenkirchen sind 2300 Arbeitnehmer im Bereich der Land- und Forstwirtschaft beschäftigt. Das sind knapp 0,6 Prozent.

Die Landwirtschaft im Vest hat nach Königs Einschätzung gute Perspektiven. „Immer mehr Menschen legen Wert auf regionale Produkte und fragen sich, wo die Lebensmittel herkommen“, erläutert der Verbandsgeschäftsführer. Auch Discounter und Supermärkte hätten darauf reagiert und böten zunehmend regionale Produkte an. „Wenn sich dieser Trend festigt, ist keine Region so gut aufgestellt wie wir“, betont König.

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