Mit 13 Jahren Luftschutzmelder

"Stellen Sie sich mal 200 Kondensstreifen vor"

Dortmund - Klaus Gerlach, 1931 geboren. Kam im Mai 1945 nach abenteuerlicher Flucht zurück nach Dortmund.

Ich bin während des Krieges nicht in Dortmund gewesen, aber nach einer abenteuerlichen Flucht aus der Gegend von Brandenburg an der Havel, 80 Kilometer westlich von Berlin, bin ich im Mai 1945 wieder nach Dortmund gekommen.

Alles, was neu in die Luft kam, wurde hier ausprobiert

Ich habe Dortmund erlebt, wie es kaputt war und wie es aufgebaut worden ist. In dieser Zeit habe ich gelernt, wie viel man zu Fuß gehen kann, wenn es sein muss.

Mein Vater war Major der Luftwaffe. Er flog kreuz und quer durch Europa. In Brandenburg an der Havel, wo wir während des Krieges gewohnt haben, war der Flugplatz eine Art Spezialflugplatz. Alles, was neu in die Luft kam, wurde bei uns ausprobiert.

Ein Anruf, dann ging es ins Rathaus

Die alliierten Bomber flogen immer über uns in Richtung Berlin. Sie können sich einen Kondensstreifen vorstellen. Aber stellen Sie sich mal 200 vor. Drumherum ein paar Jäger, untenrum schossen unsere Flaks. Die flogen nach Berlin und eine Stunde später kamen sie zurück.

Ich war als 13-Jähriger als Luftschutzmelder eingeteilt. Wenn die Bomber nachts nach Berlin flogen, klingelte bei uns das Telefon und ich musste raus. Dann bin ich bis zum Rathaus gegangen, um die Sirene zu betätigen. Dann durfte ich da warten, die Flieger kamen, flogen zurück. Dann musste ich wieder die Sirene betätigen und durfte wieder ins Bett.

Ein Bus voller Halbtoter

Ein Erlebnis verfolgt mich bis heute. Mittags klingelte bei uns das Telefon, ich sollte ins Rathaus kommen. Da standen zwei Omnibusse mit Jungs, die nicht wesentlich älter waren als ich. Die waren 16, 17 Jahre alt. Das waren die Reste der SS-Division Hitlerjugend. Die verrückten Offiziere haben die im März schwimmend über die Elbe geschickt. Die eine Hälfte ist ertrunken, die andere Hälfte saß in den Bussen. Bei Außentemperaturen von 10 Grad, klatschnass. Heizungen im Bus gab es damals nicht.

Zum Ende des Krieges hatte es sich rumgesprochen, dass die Russen dort, wo sie hinkamen, ziemlich bösartig gehaust haben. Mein Vater hat gesagt, das machen wir nicht mit. Er war ein Organisationstalent. Der Flugplatz lag so, dass die Maschinen, wenn sie starteten, über die Havel mussten. Und weil es viele Versuchsflugzeuge waren, sind einige in den Fluss gefallen.

Auf einmal waren die Entlassungspapiere da

An dieser Stelle hatten sie einen Bootshafen gebaut, wo zwei große Motorboote lagen, die die Leute aus dem Wasser holten. Als wir dann weg wollten, hat mein Vater einen Schleppkahn aufgetan. Einen 800-Tonner ohne Motor. Mein Vater hatte Entlassungspapiere - für sich und für acht Soldaten, die mit den Motorbooten dieses Schiff über den Mittellandkanal Richtung Elbe gezogen haben. Das hat tatsächlich funktioniert.

Irgendwo in der Gegend von Magdeburg hatte einer eine Brücke gesprengt. Da lagen 80, 90 Schiffe, die alle rüber wollten. Ein Leutnant sagte, dass die Brücke nicht repariert werden darf. Mein Vater hatte in der Nähe unseres Liegeplatzes seine Uniform sorgfältig in Cellophan eingepackt und vergraben. Dann hat er seine Majorsuniform mit Orden ausgegraben, angezogen und den Leutnant stramm stehen lassen. Die Skipper haben die Brückenreste weggeräumt. Und eineinhalb Tage später fuhr ein Schiff nach dem anderen Richtung Elbe.

Auf einem Lastwagen ging es zurück

Mein Vater hat nachher organisiert, dass wir auf der Ladefläche eines Lastwagens, der Zucker ins Ruhrgebiet transportierte, nach Dortmund gekommen sind. Dann war Gott sei Dank die Wohnung unserer Verwandten noch heile. Einige Familienmitglieder waren während der Flucht bei uns. Die waren vorher aus Dortmund wegen der Bomben abgehauen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Auf dem Weihnachtsmarkt in Marl-Polsum sind Staus normal und gemütlich
Auf dem Weihnachtsmarkt in Marl-Polsum sind Staus normal und gemütlich
Schwerer Unfall in Datteln: Mann wird aus Fahrzeug geschleudert und verstirbt
Schwerer Unfall in Datteln: Mann wird aus Fahrzeug geschleudert und verstirbt
Der "Süder Advent" - beliebt in Herten, einzigartig im Ruhrgebiet
Der "Süder Advent" - beliebt in Herten, einzigartig im Ruhrgebiet
"Olaf" lässt grüßen: Das ist der Sieger-Schneemann bei der Winterwelt am Rathaus Herten
"Olaf" lässt grüßen: Das ist der Sieger-Schneemann bei der Winterwelt am Rathaus Herten
Online-Voting: Wer sind die Sportler des Jahres 2019 im Kreis Recklinghausen?
Online-Voting: Wer sind die Sportler des Jahres 2019 im Kreis Recklinghausen?

Kommentare