Jahresbericht der Vogelkundler

Nachtigall droht in Dortmund zu verstummen

Dortmund - Das Rebhuhn ist schon weg. Im Ornithologischen Jahresbericht 2017 des Dortmunder Naturschutzbundes steht Erschreckendes. Es gibt aber auch manchen Hoffnungsschimmer, und darunter eine echte Sensation.

Für die örtlichen Naturschützer war es eine echte Sensation: Erstmals seit 1966 hat im letzten Jahr wieder die Uferschwalbe nachweislich in Dortmund gebrütet. In einem Erdwall am Regenrückhaltebecken Ellinghausen hat Dr. Erich Kretzschmar, Vogelexperte des Naturschutzbundes (Nabu) Dortmund, eine ganze Uferschwalben-Kolonie entdeckt

In dem Erdwall - ein Aushub aus dem Becken - haben die Vögel, die zu den Virtuosen des Kunstfliegens zählen, 26 Brutröhren angelegt. "Rund zehn Bruten waren wohl erfolgreich. Eine Reihe von Brutröhren wurde vermutlich von einem Fuchs ausgegraben", berichtet Kretzschmar. Dass überhaupt so viele junge Uferschwalben geschlüpft sind, sei auch der Emschergenossenschaft zu verdanken, die die Arbeiten während der Brutzeit im Bereich der Kolonie ruhen ließ.

Der Bestand der Uferschwalbe geht immer weiter zurück. Längst ist sie kein Uferbewohner mehr, sondern siedelt größtenteils in Abgrabungen, die künstlich angelegt wurden, wie der Erdwall am Regenrückhaltebecken zeigt.

Zwei Halsbandsittiche

Dass die Uferschwalbe wieder in Dortmund gebrütet hat, ist eine der eher wenigen positiven Nachrichten aus dem "Ornithologischen Jahresbericht 2017" des Nabu für Dortmund. Mindestens 195 Vogelarten wurden beobachtet, darunter auch entflogene Tiere wie zwei Halsbandsittiche und ein Wellensittich. Spitzenreiter unter den gemeldeten Arten war die Rabenkrähe (2555), Amsel (2527) und Ringeltaube (2506).

Der Bericht umfasst insgesamt 51000 Datensätze zu den hier beobachteten Vögeln. Ihre Auswertung dient nicht nur der wachsenden Zahl der Hobby-Ornithologen zur Einordnung der eigenen Beobachtungen. Vielmehr hat sie eine große Bedeutung für die Naturschutzarbeit.

Planungsrelevante Vogelarten

"Das gilt besonders für die sogenannten planungsrelevanten Vogelarten", sagt Erich Kretzschmar. Nicht nur diese, aber besonders viele dieser Vogelarten wie Schnatter- und Krickente, Rebhuhn, Kiebitz und Flussregenpfeifer, aber auch Rotmilan und Rohrweihe könnten bei der Aufstellung von Bebauungsplänen, bei der Waldbewirtschaftung und der Ausweisung von Naturschutzgebieten eine wichtige Rolle spielen. Aktuelle Beispiele sind die Sicherstellung des Pleckenbrinksees - ein Bergsenkungsgewässer - in Wickede, die Beurteilung und Bewertung des Hörder Phoenix-Sees sowie des Emscherumbaus aus Sicht des Naturschutzes.

Der Jahresbericht führt auch alle in Dortmund gesichteten Vögel auf, die auf der Roten Liste stehen - sowohl die Vögel, die hier brüten, als auch die, die auf dem Durchflug nur hier rasten. Dokumentiert werden darüber hinaus die aktuellen Entwicklungen bei häufigen Arten. Dazu zählen die geringen Meisenzahlen im Winter 2016/2017 und der wahrscheinlich durch das Usutu-Virus verursachte Rückgang der Amseln um fast die Hälfte des Bestands.

Brutkolonie der Kiebitze

Zu den positiven Nachrichten im Jahr 2017 gehört die von der Brutkolonie der Kiebitze mit mindestens acht Brutpaaren im Hochwasserrückhaltebecken Mengede/Ickern. Auch der Kolkrabe wird "verdächtigt", hier erstmals nach langer Zeit wieder gebrütet zu haben.

Dagegen spitzt sich die Lage der Vögel in der Feldflur weiter dramatisch zu. Rebhühner wurden im vergangenen Jahr nicht mehr gesehen. Die Art bleibt in Dortmund verschollen.

Kurz vor dem Erlöschen stehen die Brutpopulationen von Kiebitz (trotz der jüngsten Positivmeldung), Feldlerche und Wiesenpieper. Kretzschmar: "Die meisten Brutnachweise gelingen nur noch auf Halden und Brachen und beim Kiebitz im Hochwasserrückhaltebecken in Mengede.

Turteltaube verschollen

Ähnlich schlimm sieht es bei den sogenannten Fernziehern unter den Waldvögeln aus. Die Ursachen lägen hier wohl weniger in Dortmund als vielmehr auch in den Überwinterungs- und Durchzugsgebieten. Vor allem die Turteltaube war jetzt schon drei Jahre lang nicht mehr zu sehen. Auch der Bestand der Nachtigall liegt inzwischen im einstelligen Bereich und droht, bald ganz zu verstummen. Gleiches gilt für den Kleinspecht. "Selbst Weidenmeise, Birkenzeisig und Wacholderdrossel stehen als Brutvögel unmittelbar vor dem Verschwinden", beklagt Kretzschmar.

Früher waren viele der Dortmunder Kanadagänse (616 Sichtungen) wie auch die Graugänse (280 Sichtungen) beringt. Viele dieser Vögel seien bei "Gänsevernichtungsaktionen abgeschossen worden", glaubt Vogelexperte Kretzschmar. Nicht so Kanadagans XX8. Der 2017 gesichtete Vogel wurde 2005 im Rombergpark beringt und ist damit wohl die älteste beringte Dortmunder Gans.

Es gibt noch eine gute Nachricht: Der gute alte Spatz, der Haussperling, scheint lokal etwas häufiger zu werden. Darüber darf man sich zum Beispiel in Dorstfeld und in Lütgendortmund freuen.

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