Jüdisches Leben

Rabbiner Henry G. Brandt sieht Antisemitismus als "altes Phänomen in neuen Kleidern"

Dortmund - Er ist der wohl bekannteste jüdische Theologe in Deutschland. Jetzt kommt der frühere Landesrabbiner Henry G. Brandt zu einer Lesung zurück nach Dortmund - mit klaren Botschaften.

Fast zehn Jahre wirkte Henry G. Brandt als Landesrabbiner der jüdischen Gemeinden für Westfalen-Lippe in Dortmund. 2004 wechselte er nach Augsburg. Jetzt kehrt der inzwischen 90-Jährige, der auch Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferrenz Deutschlands ist, für eine Lesung nach Dortmund zurück. Oliver Volmerich sprach mit ihm.

Um Wunder geht es in Ihrem Buch, aus dem Sie am 5. September in Dortmund lesen. Es sind kleine Geschichte, die Grundlage für Predigten und Radioansprachen waren, die Sie seit inzwischen 60 Jahren halten. Sind es selbst erdachte Geschichten oder basieren sie auf einer Überlieferung?

Sie basieren auf Überlieferungen und gehörten und gelesenen Erzählungen aus allen möglichen Quellen. Es sind also eher Nacherzählungen als Originalgeschichten.

Eine der Geschichten erscheint mir für Ihr eigenes Leben von besonderer Symbolkraft. In "Der Bruder nebenan" geht es um die gute Nachbarschaft eines Juden und eines Christen. Die friedliche Nachbarschaft der Religionen ist Ihnen ein besonderes Anliegen.

Nicht nur, aber natürlich auch. Ich suche immer Themen, die zu dem, was ich vermitteln will, passen. Dazu gehören Toleranz, Nächstenliebe, Redlichkeit und Bescheidenheit. Dinge, die man Erwachsenen wie auch Kindern beibringen will. Das ist in Form von Geschichten manchmal überzeugender als eine gedrechselte Predigt.

Sie stehen für eine enge Zusammenarbeit mit den christlichen Kirchen, waren lange Jahre jüdischer Präsident der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit aktuell?

Es ist schwer, so einen komplexen Themenkreis mit wenigen Worten zu beurteilen. Wenn man es mit der etwas ferneren Vergangenheit vergleicht, haben wir natürlich eine enorme Verbesserung, besonders in unserem Kulturkreis.

Nach den letzten Verlautbarungen der Katholischen Kirche und der evangelischen Gliedkirchen ist eigentlich nichts, wie es früher einmal war. Es tauchen natürlich immer mal wieder konservative Bremser und einige, denen alles zu schnell geht, auf. Aber im Großen und Ganzen hat sich die Atmosphäre grundlegend geändert.

Aber Sie haben auch den interreligiösen Dialog mit Kontakten zu den Muslimen vorangetrieben, sind Träger des Muhammad-Nafi-Tschelebi-Friedenspreises zur Förderung des interreligiösen Dialogs. Wie ist das Verhältnis zu den Muslimen?

Man darf die beiden Dinge nicht in einen Korb schmeißen. Die Beziehungen und die Gespräche mit dem Islam sind noch auf einer viel früheren Ebene und bedeutend schwieriger als mit dem Christentum. Mit trialogisch habe ich etwas weniger im Sinn, denn die Gespräche müssen auf unterschiedlichen Ebenen geführt werden. Trotzdem ist es natürlich wichtig. Denn die neueren Erscheinungen des Antisemitismus sind ja auch geprägt von Vorurteilen und Ablehnungen von Juden und Israel durch Moslems.

Das hat dann also eher eine politische Dimension.

Natürlich. Das ist ein Gebräu. Da ist noch enorm viel Bedarf an Gesprächen und Änderungen von Grundhaltungen. Das ist dann wieder eine ganz andere Ebene. Und es hat sich gezeigt, dass man, wenn man das Dreiergespräch forciert, eher in Plattitüden und Oberflächlichkeiten landet, aber nicht bei der Substanz selbst.

Kommen wir mal zu Wundern im wahren Leben. Wenn man auf die jüdische Gemeinde hier in Dortmund blickt, bezeichnen es manche als Wunder, dass gleich nach dem Ende von Krieg und Holocaust im August 1945 eine jüdische Gemeinde wiedergegründet wurde. Sehen Sie das auch so?

In gewissem Sinn ist es schon ein Wunder. Denn wenn man das Ausmaß des Horrors - nicht nur des Holocaust, sondern auch des Krieges - vor Augen führt, ist schon die Rückkehr zur Normalität ein Wunder. Wenn man in einer Lebenszeit wie meiner den Aufbau und die Versöhnung erlebt hat, sagt das etwas über das Wunder Mensch.

Ob man das als Wunder bezeichnet, ist eine philosophische Diskussion. Vieles ist natürlich auch das Werk von Menschen, die von der Friedensidee und der Aussöhnung so überzeugt waren, dass sie sich mit Haut und Haar dafür eingesetzt haben. Das muss man ihnen auch zu Gute halten. Wunder entziehen sich unserer Planung. Es ist ja nicht so, dass wir als Menschen nur Zuschauer sind, wie Gott Wunder für uns getan hat und uns den Wohlstand und Frieden in Europa übergestülpt hat. Nein. Da haben viele Menschen dran gearbeitet, auch in den Religionsgemeinschaften.

Als weiteres Wunder kann man ansehen, dass die jüdische Gemeinde in Dortmund und anderswo in letzter Zeit so deutlich gewachsen ist. Hintergrund ist allerdings die Zuwanderung aus früheren Ländern der Sowjetunion, hinter der oft eine Flucht vor Antisemitismus ist. Aber auch hier ist ja leider von wachsendem Antisemitismus die Rede. Wie beurteilen Sie die Situation?

Es ist zum Teil das alte Phänomen in neuen Kleidern. Einiges ist dazu gekommen. Etwa politische Elemente wie die Vermischung von Israel und Judentum als Hintergrund von Antisemitismus und die mangelnde Fähigkeit von vielen, zwischen Politik und Religion zu unterscheiden. Es ist auch eingebettet in die gesellschaftlichen Spannungen, die im Moment in der Gesellschaft auftauchen. Das haben wir gerade in dieser Woche wieder erlebt.

Jetzt gibt es zwei mögliche Reaktionen: Rückzug aus der Öffentlichkeit oder Aufklärung und Offenheit. Seit einigen Jahren gibt es beispielsweise regelmäßig ein Chanukka-Fest der jüdischen Gemeinde am Phoenix-See. Ist das der richtige Weg?

Ich war nie für Rückzug und Isolation, sondern dafür, offensiv das Gespräch zu suchen. Sich in den Schmollwinkel zu setzen und nur nach der Polizei zu rufen, ist keine Antwort. Was möglich ist, um ein größeres Verständnis zwischen den Menschen zu schaffen und ins Gespräch zu kommen, muss ausgeschöpft werden bis an die Grenzen.

Welche Erinnerungen verbinden Sie besonders mit Dortmund?

Ich erachte diese Jahre als gute Jahre, war gerne in der Gemeinde und im Landesverband. Ich glaube, es ist uns damals gelungen, ein gutes Schiff zu steuern. Es wurden viele Kontakte geknüpft und in vielen Bereichen Fortschritte gemacht.Eine Besonderheit bei Ihrer Lesung ist, dass der Chor Bat Kol David auftritt, den Sie selbst in Ihrer Zeit als Landesrabbiner gegründet haben. Wie groß ist die Freude über ein Wiedersehen und Wiederhören?

Ja, da freue ich mich besonders drauf. Aber auch darauf, alte Vorstandsmitglieder wiederzusehen. Das sind noch alte Verbindungen und Freundschaften geblieben.

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