Käferbefall

Waldbesitzern droht Gefahr durch Borkenkäfer-Plage

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Kreis RE - Millionen Borkenkäfer hocken in den Startlöchern – das Wetter der nächsten Wochen ist entscheidend, wie dramatisch der Fichtenbefall wird.

Nicht nur Allergiker könnten zurzeit mit ein wenig Schmuddelwetter gut leben – auch Waldbesitzer hätten nichts einzuwenden. Denn nach dem stärksten Borkenkäfer-Befall der Nachkriegszeit im vergangenen Jahr haben viele Millionen Käfer im Boden oder hinter der Rinde von Fichten überwintert. Denen droht besondere Gefahr durch eine Borkenkäfer-Plage.

In Expertenrunden und an der Kettensäge herrscht Hochbetrieb, stoppen könnte den Großangriff am ehesten die Natur. Michael Blaschke, Sprecher des Landesbetriebes Wald und Holz, skizziert das Prinzip Hoffnung: „Wir wissen, es sind richtig, richtig viele Käfer da. Wenn das Wetter in den nächsten Wochen schmuddelig wird – knapp unter zehn Grad und feucht – sind das ideale Bedingungen für Pilze. Die würden dann die Käfer befallen und abtöten.“

Immerhin: Etwas günstiger als in anderen Regionen stellt sich die Situation im Kreis RE in Haard und Hoher Mark dar. Bewirtschaftet werden die Wälder in Regie des Regionalverbandes Ruhr (RVR) von dessen Eigenbetrieb Ruhr-Grün. Forstdirektor Kersten Blaschczok liefert Zahlen. „Der Fichten-Anteil in den 17.000 Hektar verbandseigener Wälder liegt bei etwa 4,1 Prozent. 2,5 Prozent sind es in der Haard, die Hohe Mark liegt mit 9,4 Prozent etwas höher.“

Fuhrkapazitäten sind knapp

„Unsere Wälder sind also nicht so betroffen wie andere, die einen Anteil von 30 Prozent oder mehr haben. Klar ist aber: Fichten, die hier bei uns stehen, haben es besonders schwer“, erläutert der Chef des Forsthofes Haard. Die Stürme Kyrill und Friederike haben Spuren hinterlassen, der Käferbefall von Sturmholz und die Dürre 2018 sowieso. Und grundsätzlich haben Fichten auf den trockenen Böden der Halterner Kreidesande einen buchstäblich schweren Stand.

Noch immer läuft die Sturm- und Käferholz-Aufarbeitung aus 2018. „Und was die Borkenkäfer-Population 2019 angeht, starten wir jetzt schon von einem viel höheren Niveau“, sagt Blaschczok. Notwendig sei eine saubere Waldwirtschaft, sonst drohe eine Katastrophe. Das Fällen betroffener Fichten gehört dazu – nur muss man die Mengen an Holz auch aus dem Wald bekommen. „Sämtliches brutfähiges Material müsste so schnell wie möglich abgefahren werden. Zurzeit haben wir aber knappe Fuhrkapazitäten, gerade bei Langholz. Und ab 16,5 Grad fliegen die Käfer“, berichtet Blaschczok. So müssen Notlösungen herhalten: Gelagertes Holz wird eingesprüht oder mit imprägnierten Netzen abgedeckt, um Befall abzuwehren.

Waldeigentümer – ob Land, kommunal, privat – geraten mehrfach unter Druck. Sie müssen Fichten als „Käferholz“ zu verfallenden Preisen verschleudern: Holz ist ein wertvolles Wirtschaftsgut, doch nachdem Anfang 2018 ein Festmeter Fichte-Stammholz 2b / Güteklasse B/C (gängig z.B. für Bauholz) bei 92,50 Euro lag, ist der Preis auf um die 46 Euro abgeschmiert. Zugleich müssten gefällte Bäume durch kostenintensive Neuanpflanzen ersetzt werden, in der Forstwirtschaft denkt man generationenübergreifend: Eine heute gepflanzte Fichte ist frühestens in 25 bis 30 Jahren erstmals und mit Einschränkungen nutzbar. Um als „richtiger“ Baum geerntet werden zu können, vergehen locker 80 Jahre. Bei der Buche sind es 140 Jahre, bei der Eiche 180…

Saftbahnen der Bäume werden gekappt

-Das Fraßbild an der Innenseite der Baumrinde inspirierte zur Namensgebung der bekanntesten Borkenkäfer-Arten: Die Rindenbrüter „Buchdrucker“ oder „Kupferstecher“ können ganze Wälder komplett zerstören. Besonders betroffen sind Fichten. Die Käfer bohren sich in die Bäume, paaren sich unter der Rinde. Das Weibchen legt Brutgänge an und bis zu 100 Eier pro Generation ab – drei sind bei guten Bedingungen in einem Sommer möglich. Ein befruchtetes Weibchen hat so am Ende bis zu 450 000 direkte und indirekte Nachkommen. -Die Tiere ernähren sich von Rindenfasern und durchtrennen so die Saftbahn des Baumes. Haben Käfer einen z.B. von Dürre geschwächten Baum gefunden, locken sie mit Duftstoffen ganze Heere an. Kennzeichen für einen Befall: Kleine braune Bohrmehlspuren am Stamm, Ausfall oder Verfärbung der Nadeln.

„Der Markt wird sich stabilisieren“, meint Blaschczok, „aber in vielleicht zehn Jahren fehlt den Sägewerken der Rohstoff Holz, der jetzt wegen Kyrill, Friederike und den Käfern ganz schnell aus dem Wald musste. Generell muss man sich die Frage stellen, welche Arten beim Anlegen neuer Baumgenerationen mit der Klimaveränderung zurechtkommen. Die Fichte jedenfalls gehört zu den Verlierern, Küstentanne oder Douglasie gelten als geeigneter.“

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