210 Kinder auf Warteliste

Kinder-Flut in Hohenbuschei bringt Kita und Eltern in Bedrängnis

BrackelDORTMUND - Auf der Warteliste der Kita Hohenbuschei in Brackel stehen 210 Mädchen und Jungen, von denen die meisten keinen Platz in der Einrichtung bekommen werden. Manche Eltern fahren ihren Nachwuchs bis in die Innenstadt - und eine Lösung des Problems ist nicht in Sicht.Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto am liebsten bis ins Klassenzimmer fahren, und Raser, die auf Schulwegen Vollgas geben - eine erste Schulweg-Bilanz der Polizei stellt Autofahrern in Dortmund und Lünen keine guten Noten aus. Vor allem Eltern von Schulkindern zeigen sich beratungsresistent.

Ein Leben im Grünen, vor der Tür ein Naturschutzgebiet - und das alles nur ein paar Kilometer von der Innenstadt entfernt: Das Neubaugebiet Hohenbuschei lässt auf den ersten Blick keine Wohnwünsche offen. Besonders für junge Familien scheint das Quartier mit seinen über 900 Wohneinheiten wie ein Paradies, herrscht doch an Spielflächen und verkehrsberuhigten Bereichen, vor allem aber an Spielkameraden, kein Mangel.

Jedes Jahr ein Drama

Die große Schar an kleinen Kindern bringt allerdings ein Problem mit sich, denn die Zahl der Kita-Plätze steht in keinem Verhältnis zur Anzahl der hier lebenden Mädchen und Jungen.

"Es ist jedes Jahr ein Drama", sagt Jolanta Mlocek-Kupczak, Leiterin der Kindertagesstätte Hohenbuschei, "wir hatten schon weinende Eltern hier." Obwohl die Einrichtung des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund dank einer Ausnahmegenehmigung derzeit 68 statt der ursprünglich 55 geplanten Plätze anbiete, reiche die Kapazität bei Weitem nicht aus. "Momentan stehen 210 Kinder auf der Warteliste", verdeutlicht Mlocek-Kupzak die Ausmaße. Und täglich kämen neue Anmeldungen hinzu.

Verlosung der Plätze

Als die Tagesstätte im November 2013 ihre Arbeit aufnahm, waren noch längst nicht alle der heute bezogenen Häuser des Neubaugebietes fertiggestellt. Trotzdem überstieg die Nachfrage nach Kitaplätzen das vorhandene Angebot bereits damals deutlich.

"Die Liste war lang", erinnert sich die Leiterin, "wir mussten die Plätze schließlich verlosen." Und damit hätten die neu zugezogenen Eltern nicht gerechnet: "Sie waren davon ausgegangen, dass alles ausreichend vorhanden ist. Doch es wurde voller, voller, voller."

Situation spitzt sich zu

Seit der Eröffnung habe sich die Situation sogar noch zugespitzt. Jeweils zu Beginn des neuen Jahres würden die Eltern informiert, ob ihr Nachwuchs einen Platz bekomme - oder eben leer ausgehe. "Wer keinen positiven Bescheid erhalten hat, beschwert sich häufig bei uns. Es kommt sogar vor, dass Eltern um einen Platz betteln", sagt die Leiterin.

Manche Eltern bleiben zu Hause

Denn die Alternativen seien alles andere als zufriedenstellend. "Die Situation in den Brackeler Kitas, die Hohenbuschei am nächsten liegen, ist ebenfalls kritisch", weiß Mlocek-Kupczak. "Manche Eltern bringen ihre Kinder deshalb bis in die Innenstadt; es gibt sogar Fälle, in denen ein Elternteil wegen der Betreuung zu Hause bleibt, obwohl er eigentlich arbeiten wollte."

Und es könne sogar noch schlimmer kommen, befürchtet Mlocek-Kupczak. Denn ob die Kita auch künftig mehr als die ursprünglich eingeplanten 55 Kinder aufnehmen darf, stehe noch in den Sternen, da das Landesjugendamt eigentlich einen schrittweisen Abbau der überschüssigen Plätze anpeile. "Das bereitet mir Bauchschmerzen, denn eine Abnahme an Plätzen würde zugleich einen Personalabbau bedeuten. Dann müssten Kolleginnen gehen."

Heute würde größer geplant

Dortmunds Jugendamtsleiter Klaus Burkholz kennt nicht nur die Kita-Problematik in Hohenbuschei, sondern auch deren Ursachen. "Als Anfang der 2000er-Jahre im Rahmen eines städtebaulichen Verfahrens ein Neubaugebiet geplant wurde, gab es für Kinder unter drei Jahren noch keinen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz", sagt Burkholz. Dementsprechend kleiner fielen die Kindergärten damals aus. "Heute würden wir größer planen", fährt Burkholz fort, "aber es stehen dort keine Grundstücke mehr zur Verfügung."

Zudem sei die Anzahl der Kinder unter drei Jahren in Dortmund aufgrund von Zuwanderung, Zuzug und höheren Geburtenraten deutlich gestiegen. "In der jüngeren Vergangenheit wurden immer um die 5000 Kinder geboren, 2015 waren es schon 5200, 2016 dann 5800. Das war die höchste Geburtenzahl seit 25 Jahren." Eine im Voraus kaum absehbare Entwicklung, die für Engpässe sorgt. Vor allem, da Kinder ab dem ersten Geburtstag seit 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz oder eine Tagesmutter-Betreuung haben.

Abhilfe kaum möglich

Speziell in Hohenbuschei für Abhilfe zu sorgen, sei angesichts der räumlichen Verhältnisse kaum möglich, weiß Burkholz. Obwohl ebenfalls kein sorgenfreier Bereich in Sachen Kita, sehe die Welt im gesamten Raum Brackel besser aus - zumindest, wenn man Asseln und Wambel mit einbeziehe. Das Motto "Kurze Beine, kurze Wege" gilt in Randgebieten nur bedingt.

Doch wenigstens eine akute Sorge kann der Jugendamtsleiter Jolanta Mlocek-Kupczak nehmen: Die Zahl von 68 Kindern habe auch im kommenden Jahr Bestand. Die Eltern, die dennoch keinen Platz für ihren Nachwuchs bekommen, werden ob dieser Nachricht vermutlich keine Luftsprünge machen.

Eine durchwachsene Bilanz zieht die Polizei nach Beginn des neuen Schuljahres seit Ende August: Bei einem Schulwegunfall ist ein Mädchen (12) leicht verletzt worden. Zuletzt ist die Zahl der Schulwegunfälle gestiegen.

Schlechte Nachrichten liefern auch die Eltern der Schulkinder selbst und Raser. Polizeisprecherin Amanda Nottenkemper: "Bei den Kontrollen zu Schulbeginn ist auf Schulwegen an jedem zweiten Tag ein Autofahrer doppelt so schnell gefahren wie erlaubt."

"Das Verhalten der meisten Eltern hat sich leider nicht geändert: Am liebsten fahren sie ihre Kinder mit dem Auto bis vor die Schule oder, wenn das möglich wäre, sogar direkt bis ins Klassenzimmer", sagt der 1. Polizeihauptkommissar Ralf Lenfert aus der Verkehrsdirektion der Polizei. Aus etlichen Informationsgesprächen im letzten Kindergartenjahr oder nach Kontakten in und vor den Schulen würden die Auto-Eltern keine Konsequenzen ziehen.

Patzige Antworten

Sprechen Polizisten diese Eltern an, erhalten sie teils patzige Antworten oder Ausreden à la "Ist doch nur kurz und ich bin gleich wieder weg". "Solche Antworten können wir nicht nachvollziehen, zumal es uns um die Sicherheit der Kinder geht", sagt Amanda Nottenkemper.

Dass Eltern mit ihren Autos in der Masse vor den Schulen für eine unübersichtliche Situation sorgen und mit den hohen Abgaswerten der noch nicht warm gefahrenen Motoren die Luft verpesten, die andere Kinder einatmen, ist ihnen offenbar egal. Dazu kommt, dass mit dem Auto zur Schule gefahrene Kinder kein selbstständiges Verhalten im Straßenverkehr lernen. Neu sind diese Botschaften der Polizei nicht. Die Bezirksdienstbeamten der Polizei wiederholen sie Jahr für Jahr.

Wer ist verantwortlich?

Für Risiken verantwortlich sind auf Schulwegen nicht allein die Eltern: Bei intensiven Kontrollen in den zwei Wochen nach Schulbeginn erkannte die Polizei in Dortmund und Lünen 1939 Verkehrs-Verstöße von vielen anderen Autofahrern auf Schulwegen - in 1244 Fällen waren sie zu schnell unterwegs.

324 PKW-Fahrer parkten im Halteverbot und behinderten dabei den Verkehr oder erschwerten die Sicht. Daraus können gerade für Schulkinder gefährliche Situationen entstehen. Diese Zahlen sind für die Polizei Grund genug, weiter zu kontrollieren. Um Schulkinder zu schützen.

Trotz intensiver Kontrollen und vieler Gespräche "sind die Probleme weiter da", berichtet Ralf Lenfert. Krass: Auf einem Schulweg stoppte die Polizei einen Raser, der bei erlaubten 50 km/h mit Tempo 92 unterwegs war. In einer Tempo-30-Zone, ebenfalls ein Schulweg, konnte die Polizei einen Fahrer mit 67 km/h messen.

Mit fortschreitender Jahreszeit müssen Autofahrer und Schulkinder besondern gut aufpassen: Morgens im Berufsverkehr ist es wieder dunkel. Die Polizei rät dazu, Schulkinder mit Reflektoren auszustatten, damit sie besser gesehen werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Bahnhof Sinsen nach Sperrung wieder für den Verkehr freigegeben - Frau geriet unter Zug
Bahnhof Sinsen nach Sperrung wieder für den Verkehr freigegeben - Frau geriet unter Zug
Nach Gewaltausbruch in Vinnum: SV Herta darf weiter spielen - aber unter Aufsicht
Nach Gewaltausbruch in Vinnum: SV Herta darf weiter spielen - aber unter Aufsicht
15-monatige Baustelle in Herten-Süd beginnt mit einer Vollsperrung
15-monatige Baustelle in Herten-Süd beginnt mit einer Vollsperrung
Chemiepark Marl: Hier wird der "intelligente" Kunststoff der Zukunft produziert
Chemiepark Marl: Hier wird der "intelligente" Kunststoff der Zukunft produziert
Gewalt in der Kreisliga: GW Erkenschwick will Zeichen setzen
Gewalt in der Kreisliga: GW Erkenschwick will Zeichen setzen

Kommentare