Kneipe Haus Hiddemann öffnet nur noch dienstags

Bei Pils und Reibeplätzchen pulsiert das dörfliche Leben

Dortmund - Im Haus Hiddemann ist es immer dienstags proppenvoll: Dann wird gequatscht, gewürfelt und getrunken. Wenn Christa Hiddemann die Kneipentür öffnet, kommen Jung und Alt.

Wer auf dem proppenvollen Parkplatz irgendwie ein Plätzchen ergattert hat und anschließend den Schankraum betritt, könnte im ersten Augenblick meinen, er sei in einer Zeitmaschine und nicht mit dem Pkw angereist. Es ist Dienstag, 19 Uhr - ein Zeitpunkt, zu dem die Kneipen vielleicht in den 70er- und 80er-Jahren voll besetzt waren, aber sicher nicht im 21. Jahrhundert. Doch in Brechten ticken die Uhren etwas anders.

In der Gaststätte Hiddemann an der Evinger Straße sind alle Tische ebenso belegt wie die Plätze am Tresen. Eine Mischung aus Reden, Lachen und dem Klackern der Würfel, die mit Lederbechern auf die alten Holztische gekegelt werden, prägen den Raum ebenso wie Jagdtrophäen, Ölbilder, österliche Soleier und Stößchen, in denen noch so mancher sein Pils trinkt. Dienstag ist Hiddemann-Tag.

Nur noch dienstags

Udo Kramer sitzt am Tisch neben der Eingangstür, ein Bierglas in der Hand, die Theke im Blick. 1977 ist der heute 79-Jährige nach Brechten gezogen; seither verkehrt er bei Hiddemann, einer Dorfkneipe, die auf der Roten Liste für bedrohte Arten stehen könnte. "Anfangs", erinnert sich Kramer, "gab es nur einen Ruhetag in der Woche. Da waren hier vor allem Bauern, Jäger und Mitglieder des Posaunenchors." Seit vielen Jahren öffnet die Gaststätte aber nur noch dienstags ihre Pforten - da erübrigt sich beinahe die Frage, was man an diesem Tag macht.

Das gilt übrigens nicht nur für eingefleischte Brechtener, sondern auch für Gäste aus Übersee. "Mein Schwiegersohn hat amerikanische Geschäftspartner, die häufiger aus beruflichen Gründen nach Deutschland kommen", erzählt Kramer. "Die legen die Reise immer so, dass sie den letzten Dienstag des Monats in Dortmund sind.

Dann gibt's bei Hiddemann Reibekuchen." Dass der 79-Jährige darüber herzlich lacht, ist kaum zu hören: Zeitgleich erklingt hinterm Tresen nämlich eine Glocke. Wenn ein Gast Trinkgeld gibt, wird gebimmelt. So sind seit jeher die Gepflogenheiten.

Apropos Historie: Der Bauernhof an dieser Stelle beherbergte bereits seit dem 18. Jahrhundert ein Gasthaus, einst verbunden mit einer Zollstation. "Das heutige Gebäude stammt aus dem Jahr 1834", sagt Christa Hiddemann, Wirtin und gute Seele des Lokals in Personalunion. "Und seitdem ist hier 'ne Gaststätte drin."

Für Speis und Trank zeichneten zunächst diverse Urahnen, dann Christa Hiddemanns Großeltern und schließlich ihre Eltern verantwortlich. "Ich bin in der Kneipe groß geworden", sagt die Frau mit dem mysteriösen Alter: "Ich bin 29 - allerdings schon länger."

Ohne Haus Hiddemann geht nichts

2002 machte die Gaststätte dicht. Doch Brechten ohne Haus Hiddemann? Irgendwie schwer vorstellbar. "Wir haben dann die alten Kneipentische in der Scheune gefunden und restauriert", erzählt die Wirtin. "Damit fing alles an." Seit 2004 läuft der Zapfhahn wieder; allerdings nur dienstags - so wie es zuletzt schon ihre Eltern handhabten. Vielleicht liegt?s ja an der eingeschränkten Öffnungszeit, dass es an diesem einen Wochentag durchaus später werden kann. "Wir haben schon mal bis 9 Uhr morgens getagt", erzählt das Brechtener Urgestein und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Und das alles ohne Musik und ohne Fernseher. Eben Kneipe pur.

Generationsübergreifend

Wer nun meint, diese Form der Gastronomie überlebe sich mit der Zeit, muss sich eines Besseren belehren lassen. Denn nicht nur betagtere Semester reden und trinken hier. "Als ich 18 war, hat mein Vater mich das erste Mal mitgenommen", sagt der 21-jährige Robin Kanitz. Seither kommt er, wenn es sein Job zulässt. Auch Kumpels aus der Innenstadt habe er schon mitgenommen: "Die sind seitdem öfter hier gewesen." Der Zauber der Dorfkneipe zieht offenbar selbst Großstadtmenschen in seinen Bann.

Aber was genau veranlasst einen jungen Mann, trotz moderner Clubs und Internet am Dienstag in eine ganz normale Kneipe zu gehen? "Die meisten Leute kennen sich. Wenn nicht, lernt man jemanden kennen", schildert Kanitz seine Erfahrungen.

"Und man kann mit jedem über alles quatschen. Generationsübergreifend", sagt der 21-Jährige, der keinen Hehl aus seiner Sympathie für die Wirtin macht: "Ohne Christa gäb's kein Hiddemann." Aus dem Hintergrund fügt jemand hinzu: "Und kein Brechten."

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