Königsblaue Ekstase

Schalker Mannschaft feiert den Derbysieg wie einen Titelgewinn

Dortmund - Nach dem Sieg in Dortmund fällt von den Spielern eine große Last ab. Schalke-Boss Clemens Tönnies feiert im Fan-Block und auf dem Rasen.

Für Clemens Tönnies gab es kein Halten mehr. Kaum war der Schlusspfiff von Schiedsrichter Felix Zwayer ertönt und der überraschende 4:2-Erfolg des FC Schalke 04 in Dortmund perfekt, verließ der 62-Jährige im Sauseschritt seinen Platz inmitten der Schalker Anhänger, überwand einen Zaun und stand auf dem Spielfeld, um jeden Schalker Spieler und Trainer, die ihm über den Weg liefen, innig zu umarmen. Die Last, die vom Schalke-Boss abfiel, war auch bei allen Spielern deutlich zu spüren. „Dieses Spiel werde ich nie vergessen. Jedes Derby, in dem ich bisher dabei war, verlief ein bisschen verrückt“, sagte Benjamin Stambouli und spielte damit auch auf die zwei Roten Karten für die BVB-Akteure Marco Reus und Marius Wolf an.

Derweil konnte es sich Gerald Asamoah nicht verkneifen, auf dem Weg zum Mannschaftsbus immer nur einen Satz zu wiederholen: „2007 Jungs! Ich sage nur 2007!“ Damals hatte der BVB durch einen 2:0-Erfolg gegen die Königsblauen, die sich schon als Deutscher Meister wähnten, erfolgreich in die Titelsuppe gespuckt. Ein gewisser Gerald Asamoah stand übrigens im Schalker Aufgebot. Nun sieht es ganz so aus, als habe sich Schalke für diese Niederlage revanchiert.

Nervenstarker Caligiuri

Wesentlichen Anteil am unerwarteten Erfolg hatte der zweifache Schalker Torschütze Daniel Caligiuri. Beim viel diskutierten Handelfmeter zum 1:1 ließ sich der 31-Jährige ebenso nicht aus der Ruhe bringen wie beim sehenswert verwandelten Freistoß zum 3:1, obwohl ihm Mannschaftskamerad Bastian Oczipka von der direkten Ausführung abgeraten hatte. „Oczipka meinte noch, dass ich lieber flanken soll, weil der Ball zu weit weg sei, aber ich habe es mir zugetraut“, so Caligiuri. Schließlich habe er beim Abschlusstraining am Freitag noch erfolgreich Freistöße geübt.

Der wesentliche Faktor des Schalker Sieges lag jedoch in der Mentalität, die auf dem Platz gezeigt wurde. Nicht 30 Minuten, nicht eine Halbzeit, sondern tatsächlich über volle 90 Minuten fighteten die Königsblauen um jeden Ball, so dass die Dortmunder nie in ihren Spielrhythmus fanden.

„Jedes Mal, wenn wir in dieser Saison in Rückstand gerieten, sind wir zusammengefallen. Diesmal sind wir ruhig geblieben“, freute sich Guido Burgstaller. Dabei war die Schalker Ausgangsposition alles andere als einfach, zumal der VfB Stuttgart mit dem Erfolg gegen Borussia Mönchengladbach am Samstagabend auch noch ein sportliches Lebenszeichen aussendete.

Deshalb bleibt es bei sechs Punkten Vorsprung für Schalke auf den Relegationsplatz, aber es sind nur noch drei Spiele zu absolvieren, was die Lage bei besserem Torverhältnis gegenüber Stuttgart weiter verbessert hat. Doch Burgstaller deutete an, wie sehr die Situation vor dem Anpfiff in Dortmund an den Nerven zehrte. „Wir standen total unter Druck. Wenn wir wieder auf die Fresse gekriegt hätten, wäre es vom Kopf her sehr schwierig geworden“, so der 29-Jährige.

Insofern hatte der Sieg in Dortmund für Schalke einen enorm hohen Stellenwert. „Die drei Punkte haben wir gebraucht. Dass wir sie hier geholt haben, macht es umso schöner,“ freute sich Trainer Huub Stevens, der von Clemens Tönnies extra nach dem Abpfiff aus der Kabine geholt wurde, um die Huldigungen der S04-Fans entgegen zu nehmen.

Doch es gab nicht nur Glückwünsche der eigenen Anhänger. Sportvorstand Jochen Schneider freute sich über eine Nachricht ganz besonders. „Der erste, der mir nach dem Spiel geschrieben hat, war Domenico Tedesco“, berichtete der 48-Jährige. Zu den weiteren Gratulanten gehörten die früheren Schalker Spieler Naldo, Leroy Sané und Raul, der auf Instagram schrieb: „Jaaaaa, Derbysieg!“

Zwei Tage trainingsfrei

Stevens spendierte seinen Spielern zwei trainingsfreie Tage, um durchzuschnaufen. Erst am Mittwoch geht es mit zwei Einheiten weiter. Im Heimspiel gegen den FC Augsburg wollen die Königsblauen mit einem Sieg letzte Zweifel am Klassenerhalt ausräumen. „In dieser Partie müssen wir genauso auftreten wie gegen die Schwarz-Gelben. Dann bleiben die Punkte in Gelsenkirchen,“ glaubt Breel Embolo, der mit seinem Tor zum 4:2 seine Mannschaft endgültig auf die Siegerstraße schoss.

Sollte der angestrebte „Dreier“ gegen Augsburg gelingen, ist nicht auszuschließen, dass Clemens Tönnies die nächsten Jubelattacken aufführen wird. Übung darin hat er ja schon.

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