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Liebevoll gestaltete Gärten sind ein charakteristisches Merkmal der Zechensiedlung in Dorsten-Hervest.

Die Kolonie ist erblüht

Zu Besuch in der Zechenkolonie Dorsten-Hervest

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DORSTEN - Der elfte Teil unserer Serie: Abschied von der Steinkohle. Ein Rundgang durch die Hervester Zechensiedlung verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit.

Die Sonne kaum zu sehen, die Häuser grau, der Himmel verhangen: Als die Siedlung neben der Zeche Fürst Leopold in Dorsten-Hervest entstand, vor etwa 100 Jahren, war sie und das Leben hier aus vielen Gründen grauer als heute. Mittlerweile steht die Kolonie unter Denkmalschutz. Und heute scheint auch die Sonne, als Wolfgang Littwin vom Verein für Bergbau-, Industrie und Sozialgeschichte seine Mappe mit Bildern, Plänen, Erinnerungen und Details zückt und die Teilnehmer an der Führung durch die Zechenkolonie begrüßt. 1912 hatten die Bauarbeiten zwischen der Halterner Straße und der Lippe begonnen, direkt gegenüber dem Zechengelände. Kriegsbedingt konnte die Siedlung aber erst 1920 fertiggestellt werden, insgesamt entstanden 845 Wohnungen in meist anderthalbgeschossigen Häusern.

Barbara Maas geht heute mit, sie hat hier bis zu ihrem vierten Lebensjahr gelebt, und auch Friedhelm Ruppel, der seit zehn Jahren in dieser Siedlung lebt, ist heute hier „Tourist“. „Ich wollte auch mal eine Führung mitmachen, um mehr über meine Gegend zu erfahren.“ Wenig später spaziert das Trüppchen an seiner Haustür, der mit der Nummer 141, vorbei.

Aber los geht es zunächst mit dem Brunnenplatz, der lange schon so hieß, bevor es überhaupt einen Brunnen gab. „Aus vielen Gründen wurde die Errichtung des Brunnens immer wieder aufgeschoben, Kriege kamen dazwischen, Geldsorgen, anderes hatte Priorität.“ Littwins Erklärungen werden von einem lauten Klingeln unterbrochen. Der Eiswagen ist da. „Früher haben allein rund um den Spiegel-Platz in dieser Siedlung fast 100 Kinder gelebt.“ Heute geht nur eine Dame mittleren Alters langsam zum Eiswagen hinüber. Kinder sind keine zu sehen.

Littwin schlägt die ersten Seiten der Mappe auf und sagt: „Wir machen als Bergbauverein speziell diese offene Führung durch die Siedlung jetzt im zweiten Jahr, aber die Struktur wird sich im nächsten Jahr ein wenig ändern.“ Dann beginnt er zu erzählen, ruhig und mit einer Prise Humor – ihm sind diese Straßen, Häuser und Plätze ans Herz gewachsen, obwohl „ich hier nie gewohnt habe, immer nur direkt außerhalb der Siedlung“. Trotzdem gäbe es ihn ohne die Kolonie nicht, haben sich doch seine Eltern hier kennengelernt. „Ich hatte Freunde hier und war oft zum Spielen da, aber ich kannte auch nur den evangelischen Teil der Siedlung, erst Jahrzehnte später ist mir aufgefallen: Da ist ja noch mehr Siedlung.“ Aber der Horizont der Kinder reichte damals nur bis zum nächsten Spielkameraden, Taubenschlag oder Pättken.

Und dennoch war die Welt groß und spannend. Das „Rennpferd des kleinen Mannes“, die Tauben, brachten einen Hauch von großer, weiter Welt mit. In den meisten Gärten gurrten und flatterten die Tiere mit ihren kleinen Ringen an den Beinen in etwa 600 Taubenschlägen. Vom Brunnenplatz, vor vielen Jahrzehnten umsäumt von Geschäften mit Dingen für den täglichen Gebrauch – es gab eine Drogerie, ein Schuhhaus, einen Eisenwarenhändler, einen Metzger und einen der größten Fladenbrot-Bäcker –, geht es durch die Straßen und über die Wege. Eine alte Hafenbahnstrecke kreuzt, heute erinnert nur noch das Muster der Pflastersteine auf dem Radweg an die Trasse.

Alle paar Minuten bleibt Wolfgang Littwin stehen und deutet auf Giebel, Eingänge, und Fenster. Erklärt, warum manche Häuser Backsteinfassaden haben und andere nicht. „Hier, diese Häuser stehen im Halbrund, auf diesem Plan hier sieht man: Die sollen den Eingangsbereich in die Siedlung darstellen.“ Von oben sehen die Gebäude aus wie zwei offene Arme zum herzlichen Willkommensgruß ausgestreckt.

„Der Architekt der Siedlung, Heinrich Wilhelm Eggeling, hatte damals mit seinen Entwürfen einen Wettbewerb gewonnen“, erklärt Littwin weiter. „24 verschiedene Grundrisse gab es nur, und ganz bewusst eine architektonische Rückschau ins vorherige Jahrhundert – vermutlich, damit die Bewohner sich direkt heimisch und wohl fühlen sollten.“

Der Denkmalschutz heute bedeutet, dass sich nicht viel ändern lässt, manche Leute tun es trotzdem. Viele der Wohnungen sind heute nur mit einem Wohnberechtigungsschein zu beziehen, einen Leerstand gibt es selten. Manche Besitzer geben sich viel Mühe, aus den Zechenhäusern kleine bildhübsche Zuhause zu machen, aber auch die schlichteren haben immer noch ihren Charme. Die kleinen Steinverandas vor vielen Eingängen, die Haustüren, die sich direkt vom Bürgersteig aus in die Gebäude öffnen, all das hat seinen eigenen Charme. Ein paar Schritte weiter gibt es einen „Gourmettempel“ besonderer Art – die hochgelobten Currywürste, Frikadellen und den berühmten Kartoffelsalat im Glückauf-Grill sollte man sich nicht entgehen lassen. Lange stand hier die Mutter von Sternekoch Frank Rosin hinter der Theke, seit einiger Zeit führt Diane Einhaus den Laden.

„Ich weiß übrigens auch, wie es hier im Gefängnis geschmeckt haben muss, das sich bis in die 1940er-Jahre hier befand“, gibt Littwin schmunzelnd zu und deutet auf ein Haus. Natürlich nicht etwa, weil er selbst im Kittchen saß. Sondern weil später die Witwe des Polizisten nach dem Tod ihres Mannes zur Untermiete bei den Littwins wohnte und den lütten Wolfgang gelegentlich bekochte.

Ansätze aus der Gartenstadtbewegung sind immer wieder sichtbar, die Häuser sind vor- und zurückspringend angeordnet, die Dachflächen variieren durch Gauben und Quergiebel, viele Freiräume wurden an den Straßeneinbuchtungen angelegt, Alleen und andere Bepflanzungen lockern das Bild auf. Aber: Die Idee, die Autos komplett aus der Siedlung zu verbannen, „die hat sich leider nie durchgesetzt“, bedauert Wolfgang Littwin.

Weitere Führungen in 2019

Die nächsten offenen Führungen durch die Siedlung werden im neuen Jahr stattfinden. Informationen dazu gibt es dann zeitnah auf .

Am 28. Oktober gibt es noch eine offene etwa 90-minütige Führung auf dem Zechengelände inklusive der Maschinenhalle, der Lohnhalle und der Kaue. Los geht’s um 13 Uhr an der Maschinenhalle. Die Teilnahmegebühr beträgt 5 Euro (Kinder bis 12 Jahre gratis).

Informationen zu anderen Führungen, die für Gruppen gebucht werden können, finden sich auch auf .

Trauungen und Hochzeitsfeiern können auf Fürst Leopold auch gefeiert werden. Mehr Informationen gibt es unter 0 23 62 / 9 97 21 77 oder per Mail an

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