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Beim "Megamarsch" laufen die Teilnehmer 100 Kilometer durchs Ruhrgebiet.

100 Kilometer durchs Ruhrgebiet

"Megamarsch" - Gerade die Nacht flößt Ilona Karnstedt (36) Respekt ein

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Ilona Karnstedt (36) startet beim „Megamarsch“ durchs Ruhrgebiet. Die Herausforderung lautet: 100 Kilometer wandern – und das „am Stück“. In der Regel kommen 20 bis 25 Prozent der Teilnehmer ins Ziel.

Die Idee klingt verrückt: 100 Kilometer wandern – und das innerhalb von nur 24 Stunden. Ilona Karnstedt träumt genau davon. Und nicht nur das. Die 36 Jahre alte Recklinghäuserin wird es auch tatsächlich versuchen und am „Megamarsch“ durchs Ruhrgebiet teilnehmen. Der findet am 27. Juli erstmals im Revier statt. Start und Ziel ist im Park „Am Hallo“ in Essen.

„Natürlich ist es wahnsinnig, das zu machen“, sagt die freiberufliche Mediengestalterin. „Aber die Vorstellung reizt mich irgendwie. Ich möchte einfach ausprobieren, ob mein Körper das schaffen kann.“

Vor drei Jahren wurde die „hundert24 GmbH“ in Mönchengladbach von Frederick Hüpkes und Marco Kamischke gegründet – und die organisiert seitdem diese 50 bzw. 100 Kilometer langen Ex-trem-Wanderungen. 2016 fand der erste „Megamarsch“ in Köln statt. „Und in diesem Jahr bewegen wir 30.000 Leute bei insgesamt 14 Veranstaltungen“, sagt Bernd Gröne.

Der ehemalige Radprofi aus Recklinghausen, der 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul die Silbermedaille im Straßenrennen gewonnen hat, arbeitet seit Anfang dieses Jahres als Betriebsleiter bei der Agentur. „Das Charmante an den ‚Megamärschen‘ ist, dass es nicht um Zeiten oder Platzierungen geht, sondern darum, diese gewaltige Herausforderung gemeinsam zu bewältigen“, erzählt Gröne.

Auch deshalb würden sich in den Zieleinläufen teilweise unbeschreibliche Szenen abspielen. „Ich habe noch nie so viele vor Glück weinende Menschen gesehen wie beim ‚Megamarsch‘ in Hamburg. Da lagen sich wildfremde Leute in den Armen“, so der 56-Jährige. „Die waren total ergriffen von dem Erlebnis, es geschafft zu haben.“

Auch Ilona Karnstedt kennt diese Bilder – und würde solche Emotionen so gerne mal selbst erleben. Die 36-Jährige hat bereits bei mehreren 50 und 100 Kilometer langen „Megamärschen“ mitgemacht, aber noch nie das Ziel erreicht. Bei ihrer Premiere in Köln ist sie 25 Kilometer gelaufen, in Bremen etwa 30, in Hamburg 40. Aber auch dafür gab es schon eine Urkunde. „Wir wollen schließlich Leistung generell anerkennen. Und 40 Kilometer sind ja auch schon eine Nummer“, betont Gröne.

Ein „Kick“ für den sonst so geregelten Alltag

Karnstedt schwärmt von der Lauf-Community, in der einer dem anderen hilft. Von Anwohnern, die den Wanderern den Rasensprenger in ihrem Garten einschalten oder Kuchen reichen. Und von den attraktiven Strecken.

Großen Respekt hat die Recklinghäuserin vor der Nacht: „Mit einer Stirnlampe durch die Dunkelheit zu laufen, wenn man eigentlich müde ist und schlafen sollte, geht einfach komplett gegen den Bio-Rhythmus – und ist auch ein bisschen gruselig.“

Denn bei diesem Gemeinschaftserlebnis kann man sich zwischendurch auch mal alleine fühlen: Weil sich das Teilnehmerfeld auseinanderzieht, es keine abgesperrte Strecke gibt und zwischen den vier Verpflegungsstellen jeweils 20 Kilometer liegen.

„Wir haben aber Sanitäter, die die Strecke mit Quads abfahren“, so Gröne. Außerdem sei an jeder Verpflegungsstelle ein Rettungswagen. „Das Schlimmste, was wir bisher hatten, war ein umgeknickter Knöchel – toi, toi, toi – und natürlich ohne Ende Blasen.“

Bereits nach zehn Kilometern stehen immer die ersten Wanderer am Wegesrand „und kleben sich die Füße mit Pflastern voll“, hat Karnstedt festgestellt. Die Blasen-Prophylaxe sei sowieso eine Wissenschaft für sich: „Die einen tauschen regelmäßig die Socken, andere die Schuhe und einige laufen zwischenzeitlich sogar barfuß.“

Ähnlich kurios und vielfältig sieht es beim Thema Ernährung aus. An den Verpflegungsstationen gibt es Wasser, Bananen, Müsliriegel. „Aber auch tonnenweise Gurken. Die Wanderer haben unterwegs Bock auf einen ganz intensiven Geschmack“, so Gröne. „Eine Gurke mit einer richtig fett abgeschnittenen Scheibe Salami – yes!“, sagt Karnstedt lachend – und deutet eine Becker-Faust an.

Die 36-Jährige hat früher Fußball im Verein gespielt, joggt, macht auch Yoga. Im vergangenen Jahr wurde sie an der Bandscheibe operiert, konnte phasenweise kaum laufen. Um so gespannter ist sie jetzt, was in ihrem Körper noch so steckt.

Die extreme körperliche und mentale Belastung einer 24-Stunden-Wanderung sei für viele Teilnehmer ein außergewöhnliches Abenteuer, ein Kick, den sie im sonst so durchgeregelten Alltag kaum noch erleben könnten, denkt Gröne. „Man weiß nicht, was passieren wird“, sagt Karnstedt dazu. Sie ist wegen der Strecke vor der Haustür diesmal noch „heißer“ als zuletzt: „Den ‚Pott‘ zu schaffen – das bringt noch mal eine Extra-Motivation.“

Info: Der „Megamarsch Ruhrgebiet“ findet am Samstag, 27. Juli, statt. Er beginnt um 16 Uhr im Park „Am Hallo“ in Essen. Dort ist auch 24 Stunden später der Zieleinlauf. Organisator Bernd Gröne rechnet mit 1500 bis 2000 Teilnehmern. Erfahrungsgemäß schafften davon zwischen 20 und 25 Prozent die gesamten 100 Kilometer.

Eine Medaille erhalten nur die „Finisher“, Urkunden gibt es aber auch schon, wenn man 40, 60 oder 80 Kilometer wandert.

Stationen der Strecke sind: Zeche Zollverein, Gasometer Oberhausen, Landschaftspark Duisburg-Nord, Baldeneysee Essen. Die GPS-Daten dazu werden zwei Wochen vor dem Start zum Download bereitgestellt. Auf der Homepage gibt es Tipps zur Ausrüstung und Vorbereitung. Dort kann man sich auch anmelden. Ein Startplatz kostet knapp 69 Euro.

Eine andere Wandertour in und um Datteln musste nun abgesagt werden. 

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