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Hiobsbotschaft am Straßenrand: Die Sperrung der Lippebrücke in Datteln-Ahsen zwingt Autofahrer zu weiten Umwegen.

Kreisverwaltung

Kritik aus dem eigenen Haus

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KREIS RECKLINGHAUSEN - Im Fall der gesperrten Lippebrücke Ahsen steht der Vorwurf der Nachlässigkeit im Raum. Die Kreisverwaltung bezeichnet das als haltlos. Eine Brückenprüferin des Kreises hat aber ein Schreiben an den Präsident des NRW-Landrats gerichtet.

Die gesperrte Lippebrücke in Datteln-Ahsen setzt den Kreis Recklinghausen mächtig unter Druck. Den Vorwurf, die Behörde sei nachlässig mit dem Bauwerk umgegangen, bezeichnet Carsten Uhlenbrock, Tiefbau-Chef im Kreishaus, jedoch als haltlos.

Brisant ist, dass die Kritik aus dem eigenen Haus kommt. Eine Diplom-Ingenieurin, die als Brückenprüferin für die Kreisverwaltung gearbeitet hat, bemängelt das Fehlen von Protokollen und Prüfberichten im sogenannten Bauwerksbuch, das vergleichbar ist mit einer Patientenakte beim Arzt. Obwohl der Zustand der Brücke seit 15 Jahren mit „ungenügend“ eingestuft worden sei, seien keine größeren Instandsetzungsmaßnahmen beziehungsweise genaueren Betonuntersuchungen durchgeführt worden, so die Ingenieurin. Die Brückenbücher anderer Bauwerke des Kreises sähen ähnlich aus, heißt es in ihrer „Petition“, die sie an den Präsidenten des NRW-Landtags gerichtet hat. Das Schreiben liegt der Redaktion vor.

Personelle Engpässe im Fachdienst Tiefbau

Die Kreisverwaltung weist die Vorwürfe zurück. Die Bauwerksbücher seien in Ordnung, sie würden seit 2004 jedoch nur noch elektronisch geführt, sagt Carsten Uhlenbrock auf Anfrage unserer Zeitung. Dass die Daten korrekt seien, habe das Rechnungsprüfungsamt des Kreises bestätigt. Auch habe es in der Zeit Sanierungsmaßnahmen an der Brücke gegeben. „Die Standsicherheit stand bis 2017 nicht infrage“, betont der Leiter des Fachdienstes Tiefbau.

Der Kreis Recklinghausen ist für insgesamt 95 Brückenbauwerke zuständig. Er hat für den Unterhalt und die Verkehrssicherheit zu sorgen. In einer Antwort auf eine Anfrage der Linken im Kreistag räumt die Kreisverwaltung personelle Engpässe im Tiefbau-Bereich ein. Auch eine von zwei Stellen für Brückenprüfingenieure habe „trotz mehrfacher Bemühungen“ nicht wiederbesetzt werden können. Der Kreis versucht sich mit Vergaben an externe Ingenieurbüros zu helfen. Doch auch deren Auftragsbücher sind randvoll. Unter diesen Bedingungen sehe sich der Kreis gezwungen, eine Priorisierung der Maßnahmen vorzunehmen, so Uhlenbrock.

Für die Prüfung von Brückenbauwerken gibt es Vorschriften – die DIN 1076. Verbindlich ist die Norm für Bund und Land, nicht jedoch für kommunale Straßenbaulastträger. Der Kreis folgt nach eigenen Angaben dennoch den Vorgaben der DIN 1076, der „allgemein anerkannten Regel der Technik“. Die schreibt vor, dass alle sechs Jahre eine Hauptprüfung stattzufinden hat. Untersucht werden dann u. a. die Tragkonstruktion aus Beton und Stahl, die Geländer, der Asphalt sowie die Lager, auf denen die Brücke liegt.

Prognose wurde von der Realität überholt

An der Lippebrücke in Ahsen fand die letzte Hauptprüfung am 26. Juni 2017 statt. Durchgeführt wurde sie von der Ingenieurgesellschaft Prof. Dr. Mertens, einem anerkannten Büro für solche Aufgaben, wie Uhlenbrock betont. Die Brücke erhielt die Benotung 4,0 („ungenügender Bauwerkszustand“) – schlechter geht es nicht. Als Ergebnis der Prüfung wurde u. a. eine Gewichtsbeschränkung auf 3,5 Tonnen eingeführt. Eine zusätzliche Auflage waren weitere Kontrollen im Dreimonatsrhythmus. Mertens gab der Brücke im Juni immerhin noch eine Lebenszeit von „maximal fünf bis sechs Jahren“. Acht Monate später, im Februar 2018, beauftragte die Kreis-Politik den Landrat, einen Neubau in Angriff zu nehmen. Zu diesem Zeitpunkt gingen die Verantwortlichen im Kreishaus davon aus, noch genügend Zeit dafür zu haben.

Doch die Lage spitzte sich schnell zu. Bei einer Prüfung im April 2018 wurden – möglicherweise eine Folge des Winters – eklatante Schäden an den Gelenkträgern diagnostiziert. Einsturzgefahr! Die Brücke, die eine wichtige Verbindung zwischen den Kreisen Recklinghausen und Coesfeld darstellt, wurde gesperrt – nicht nur für Autofahrer, sondern sogar für Radler und Fußgänger.

Die Ahsener Lippebrücke

Die Lippebrücke Ahsen liegt an der Kreisstraße K 9, die die Kreise Recklinghausen und Coesfeld miteinander verbindet.

Die 110 Meter lange Brücke (Baujahr 1920) ist im April wegen Einsturzgefahr für alle Verkehrsteilnehmer – vom Autofahrer bis zum Fußgänger – völlig überraschend gesperrt worden. Selbst ein Unterqueren der Brücke im Kanu ist verboten – „Lebensgefahr!“

Für Pendler und Radtouristen ist das ein herber Schlag. Sie müssen nun weite Umwege in Kauf nehmen. Gastronomen und Geschäftsleute in Ahsen erleiden Umsatzeinbußen, weil der Durchgangsverkehr fehlt.

Bei einem Krisentreffen im Juni verständigten sich die Städte Datteln und Olfen sowie die Kreise RE und COE darauf, dass „so schnell wie möglich“ zumindest eine Behelfsbrücke installiert werden soll. Der Kreis sucht aktuell nach einem Ingenieurbüro, das die Planung übernimmt. Innerhalb der nächsten zwei Jahre könnte die Verbindung wieder hergestellt sein, so die Hoffnung des Kreises. Der Kreis Coesfeld beteiligt sich zu 50 Prozent an den Kosten.

Verfügt wurde die Vollsperrung von jener Brückenprüferin, die aktuell nicht mehr beim Kreis beschäftigt ist, aber mit der Behörde arbeitsrechtlich im Clinch liegt. Wegen des laufenden Verfahrens lehnt sie gegenüber unserer Zeitung jegliche Stellungnahme ab. In dem Brief an den Landtagspräsidenten betont sie, dass es für die Kommunen wirtschaftlicher sei, Unterhaltungsmaßnahmen auf Eis zu legen und stattdessen alle Energie in Neubauten zu stecken. Für die gebe es nämlich Fördergelder. Wörtlich schreibt sie: „Ein kaputtes Bauwerk ohne Unterhaltung ist genauso viel wert wie mit Unterhaltung.“

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