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Lautstark ziehen die Bergleute und ihre Begleiter durch die Straßen von Bottrop.

Kündigung kam mit dem Boten

170 Kumpel ziehen demonstrierend zur Arbeitsagentur

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BOTTROP - Entlassene Bergleute demonstrieren – und melden sich anschließend arbeitslos. Viele hoffen noch auf den Erfolg einer Klage.

Per Boten sei ihm am Freitag vor Pfingsten die Kündigung zugestellt worden. Elmar Hammerschmidt (52) findet das stillos. Mehr als 30 Jahre sei er für die RAG tätig gewesen, erzählt er. „Und dann hat noch nicht mal einer den Mut, mir das Schreiben persönlich auszuhändigen.“ Hammerschmidt gehört zu den Bergleuten der ehemaligen Bottroper Zeche Prosper Haniel, die sich am Dienstag arbeitslos gemeldet haben. Nicht still und leise, sondern mit Trillerpfeifen und Sirenen. 170 Kumpel, begleitet von Angehörigen, ehemaligen Bergleuten und Anhängern der Marxistisch-Leninistischen Partei (MLPD), zogen bei einer Demonstration lautstark vom Bergwerk bis zur Arbeitsagentur in Bottrop.

Bis jetzt galt es als ehernes Gesetz des deutschen Bergbaus, dass kein Kumpel ins Bergfreie fallen soll. Mit dieser Tradition hat die RAG, ein halbes Jahr nach Schließung der letzten Zechen, gebrochen und betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen. 250 Bergleute seien davon betroffen, sagt Rechtsanwalt Daniel Kuhlmann (Datteln), der nach eigenen Angaben 140 von ihnen vertritt und dabei ist, ein Massenverfahren gegen die Freistellungen zu organisieren.

Die RAG selbst spricht lediglich von rund 200 Kündigungen. Der Konzern argumentiert, die Betroffenen hätten alle Angebote des Unternehmens ausgeschlagen, zu einem anderen Arbeitgeber zu wechseln. Auch die Gewerkschaft IGBCE hatte die Bergleute aufgefordert, die Jobangebote anzunehmen. Die entlassenen Kumpel sehen das ganz anders. „Alles Lüge!“, ruft einer von ihnen ins Megaphon. „Wenn uns tatsächlich lukrative Jobs angeboten worden wären, würde doch keiner von uns hier heute stehen.“ Dass die Gewerkschaft da mitgespielt hat, findet ein anderer Redner „unter aller Würde“. „Wir brauchen Leute, die sich für uns einsetzen“, sagt er.

„Arbeit hätte es noch bis 2030 gegeben“

Bergmann Elmar Hammerschmidt ist seit 1990 als technischer Angestellter über Tage tätig. Bis zu seiner Kündigung saß er in der Grubensicherheitswarte von Prosper Haniel. Leute mit seiner Qualifikation würden noch gebraucht, meint der Bottroper. Die Grubengebäude müssten schließlich noch lange überwacht werden. Seinen Bürojob bei der RAG hätte er gegen einen Arbeitsplatz an einem Hochofen tauschen können. Doch dieses Angebot fand Hammerschmidt alles andere als angemessen.

„Wenigstens bis 2030 hätte es beim Rückbau des Bergwerks noch Arbeit für uns gegeben“, meint auch Thomas Hoffmann (50). Der Bergmann aus Kamp-Lintfort war zuletzt als Schachtsteiger tätig. „Wir besitzen die Qualifikation, und trotzdem wird die Arbeit an Fremdfirmen vergeben“, beschwert sich Hoffmann, der ebenfalls in diesen Tagen seine Kündigung erhalten hat.

90 Prozent der Gekündigten hätten demnächst Anspruch auf Anpassungsgeld (APG) gehabt, berichtet ein Betroffener. „Hier hat die RAG wohl eine Chance gesehen, APG-Berechtigte noch schnell loszuwerden“, vermutet er. Ein Teil der Bergleute will die Kündigung vor Gericht überprüfen lassen und die Weiterbeschäftigung erreichen. Bei der RAG gebe es schließlich genügend Arbeit, die derzeit von Drittunternehmen oder Leiharbeitnehmern ausgeführt werde, sagt Anwalt Daniel Kuhlmann.

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