Kultur hinter Gefängnismauern

Häftlinge in ganz Deutschland lesen Bücher aus Dortmund

Eving - Der "Kunst- und Literaturverein für Gefangene" in der Evinger Mitte betreibt Deutschlands einzige Fernausleihe für Häftlinge. Im Bücherei-Bestand befindet sich (fast) alles.

Wahrscheinlich sitzt gerade irgendwo in Berlin, Hamburg oder München ein Gefangener am Tisch seiner Gefängniszelle und schmökert in einem Buch. Das sei doch nichts Besonderes, meinen Sie? Eigentlich nicht, doch in diesem Falle verhält es sich etwas anders: Die Literatur, die sich der Straftäter gerade zu Gemüte führt, kommt aus Eving. Genauer gesagt: vom Kunst- und Literaturverein für Gefangene, der am Evinger Platz eine eigene Bibliothek betreibt. Und diese Bücherei ist - womit wir beim Besonderen wären - einzigartig in Deutschland.

Von Brecht bis Larsson

In dem ehemaligen Zechengebäude in der Evinger Mitte, wo der Verein 120 Quadratmeter angemietet hat, stehen die Bücher dicht an dicht. Ein Blick in die Regale sorgt selbst bei Liebhabern gehobener Literatur für Freudensprünge: Dostojewski und Solschenizyn warten ebenso auf Leser wie Brecht und Böll. Wobei die meisten dieser vermeintlich hochgeistigen Werke deutlich weniger Gebrauchsspuren aufweisen als die Stieg Larssons Kriminalromane gleich nebenan. Den Grund dafür schildert der Vereinsvorsitzende Bernd Neumicke gleichermaßen kurz wie anschaulich: "Auch ein Knacki liest gern Krimis."

Seit sechs Jahren führt Neumicke den Verein und zeichnet dabei vor allem für die Veranstaltungsreihe "Kultur hinter Mauern" verantwortlich, kümmert sich mit weiteren Ehrenamtlichen aber auch um den Verleih der 23.000 Bücher und 2000 weiteren Medien wie CDs, DVDs und Höcherbücher. Doch was, bitte schön, veranlasst ihn, sich für Kriminelle einzusetzen - zumal er als ehemaliger Landesbeamter außerhalb jeglichen Verdachts steht, selbst mit dem Gesetz in Konflikt gekommen zu sein?

Mund-zu-Mund-Propaganda

"Als ich Pensionär wurde, wollte ich auf keinen Fall nur noch zu Hause sitzen", erzählt der 62-Jährige, "und deshalb habe ich mich im ehrenamtlichen Bereich umgeschaut." So stieß Neumicke auf eine Anzeige der Gefangeneninitiative Dortmund, die einen Helfer für Kulturprojekte hinter Gefängnismauern suchte. Er meldete sich, fand Gefallen an der Arbeit und wurde schließlich Vorsitzender des Kunst- und Kulturvereins. Ein Ehrenamt, das mittlerweile eine große Rolle in seinem Leben spielt: "Zu Spitzenzeiten kann das schon mal 20 bis 30 Stunden pro Woche in Anspruch nehmen."

Kein Geld für Bücher

Die Evinger Bücherei unterscheidet sich übrigens nicht nur beim Klientel von gängigen Bibliotheken, denn Digitalisierung spielt nur eine absolut untergeordnete Rolle. "Meist erfahren die Häftlinge über Mund-zu-Mund-Propaganda von uns", sagt Neumicke. Neben der oft nicht sonderlich gut sortieren JVA-Bücherei gebe es für lesewütige Gefangene nämlich kaum eine Alternative: "Um Bücher zu kaufen, fehlt ihnen die Knete. Sie sind froh, wenn sie sich Tabak leisten können."

Also schildert der Häftling - falls ihm das die JVA erlaubt, was nicht immer der Fall ist - dem Dortmunder Verein in einem Brief oder einer Postkarte seine literarischen Interessen und erhält daraufhin einen Katalog zugesandt. Nachdem er seine Wunschtitel in einem erneuten Schreiben angegeben hat, schickt ihm der Verein die Bücher schließlich zu. Und zwar auf eigene Kosten - der Häftling muss nur das Rückporto bezahlen.

Keine Pornografie

Schwerpunkt der Ausleihe seien Romane und Krimis, aber auch Sachliteratur, zum Beispiel über Fitnessübungen, erfreuten sich großer Beliebtheit. Psychologie-Werke, in denen es um Ehe und Familie oder den Umgang mit eigenen Ängsten gehe, würden ebenfalls regelmäßig ausgeliehen. Und selbst in die Welt der Philosophie tauchten manche Menschen hinter Mauern ein. Den Wünschen seien keine Grenzen gesetzt, sagt Neumicke, nur einige Vorgaben würden streng eingehalten: "Wir verleihen keine politisch rechte und keine pornografische Literatur. Und wenn ein Mord in einem Krimi allzu brutal geschildert wird, ist das ebenfalls tabu."

Vom nicht ganz preiswerten Strafvollzugsgesetz mit Kommentierungen kaufte der Verein, der ansonsten auf Bücherspenden angewiesen ist, gleich zwei Ausgaben, da viele Gefängnisbibliotheken diese Version nicht besitzen. Ein inhaftierter Justiz-Laie kann somit selbst kaum überprüfen, ob eine Revision bei ihm Erfolg verspricht. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

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